Impuls von Max Kronawitter Seelenmuskelkater

29.09.2019

Wenn es der Seele gut geht, geht es auch uns gut, meint Max Kronawitter. Je mehr wir alle zu kleinen und großen Seelsorgern werden, desto gesünder wird diese Welt, ist der Filmemacher überzeugt.

Wo die Seele krankt, dort sind wir in höchster Gefahr. Ihre Signale wahrzunehmen, ist deshalb überlebensnotwendig, meint Max Kronawitter.
Wo die Seele krankt, dort sind wir in höchster Gefahr. Ihre Signale wahrzunehmen, ist deshalb überlebensnotwendig, meint Max Kronawitter. © Syda Productions – stock.adobe.com

„Max, meine Seele hat Muskelkater.“ Mit dieser Antwort überraschte mich eine Bekannte auf meine Frage, wie es ihr geht. „Seelenmuskelkater“. Diese Wortkombination hatte ich noch nie gehört. Wie kann eine Seele Muskelkater bekommen? Vielleicht kam mir die Bemerkung deshalb so fremdartig vor, weil ich zu gut weiß, was einen Muskelkater ausmacht. Erst kürzlich war mir nach einer anstrengenden Bergtour jeder Schritt verleidet. Ich bin kaum die Treppe hochgekommen. So geht es eben, wenn man sich ohne Training völlig verausgabt. Der Körper schreit dann auf, erinnert einen daran, dass man es nicht übertreiben soll.

Aber die Seele? Je mehr ich darüber nachgedacht und mir vor Augen geführt habe, was denn einen Muskelkater kennzeichnet, desto mehr fand ich, dass das Bild der verkaterten Seele gar nicht so schlecht ist. Ist nicht auch die Seele ähnlich wie ein Muskel ein Organ, das still und unaufdringlich seinen Dienst verrichtet und oft erst dann bemerkt wird, wenn es Probleme macht? Mir fielen plötzlich eine Reihe von Begriffen ein, die diesen Umstand zum Ausdruck bringen: Seelenschmerz, Seelennot, Seelenleid, Seelengift, Seelenpein, Seelenbrand, Seelendurst, Seelenqualen.

Die Seele formt unseren Körper

Offenbar hat unsere Seele recht viele Gemeinsamkeiten mit den übrigen lebenswichtigen Organen. Bei Problemen suchen wir Abhilfe beim Spezialisten. Ersetzen lässt sie sich jedoch nicht. Ein Austausch, wie etwa bei einem Spenderherz oder einer Spenderniere ist nicht möglich. So wird freilich auch deutlich, dass die Seele nicht ein Teil von uns ist, sondern irgendwie mit unserer Ganzheit verwoben ist. „Anima forma corporis“, die Seele formt unseren Körper, hat der Kirchenlehrer Thomas von Aquin einmal formuliert.

Wenn es der Seele gut geht, geht es auch uns gut. Wo sie krankt, dort sind wir in höchster Gefahr. Ihre Signale wahrzunehmen, ist deshalb überlebensnotwendig. Glücklich, wer einen Seelenmuskelkater spürt.

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher.
Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Für kirchliche Mitarbeiter gibt es ein wunderbares Wort: Als Seelsorgerinnen und Seelsorger werden sie bezeichnet. Ihre wichtigste Aufgabe ist es – das suggeriert zumindest dieser Begriff – dafür zu sorgen, dass es den Seelen der Menschen gut geht, dass sie heil bleiben und das Ziel „Seelenheil“ nicht verfehlen. Ihr Behandlungsinstrumentarium ist recht einfach und doch unheimlich wirksam. Es ist eine Verheißung: Du bist nicht allein, du bist geliebt und was auch passiert: Gott lässt dich nicht fallen. Wer diesen Zuspruch für sich fruchtbar machen kann, wer ihm so glaubhaft begegnet, dass er sich in ihn fallen lassen kann, der hat jenen Balsam für die Seele gefunden, mit dem sogar Verletzungen heilen. Wer sich von diesem „Ja“ getragen weiß, der kann es auch anderen zusagen. Je mehr wir alle zu kleinen und großen Seelsorgern werden, desto gesünder wird diese Welt.


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