Berufe in der Kirche Seelsorge mitten in der Gesellschaft

03.05.2018

Zwei Generationen, ein Beruf: Kerstin Englmeier und Bruno Durst sind Pastoralreferenten.

Pastoralreferenten Kerstin Englmeier u. Bruno Durst
Pastoralreferenten Kerstin Englmeier u. Bruno Durst © Riffert

München – Ich mag diese Arbeit, weil ich gerne Menschen begleite. Sie bietet die Chance, Räume zu eröffnen, in denen Menschen den Glauben und Gott entdecken können.“ Kerstin Englmeier strahlt viel an spontaner Freude aus, wenn sie von ihrem Beruf spricht. Die 27-jährige Pastoralassistentin gehört zum Seelsorgeteam des Pfarrverbands Obergiesing. Hier absolviert sie gerade ihren Vorbereitungsdienst. Danach muss sie noch eine Prüfung ablegen, dann ist sie Pastoralreferentin der Erzdiözese München und Freising. „Ich war aktiv in der Katholischen Landjugend. In der elften Klasse hat mich der Religionsunterricht mit seinen interessanten Themen fasziniert“, berichtet sie über die Anfänge ihrer Berufswahl und fügt hinzu: „Meine Religionslehrerin hat mir vorgeschlagen, Theologie zu studieren. Das habe ich dann auch getan.“


Englmeier stammt aus dem Landkreis Altötting in der Diözese Passau. Doch dort wollte man keine Pastoralreferenten ausbilden, als sie ihr Abitur abgelegt hatte. So entschied sie sich für München. Neben dem Theologiestudium hat sie bisher ein Sozial-, ein Klinik- und ein Gemeindepraktikum absolviert. Zu ihren weiteren Pluspunkten gehören ein Auslandssemester in Irland, Erfahrungen im Fachbereich Kirche und Sport sowie ein halbes Jahr als Pastoralassistentin im Pfarrverband Traunreut. Im Münchner Pfarrverband Obergiesing arbeitet sie nun in der ganzen Bandbreite der Seelsorge mit: Sie leitet unter anderem Wortgottesdienste, erteilt Religionsunterricht, hält Beerdigungen, begleitet Trauernde. „Überraschend viel Spaß macht mir die Arbeit mit kleinen Kindern“, schildert Englmeier eine Erkenntnis aus der Praxis. „Von Kindern wird man herausgefordert und man muss flexibel und lebendig sein. Erwachsene stellen viel weniger Fragen“, schmunzelt sie.

"Was ich jetzt mache, tue ich gerne"

Während Kerstin Englmeier noch am Anfang ihres Berufswegs steht, ist bei Bruno Durst schon dessen Ende absehbar. Der 63-jährige Pastoralreferent steht seit 1981 im Dienst der Erzdiözese München und Freising. 1985 wurde er Pastoralreferent in der Pfarrei St. Philippus in München-Laim, wo er heute noch lebt. Von 1998 bis 2010 folgte eine intensive Zeit als Krankenhausseelsorger am Klinikum Großhadern. Aus dieser Phase stammt auch ein Erlebnis, das noch heute nachklingt: Ein junger Familienvater lag auf der Palliativstation. Seine Tochter im Grundschulalter zeichnete ihm jeden Tag ein neues Bild, bevorzugt mit einem bunten Schmetterling als Motiv. Als der Vater starb, verabschiedete sich die Familie an seinem Sterbebett von ihm. „In diesem Moment kam ein bunter Schmetterling von draußen zu uns hereingeflogen. Der Schmetterling ist in der christlichen Symbolik ja auch ein Zeichen für die Auferstehung der Seele.“ Seit 2010 ist Durst Seelsorger an der Seniorenresidenz Augustinum. „Was ich jetzt mache, tue ich gerne, denn es ist Seelsorge in reiner, befreiter Form“, beschreibt er seine Aufgabe. Er führt vor allem Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, gestaltet aber auch den Jahreskreis mit. Dabei arbeitet er eng mit der evangelischen Kollegin zusammen. Dieser ökumenische Rahmen wird auch von den Bewohnern geschätzt: „Die meisten Menschen erleben es als Befreiung und Erleichterung, dass die engen konfessionellen Grenzen weggefallen sind.“

Am Priesterbild orientiert

Seine Berufswahl war für Bruno Durst, der als Jugendlicher ebenfalls in der Pfarrei aktiv war, von Anfang an klar. Damals sei die Jugendarbeit stärker politisch ausgerichtet gewesen als heute. Diese Prägung mag dazu beigetragen haben, dass er sich später für seine Berufskollegen einsetzte. So gehörte Durst dem Sprecherrat seiner Berufsgruppe an und war Mitglied der Mitarbeitervertretung. „Als ich angefangen habe zu studieren, gab es viel Vorschussvertrauen in uns junge Theologen. Es hieß: ‚Mach doch mal. Probiere es einfach aus.‘ So konnte sich viel Positives entwickeln“, beschreibt er den Geist der späten 1970er und frühen 1980er Jahre. Das Berufsbild des Pastoralreferenten sei zunächst noch sehr stark am Priesterbild orientiert gewesen, erinnert sich Durst. Laientheologen sollten in der Verkündigung Präsenz zeigen und selbstverständlich auch in der Eucharistiefeier predigen. „Es gehört zu den Verletzungen dieses Berufes und auch zu meiner persönlichen, dass dies 1998 verboten wurde“, gesteht er freimütig. „Das Spontane, Experimentelle, Kreative der Anfangszeit ist immer stärker reglementiert worden“, bedauert er.

Rechtzeitig für sich sorgen

Als sehr positiv bewertet Durst hingegen die Präsenz von Seelsorge mitten in der Gesellschaft, etwa in Kliniken und Seniorenheimen. Dort sind Pastoralreferenten in der Seelsorge stark vertreten. Sie werden für ihre jeweilige Tätigkeit zusätzlich zur üblichen pastoralen Ausbildung passgenau weitergebildet und sind höchst fachkompetent. „Hier hat eine enorme Profilierung der Seelsorge stattgefunden. Das ist aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken“, ist sich Durst sicher. Mit Sorge sieht der langjährig aktive Pastoralreferent die drohende Personalsituation in der kategorialen Seelsorge: „Früher haben sich auf eine Stelle in der Krankenhauspastoral oder in der Altenheimseelsorge immer mehrere Theologen beworben. Das ist seit kurzem anders. Jetzt bewirbt sich manchmal gar niemand mehr auf eine ausgeschriebene Stelle“, erklärt er. Als eine Ursache dafür sieht er die geringe Zahl der zum Pastoralkurs zugelassenen Theologen in früheren Jahren.

„Ich hatte in meiner Anfangszeit ein idealisiertes Berufsbild: Der Pastoralreferent arbeitet und lebt mit seiner Familie völlig integriert in der Gemeinde“, beschreibt Durst. Das habe zwar allen ein reiches Beziehungsgeflecht gebracht. „Aber im Rückblick hätte mir und meiner Familie ein Stück mehr Abgrenzung gutgetan.“ Diesen Tipp gibt er auch an Kerstin Englmeier weiter: Rechtzeitig für sich zu sorgen, sei wichtig. Das praktiziert die Pastoralassistentin bereits. Sie treibt gerne Sport, fotografiert und singt mit Freude. Der Austausch mit Freunden, dem Partner und der Familie sei hilfreich, ebenso das „Mal-aus-Kirchenthemen-Herausgehen“.

Persönliche Freiheit

Beide wissen, dass ihr Beruf viele schöne Seiten hat. Neben einer hervorragenden Ausbildung und bereichernden Extras wie Exerzitien, geistlicher Begleitung und laufenden Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen bietet er viel an persönlicher Freiheit. „Wenn jemand gerne mit Menschen arbeitet und das Leben vor dem Hintergrund des Glaubens reflektieren will, dann sollte er oder sie diese Ausbildung machen“, ist sich Bruno Durst sicher. Trotzdem scheint es für die Kirche nicht einfach zu sein, genügend Laientheologen-Nachwuchs zu gewinnen. Kerstin Englmeier wird häufig gefragt, wie sie für eine Institution arbeiten könne, in der es sexuellen Missbrauch und Finanzskandale gegeben habe. „Man braucht da nichts schönzureden und nichts zu entschuldigen“, erklärt sie. „Aber man muss eine Haltung dazu entwickeln. Ich selbst versuche, ein anderes Bild von Kirche zu leben. Dabei helfen mir mein Glaube und meine Spiritualität.“(Gabriele Riffert)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Berufe der Kirche

Das könnte Sie auch interessieren

Wäre Pastoralreferent nicht ein geeigneter Beruf?
© ABZ

Tag der offenen Tür bei Pastoralreferenten Nachwuchs gesucht

Die Berufsgruppe der Pastoralreferenten im Erzbistum will für ihre Ausbidlung werben und lädt zu einem Tag der offenen Tür ein.

10.11.2018

Aussendungsgottesdienst in St. Clemens
© Chwalczyk

Aussendungsgottesdienst Lebendiges Licht

Vier neue Gemeindereferentinnen und -referenten sowie zwei neue Mitarbeiterinnen in der Pastoral für das Erzbistum hat Generalvikar Peter Beer in der Neuhauser Pfarrkirche St. Clemens ausgesandt.

22.10.2018

Bruder Thomas Marie Schied wurde von Kardinal Seán Patrick O'Malley zum Priester geweiht.
© Claudia Göpperl

Priesterweihe Vom Krankenpfleger zum Priester

Am 30. April ist Bruder Thomas Maria Schied zum Priester geweiht worden. Ein Gespräch mit dem 45-Jährigen über Sehnsüchte, Entscheidung und dem Ankommen bei sich selbst.

02.05.2018

Berufe in der Kirche Der mit dem Feuer tanzt

Jugendreferent Robert Dembinski brennt für seine Arbeit und will vor allem eines: Den jungen Menschen Mut machen, ihren eigenen Weg zu sich selbst und zu Gott zu finden.

02.05.2018

© EOM

München am Mittag Kirche auf der Suche nach Mitarbeitern

Nicht nur Seelsorger fehlen der Kirche auf lange Sicht. Auch in anderen Bereichen könnten schon bald die Mitarbeiter knapp werden. Welche das sind und wie das Erzbistum um neues Personal wirbt, hören...

30.04.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren