Corona-Pandemie Seelsorger spenden Sterbenden Trost

28.05.2020

Im Erzbistum München und Freising begleitet seit einigen Wochen eine „Einsatzgruppe Seelsorge“ Sterbende, die mit dem Corona-Virus infiziert sind. Sie sind die einzigen, die die streng abgeschotteten Kranken besuchen können.

Diakon Andreas Müller-Cyran, der stellvertretende Leiter der Einsatzgruppe Seelsorge, in komplettem Schutzanzug © EOM/Lennart Preiss

München – Wenn Pfarrer Daniel Lerch den Schutzanzug anlegt, ist das schon so etwas wie Routine. Er hält eine genaue Reihenfolge ein, die besonders wichtig ist, wenn er die Schutzkleidung wieder auszieht: „Nach jedem Teil der Ausrüstung, das wir ablegen, führen wir eine komplette hygienische Händedesinfektion durch“. Alles, was er dabei hat, muss im Krankenzimmer entsorgt werden - auch das kleine Döschen, in dem er das Krankenöl mit sich führt oder das DINA5-Blatt, auf dem die Gebets-Rituale abgedruckt sind: Rituale für Krankenkommunion, Krankensalbung, Sterbesegen und Gebet am Totenbett. Weil jeder Besuch nach diesen strengen Regeln abläuft, hat Pfarrer Lerch auch kaum Angst, sich anzustecken.

Der Seelsorger, vermummt mit Brille, FFP2-Maske und Schutzanzug ist für Außenstehende vielleicht ein seltsames, wenn nicht gar verstörendes Bild. Für die Patienten sei das aber eine Selbstverständlichkeit, wie bei Krankenschwestern und Ärzten auch, meint der Leiter der Einsatzgruppe Seelsorge, Thomas Hagen. Der Focus liege eben auf der Begegnung Seelsorger-Patient und dabei sei wichtig, wie man auf den Schwerstkranken zugehe, die innere Haltung. „So gelingt Berührung auch mit Handschuh, so gelingt Begegnung auch mit Schutzanzug.“

Gut ausgebildet, bestens ausgerüstet

Wie der Münchner Krankenhausseelsorger Lerch haben auch gut 40 andere Seelsorgerinnen und Seelsorger im Erzbistum eine gezielte Ausbildung nebst Prüfung durchlaufen, um den freiwilligen Besuchsdienst bei den Corona-Kranken leisten zu können. Auf dem „Lehrplan“ standen Ablaufpläne für den Notfall genauso wie hygienische Fragen, kirchenrechtliche und pastorale Fragestellungen.

Hintergrund ist das Bestreben, in Zeiten der Corona-Pandemie eine seelsorgerliche Begleitung Sterbender und Schwerstkranker zu gewährleisten. Und das auch für Patienten, die nicht ohnehin in Krankenhäusern durch dortige qualifizierte Seelsorger betreut werden, erklärt Thomas Hagen, Leiter der Hauptabteilung Lebensumstände und Lebenswelten des Erzbischöflichen Ordinariats München. Recht schnell habe das Erzbistum eine funktionierende Einsatzgruppe aufgestellt, auch deshalb, weil sehr viele Menschen bereit gewesen seien, mitzuarbeiten, als die Idee im Raum stand. Dabei habe das Projektteam den Vorteil gehabt, von der Situation in Italien zu lernen und genügend Zeit zu haben, die Gruppe gut aufzubauen.

Thomas Hagen ist im Erzbistum für die Krankenpastoral zuständig und hat zusammen mit seinem Stellvertreter Diakon Andreas Müller-Cyran die Gruppe aus Priestern, Diakonen, Gemeinde- und Pastoralassistenten zusammengestellt: „Das Wichtigste ist, dass sie motiviert sind und bereit, sich in diese Situation zu begeben, auch wenn das eine persönliche Gefährdung bedeutet, was nie ganz auszuschließen ist.“ Mit dem Einsatz der Seelsorger komme die Kirche ihrem Grundauftrag nach, und bemühe sich gleichzeitig, die Mitglieder der Einsatzgruppe bestmöglich zu schützen.

Bedrückende Einsamkeit

Alle begleitenden Seelsorger sind schon länger im Einsatz, sie haben zum Teil große Erfahrung im Umgang mit Kranken und Sterbenden. Jeder Einsatz wird in der Gruppe reflektiert, so werden auch die Betreuer selbst bei der Hand genommen und in ihrem schweren Dienst aufgefangen. Pfarrer Daniel Lerch ist den Umgang mit Sterbenden gewöhnt, was er aber als neu empfunden habe, sei die Einsamkeit: „Wenn ich das Krankenzimmer verlasse, sind keine Angehörigen da, die die Hand halten oder am Krankenbett wachen und beten.“

Umso wichtiger empfindet er seine Aufgabe: wenn Lerch in ein Krankenhaus, ein Pflegeheim oder in eine heimische Quarantäne-Situation kommt, so trifft er dort meist Patienten an, denen es sehr schlecht geht, die beatmet werden. In dieser trostlosen Situation habe er festgestellt, welche Kraft das rituelle Gebet habe. Die Krankensalbung oder den Sterbesegen zu spenden, und damit das Leben des Patienten wieder in Gottes Hände zu legen, gebe auch ihm als Seelsorger Trost.

Und er spürt große Dankbarkeit: nicht nur bei den Patienten für seinen Beistand, sondern auch bei den Pflegenden und Ärzten, die tagtäglich mit dieser Ausnahmesituation umgehen müssen. Und nicht zuletzt bei den Angehörigen, die den Vater oder die Mutter eben nicht auf ihrem Weg begleiten dürfen. Sie seien in Telefongesprächen oft sehr interessiert daran, wie Pfarrer Lerch die Situation bei seinem Besuch wahrgenommen habe. „Und da ist es manchmal schon hilfreich, wenn ich sagen kann: also, ihre Mutter hat keine Schmerzen und ist medikamentös gut eingestellt. Ich hatte den Eindruck, sie liegt ganz ruhig und friedlich da.“

Die Einsatzgruppe Seelsorge ist für alle an Covid-19-Erkrankten und ihre Angehörigen rund um die Uhr für Notfälle erreichbar:

-       Telefonisch unter 0151/42402512

-       Per E-Mail an einsatzgruppeseelsorge@eomuc.de

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


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