Generationen Sehnsucht nach Gemeinschaft

30.08.2019

Das lateinische Wort für Liebe ist caritas. Der gleichnamige katholische Verband handelt im Auftrag der Nächstenliebe. Der Geschäftsführer der Caritas München Harald Peter Bachmeier über Generationen, Großfamilien und Gemeinschaft.

Ohne Miteinander würden weder Familien noch die Gesellschaft funktionieren.
Ohne Miteinander würden weder Familien noch die Gesellschaft funktionieren. © deagreez - stock.adobe.com

mk online: Wie ist es um das Miteinander der Generationen grundsätzlich bestellt?
Harald Peter Bachmeier: Während es auf dem Land noch eher das großfamiliäre Miteinander gibt, sind in der Stadt viele Familien auf sich selbst angewiesen. Kaum jemand kann sich in den teuren Ballungsräumen Wohnungen oder Häuser leisten, in denen mehrere Generationen zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen. Eine häusliche Pflege der älteren Generation ist vielfach aufgrund der räumlichen Distanz gar nicht mehr möglich oder erfordert Unterstützung von ambulanten Pflegediensten. Zudem sind in den Familien meist Mütter und Väter berufstätig, um die hohen Lebenshaltungskosten finanzieren zu können. Viele Berufstätige haben keine Jobs mehr, in denen sie lebenslang tätig sind, sondern müssen sich flexibel auf immer neue Arbeitsplätze und Arbeitsorte einstellen. All das führt dazu, dass innerhalb vieler Familien räumliche Distanzen entstehen. Der Eintritt in die Rente war lange Zeit die Zäsur. Heute weicht das deutlich auf. Die Großeltern sind vielfach recht aktiv, gehen auf Reisen, übernehmen die Enkelbetreuung oder engagieren sich ehrenamtlich. Das Miteinander würde ich deshalb als grundsätzlich gut einschätzen. Da und dort gibt es sicher noch Entwicklungspotential – aber im Zuge unserer gesellschaftlichen Entwicklung nehme ich schon wahr, dass ohne ein Miteinander weder Familien noch die Gesellschaft funktionieren würden.

mk online: Gibt es heute noch so etwas wie Respekt vor dem Alter?
Harald Peter Bachmeier: Absolut. Mir fällt das in der U-Bahn auf, wenn junge Menschen ihren Platz für Ältere anbieten. Nur ein kleines Beispiel, das das gute Miteinander in dieser Stadt widerspiegelt. Rücksichtnahme ist der Kleber in unserer Stadt, da ist die Weltstadt mit Herz nicht nur ein Werbeslogan. Respekt entsteht ja nicht über den Besitz des neuesten Smartphones, sondern vor einer Lebensleistung. Was den Respekt vor der älteren Generation betrifft, können wir uns allerdings von anderen Kulturen durchaus etwas abschauen. In vielen Migrantenfamilien ist der Zusammenhalt und das Miteinander von Jungen und Alten wesentlich selbstverständlicher und ausgeprägter als bei uns.

mk online: Fühlen sich die Älteren abgehängt von den Millenials?
Harald Peter Bachmeier: Ich fühle mich abgehängt, wenn ich die Geschwindigkeit der Jungen beim Tippen auf dem Smartphone beobachte. Das haben wir nicht gelernt und den flinken Daumen trainieren wir uns nicht mehr an. Die Digitalisierung – diesjähriger Schwerpunkt der Caritas-Kampagne – brachte und bringt viel Veränderung in einem rasanten Tempo. Ob dann über das Telefon, das Handy oder über eine App bei Uber das Taxi bestellt wird, ist sekundär. Gerade wenn es um „gehypte“ Entwicklungen geht, bewährt sich Lebenserfahrung. Wirklich tiefgreifende Veränderungen brauchen immer ihre Zeit, wenn wir die Menschen mitnehmen wollen. Wir als Caritas wollen das, damit niemand abgehängt wird. Letztlich hält der Kontakt zu jungen Menschen ja auch die ältere Generation vital. Viele Großeltern lassen sich von ihren Enkeln zeigen, wie soziale Medien funktionieren und wie man über Messengerdienste kommuniziert. Sie machen Onlinebanking und sind in der digitalen Welt noch voll dabei.

mk online: Gibt es eine Sehnsucht nach einer Großfamilie oder einer Gemeinschaft, in der mehrere Generationen zusammenleben?
Harald Peter Bachmeier: Ja, durchaus. Wir sehen das in unseren Wohngruppenmodellen, die auf der Basis einer Hausgemeinschaft funktionieren. Diese Modelle sind auch wegen der professionellen Hilfe im Hintergrund sehr gefragt, um etwa in besonderen Lebenssituationen oder bei Demenz ein Gefühl der Geborgenheit zu haben. Für die Angehörigen bedeutet dies einen größeren Einsatz. Aber es ist für die Bewohnerinnen und Bewohner sehr schön, wenn mal die Enkel oder Urenkel durch die Wohngemeinschaft toben. Generell denke ich, dass es diese Sehnsucht nach einer Gemeinschaft in der Gesellschaft gibt. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Dahinter steht die Idee, dass Kinder in einem sozialen Gefüge aufwachsen und vielfältige Ansprechpartner brauchen. Und das unterstützt Eltern. In vielen Familien braucht es inzwischen ein gutes Netzwerk, um Beruf und Familie einigermaßen organisieren zu können. Auch hier versuchen wir als Institution zu helfen, indem wir in unseren Kindertageseinrichtungen flexible Öffnungszeiten anbieten und unsere Familienservicezentren Anlaufpunkte für die ganze Familie sind.

Geschäftsführer der Caritas München Harald Peter Bachmeier
Geschäftsführer der Caritas München Harald Peter Bachmeier © privat

mk online: Wie profitieren Generationen gegenseitig voneinander?
Harald Peter Bachmeier: Voneinander lernen ist mit das größte Gut eines Generationendialogs. In unseren Projekten jung&alt stellen wir ein großes Interesse an den Lebensgeschichten des jeweils anderen fest und auch eine große Freude im Umgang miteinander. Unser Alten- und Servicezentrum (ASZ) in Neuhausen zum Beispiel arbeitet eng mit dem dortigen Waisenhaus zusammen. Daraus haben sich viele gute Kontakte ergeben, gerade auch zu jungen Geflüchteten. Sie erklären den Seniorinnen und Senioren die digitale Welt. Im Gegenzug gibt es Nachhilfe in Deutsch. Das hat zu „Patenschaften“, ja Freundschaften geführt – und nebenbei auch noch kulturellen Dialog und Lernen ermöglicht. Eine Bereicherung in jede Richtung.

mk online: Wie kann man das Verständnis untereinander fördern?
Harald Peter Bachmeier: Dialog ist wichtig. Interesse zeigen, das Gespräch suchen, Zuhören, ernst nehmen und keine Vorurteile – das gilt für Jung wie Alt. Den Jungen empfehle ich, mal ein ASZ zu besuchen. Und den Senioren und Seniorinnen, in ein Kultur- oder Jugendzentrum zu gehen. Allen gemeinsam kann ich unsere Freiwilligenzentren ans Herz legen. Dort vermitteln wir in der ganzen Bandbreite des ehrenamtlichen Engagements jede Altersgruppe in die für sie passende Organisation. Das Miteinander funktioniert eigentlich nirgendwo einfacher als in einem Verein. (Interview: Susanne Hornberger, Susanne Holzapfel)


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