Glaube im Alltag Sei du selbst

20.01.2017

Wahre Demut fördert einen positiven Blick auf sich selbst, meint Pfarrer Stephan Fischbacher. Warum, erläutert er hier.

„Demut ist der Aufruf: Sei du selbst“, findet Pfarrer Stephan Fischbacher. © Fotolia

An einem Sonntagnachmittag unternahm ich gemeinsam mit einem Freund einen Spaziergang im Tegernseer Tal. Zum Abschluss wollten wir zum Kaffee im noblen Gut Kaltenbrunn einkehren. Obwohl das Lokal nur etwa zur Hälfte gefüllt war, beschied uns zu unserem Erstaunen der Herr am Empfang, es sei kein Platz mehr frei. Wir widersprachen nicht und suchten ein anderes Lokal, das weniger Wert auf exklusive Gäste legt. Und doch fühlten wir uns ausgeschlossen.

Nicht dazuzugehören und keinen Platz zu haben, sind unangenehme Erfahrungen, von denen wohl auch Jesus wusste. In Lukas 14 erzählt Jesus, wie es einem ergeht, der sich zuerst den besten Platz aussucht, um dann vom Gastgeber auf einen schlechten Platz gesetzt zu werden. „Du aber wärst beschämt“, kommentiert Jesus die Situation. Er kommt in der kurzen Lehrgeschichte zum Schluss: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14,11)

Pfarrer Stephan Fischbacher leitet den Pfarrverband Waakirchen © privat

Demut, nicht Demütigung

Die Grundhaltung, die man daraus ableitet, wird in der christlichen Spiritualität „Demut“ genannt. Über Jahrhunderte hat die Kirche die Christen gelehrt, demütig zu sein. Doch heute scheint den meisten Menschen nichts ferner zu liegen als diese Demut. Zu lange wurde Demut mit Demütigung verwechselt. Es geht nicht darum, dass die einen Menschen die anderen unterdrücken oder ihnen ihren Willen aufzwingen. Es wäre falsch, einem Mobbing- Opfer das Leid, das ihm zugefügt wird, als Demutsübung auszulegen. Falsch wäre es auch, wenn ein Mensch sich selbst schlecht machte. Es geht nicht darum, sich selbst zu verachten. Demut heißt: Gegenüber Gott bin ich winzig klein, ich kann nicht alles aus eigener Kraft erreichen, ich habe meine Fehler und Schwächen und bin angewiesen auf Gottes unendliche Liebe und Macht.

Der heilige Franz von Sales empfahl, auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu schauen. Der Christ soll sich bewusst werden, dass dies Gottes Geschenke an uns sind. An eine Ordensschwester schrieb er: „Wenn Ihre Demut Sie jedoch zu Mutlosigkeit, Unruhe, Ärger oder Melancholie führen sollte, dann üben sie eine falsche Demut, dann beschwöre ich sie, diese Versuchung zurückzuweisen.“

Wahre Demut hat immer befreiende, aufbauende und ermutigende Wirkung. Sie fördert einen positiven Blick auf sich selbst, auf Gott und den Menschen. Wer das beherzigt, braucht sich selbst nicht wichtig zu machen. Demut ist der Aufruf: Sei du selbst. Wenn du etwas sein willst, was du nicht bist, dann machst du dich selbst klein, du „erniedrigst“ dich damit selbst. Wenn du zu dir selbst gefunden hast, dann erlebst du deine wahre Größe, dann wirst du „erhöht“ werden. (Stephan Fischbacher)


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