Impuls von Pater Cornelius Bohl Sei ganz!

03.11.2019

Gerade als Glaubender muss ich nicht perfekt sein, ist Pater Cornelius Bohl überzeugt. Gott spricht zu mir nicht nur durch meine Begabungen, sondern auch durch meine Schwierigkeiten.

Die Note „Sehr gut“ werde im Leben selten vergeben, meint Pater Cornelius Bohl. Was makellos daherkomme, sei oft gespielt und vorgetäuscht.
Die Note „Sehr gut“ werde im Leben selten vergeben, meint Pater Cornelius Bohl. Was makellos daherkomme, sei oft gespielt und vorgetäuscht. © Lukassek - stock.adobe.com

Sei ganz! Schön, wenn der Anzug perfekt passt, jemand ein perfekter Gastgeber ist oder eine Fremdsprache akzentfrei beherrscht, perfekt eben. Schön ist das alles, aber nicht normal. Denn rundum perfekt ist im wirklichen Leben nur wenig. Meistens gibt es dann doch den ein oder anderen Kratzer am perfekten Image. Vieles geht völlig daneben. Ich bin schon froh, wenn der Großteil des Alltags als befriedigend durchgeht, oft ist er nur ausreichend, manchmal schlichtweg mangelhaft. Die Note „Sehr gut“ wird im Leben selten vergeben. Was makellos daherkommt, ist verdächtig, oft gespielt und vorgetäuscht. Nur virtuelle Welten sind perfekt. Und auch das lehrt die Erfahrung: Übertriebener Perfektionismus kann krank machen. Perfektionisten sind Burn-out-gefährdet. Mir tun Menschen leid, die fünf nicht auch mal gerade sein lassen können.

Die Begriffe „heilig“ und „holy“, so habe ich gelesen, hängen sprachlich mit „whole“ (englisch „ganz“) zusammen. „Etwas heile machen“ meint umgangssprachlich, etwas reparieren, damit es wieder ganz ist, heil. Dann wäre der Heilige der ganze, unversehrte und vollkommene Mensch. Eben perfekt!

Sind die Heiligen, die wir Anfang November alle gemeinsam feiern, die perfekten Menschen? Und besteht meine Berufung zur Heiligkeit darin, zum perfekten Christen zu werden? Vielleicht will ich das ja gar nicht! Jedenfalls empfinde ich so eine Zielvorstellung weder motivierend noch realistisch. Nobody is perfect – das gilt doch gerade für Menschen, die versuchen, im mühsamen Alltag ehrlich zu glauben.

Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © privat

Begegnung mit dem Heiland statt Selbstoptimierung

Der „ganze“ Mensch muss nicht der perfekte Mensch sein. Ganz bin ich, wenn ich „ganz ich“ bin – keine billige Schablone, keine blasse Allerweltsfigur, sondern eben ich, auch mit meinen Ecken und Kanten, und so meine persönliche Berufung lebe. Ganz bin ich, wenn ich auch zu meinen dunklen Seiten stehen und mich mit meinen Schwächen annehmen kann. Heiligkeit meint dann, gerade mit Begrenzungen konstruktiv umzugehen. Gott spricht zu mir nicht nur durch meine Begabungen, sondern auch durch meine Schwierigkeiten. Er schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Wenn es eine „felix culpa“ gibt, eine glückliche Schuld, dann kann er auch meine Fragen und Dunkelheiten fruchtbar machen für sein Reich. Vor allem aber: Ganz werde ich nicht durch ein Programm der Selbstoptimierung, sondern indem ich mich von Gott heilen lasse. Heilig wird, wer dem Heiland begegnet.

Gerade als Glaubender muss ich nicht perfekt sein – Gott sein Dank! Unverzichtbar aber gehört es zur Heiligkeit im Alltag, ehrlich zu sein, vor Gott und vor mir selbst, und echt in der Beziehung zu anderen. „Geh vor mir und sei untadelig“, sagt Gott zu Abraham (Gen 17,1). „Sei rechtschaffen“, hieß es in der alten Einheitsübersetzung. Martin Buber übersetzt: „Sei ganz!“


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