Kreuze im Erzbistum: Altenhohenau Seitenwunde der Christusfigur: ein "Briefkasten"

29.03.2018

Altenhohenau bei Wasserburg am Inn besitzt ein sogenanntes Mystikerkreuz aus dem 14. Jahrhundert. Um die weitgeöffnete Seitenwunde gab es bis ins 19. Jahrhundert einen anrührenden Brauch.

Augen und Mund des Gekreuzigten in Altenhohenau sind geöffnet: "Er lebt, er hat dir etwas zu sagen", erklärt Pfarrer Klaus Vogl. © SMB/Fleischmann

Altenhohenau – Altenhohenau ist ein ganz stiller Ort, rundherum Wiesen und kleine Wäldchen. Wer zur Ruhe kommen und beten will, der ist hier richtig. Beim Besinnen hilft ein besonderes Kruzifix. Es ist ein sogenanntes Mystikerkreuz, der Typus wird manchmal auch als Pestkreuze bezeichnet. Für die an der Seuche erkrankten Menschen, waren sie „ein Trost, eine Stärkung, dass ihr Gott, ihr Heiland auch das Leid nicht gescheut, sondern bis zum Letzten durchgetragen hat“, sagt Elisabeth von Köller, die dem Verein der Freunde von Altenhohenau angehört und Kommuninkinder, Firmlinge und andere Gruppen durch die Kirche führt. Die Christusfigur eines unbekannten Bildhauers sieht tatsächlich zum Erbarmen aus. Ein ausgemergelter, von Folter gezeichneter Körper. Beim Blick fällt aber auf, dass er an keinem gewöhnlichen Kreuz hängt, sondern an einer grünen Astgabel. Das ist natürlich ein wichtiges Symbol: Mit dem Leiden Christi beginnt das neue Leben, er hat Tod und Sünde überwunden.

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Kreuze im Erzbistum München und Freising: Altenhohenau

Elisabeth von Köller und Pfarrer Klaus Vogl
Elisabeth von Köller und Pfarrer Klaus Vogl © SMB/Fleischmann

Menschen kommen seit 700 Jahren

Auch diese Botschaft geht vom Altenhohenauer Kruzifix aus, dem die Menschen in der Umgebung ein besonderes Vertrauen entgegengebracht haben. In die ungewöhnlich große Seitenwunde steckten die Gläubigen bis ins 19. Jahrhundert hinein kleine Zettel, auf die sie ihre Sorgen und Nöte geschrieben hatten. „Ähnlich wie in einen Briefkasten“, erzählt Pfarrer Klaus Vogl, zu dessen Pfarrverband die frühere Kloster- und Wallfahrtskirche gehört.
2013 hat er den Brauch noch einmal belebt. Damals hat der Dominikanerinnen-Orden das Kloster nach mehreren hundert Jahren aufgegeben und die letzten vier Nonnen abberufen. Zum Abschiedsgottesdienst hat sie Pfarrer Vogl gebeten, einen kleinen Zettel zu schreiben. Mit Anliegen, die sie dem Gekreuzigten in Altenhohenau noch anvertrauen wollten.

Das eindringliche Mystikerkreuz haben die Dominikanerinnen an ihrer früheren Wirkungsstätte zurückgelassen. Wer es betrachten will, setzt sich am besten unmittelbar auf den Platz unterhalb des Kruzifixes, empfiehlt Pfarrer Vogl. Von dort kann der Blick über die Wunden zum Gesicht wandern. Die Augen und der Mund der Christusfigur sind geöffnet. „Er lebt und hat dir etwas zu sagen“, erklärt Pfarrer Vogl. Es ist eine ganz persönliche Botschaft. Um sie immer wieder neu zu verstehen, kommen Menschen seit 700 Jahren zu diesem Kreuz.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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