Debatte um Pius XII. Seligsprechungsverfahren stoppen?

18.02.2020

Hätte Papst Pius XII. sich entschiedener zu den NS-Verbrechen äußern sollen? Hat er zum Holocaust geschwiegen? Bis zur Auswertung des Geheimarchivs des Geistlichen wird ein Stopp des Seligsprechugsverfahrens gefordert.

Schwarz-Weiß-Aufnahme: Papst Pius XII. segnet die Menschen auf dem Petersplatz in Rom.
Papst Pius XII. segnet die Menschen auf dem Petersplatz in Rom. (1958) © imago images / ZUMA / Keystone

Frankfurt – Zwei Wochen vor Öffnung der Vatikanarchive zur Amtszeit von Papst Pius XII. sind Forderungen laut geworden, das Seligsprechungsverfahren für den von 1939 bis 1958 amtierenden Pontifex zu stoppen. Pius XII. steht seit langem in der Kritik, zum Holocaust geschwiegen und nicht entschieden genug gegen die NS-Verbrechen protestiert zu haben.

Ergebnisse abwarten

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf sagte am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt: "Seit 1965 läuft ein Seligsprechungsverfahren für Pius XII., das bis zur gründlichen Auswertung der jetzt neu zugänglichen Bestände gestoppt werden sollte." Wolf, der wesentlich an der Aufarbeitung der Archivbestände in Rom beteiligt ist, fügte hinzu: "Das verlangt der Respekt vor unseren jüdischen Freunden."

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr sagte in Frankfurt auf die Frage nach diesem Seligsprechungsverfahren: "Da würde ich mich dem Votum von Professor Wolf anschließen, auf jeden Fall zu warten, bis die Ergebnisse der Archivsichtung vorliegen." Er verwies auf das Beispiel von Bistümern, die Seligsprechungsverfahren eingestellt hätten, nachdem bei der Vorbereitung der Verfahren antijüdische Predigten oder Publikationen des Betroffenen bekannt geworden seien. Neymeyr ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Dunkle Schatten auf christlich-jüdisches Verhältnis

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte: "Ich denke, dass die Fortsetzung dieses Seligsprechungsprozesses ohne umfassende Kenntnisse dieses nun zu öffnenden Archivs bedeuten würde, dass das christlich-jüdische Verhältnis, das Verhältnis zum Judentum von Seiten des Heiligen Stuhls, ein Lippenbekenntnis wäre, aber nicht mehr."

Schuster sagte, bis heute seien viele Fragen zum Wirken dieses Papstes offen und würfen einen dunklen Schatten auf das jüdisch-christliche Verhältnis. "Wie erklärt sich das große Schweigen der katholischen Kirche zum Massenmord an den Juden während der Schoah? Welche Rolle spielte der Papst bei der Rettung der römischen Juden?", so Schuster.

Zur Verantwortung bekennen

Unklar sei auch, inwieweit das katholische Kirchenoberhaupt NS-Täter nach dem Krieg bei ihrer Flucht über die sogenannten Rattenlinien unterstützt habe. So bezeichnet man die Fluchtrouten von Nationalsozialisten nach Südamerika am Ende des Zweiten Weltkriegs. Unter anderen soll der KZ-Arzt Josef Mengele auf diesem Weg nach Argentinien gereist sein. Schuster sagte, von der Öffnung der vatikanischen Archive erhoffe er sich mehr Klarheit. "Die katholische Kirche sollte neue Erkenntnisse zum Anlass nehmen, sich deutlich zu ihrer Verantwortung zu bekennen."

Der Vatikan öffnet am 2. März vorzeitig seine Archive zur Amtszeit von Pius XII. (1939-1958). Dies wurde von der Forschung seit Jahren verlangt.

Neymeyr hofft nach eigenen Worten, dass nach der Sichtung des Archivmaterials genügend Zeit und Geld für die Aufarbeitung zur Verfügung stünden, "um die Geschichte korrekt schreiben zu können". Ein Grundsatz der Geschichtsforschung laute: "Man muss die Menschen immer aus ihrer Zeit heraus verstehen und darf sie nicht im Nachhinein beurteilen, wenn man weiß, wie die Dinge sich entwickelt haben", so Neymeyr. (kna)


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