375. Todestag von Ordensgründerin Maria Ward "Sie hat die Not der Zeit erkannt"

30.01.2020

Was hat die Gründerin der Congregatio Jesu den Menschen heute noch zu sagen? Darüber spricht Maria-Ward-Schwester Birgit Stollhoff im Interview.

Birgit Stollhoff vor einem Porträt der Ordensgründerin Maria Ward.
Schwester Birgit Stollhoff sieht Maria Ward auch heute noch als Vorbild für Frauen in der Kirche. © Frericks/Stollhoff/KNA

Bonn – Maria Ward hat gekämpft - für ihren Orden, ihr Lebenswerk. Doch die Anerkennung der Gemeinschaft durch den Papst hat sie nicht mehr erlebt. Wie präsent ist die vor 375 Jahren gestorbene Gründerin heute in ihrem Orden, der "Congregatio Jesu"? Und was hat sie den Menschen heute noch zu sagen? Darüber spricht Maria-Ward-Schwester Birgit Stollhoff im Interview. Die 42-Jährige leitet in Hannover das jugendpastorale Zentrum "Tabor" und war zuvor in München beim St. Michaelsbund tätig.

 

Schwester Birgit, Sie sind eine Spätberufene. Erst mit 30, bereits im Berufsleben stehend, haben Sie die Weichen in Richtung Ordensleben gestellt. Warum haben Sie sich für die "Congretatio Jesu" entschieden?

 

Sr. Birgit: Ich würde mich nicht wirklich als Spätberufene bezeichnen. Wenn Menschen heute in einen Orden eintreten, dann passiert das eigentlich eher um diese Zeit herum, mit Anfang bis Mitte 30. Für mich war das ein langer und auch schwieriger Weg. Als ich diese Berufung das erste Mal gespürt habe, da war das ein Schock für mich, da habe ich mich erst einmal gewehrt. Aber irgendwann war ich dann so weit, dass ich es doch zumindest probieren wollte. Ich habe mir dann verschiedene Ordensgemeinschaften angesehen und wusste relativ schnell: Wenn Ordensleben etwas für mich ist, dann muss es die "Congregatio Jesu" sein.

 

Und warum?

 

Den Ausschlag hat tatsächlich ein Flyer mit einem Zitat von Mary Ward gegeben: "Ihr Frauen sollt nicht Zuschauerinnen dessen sein, was um euch geschieht, sondern euer Leben selbst in die Hand nehmen." Mary Ward hat das im 17. Jahrhundert geschrieben, zu einer Zeit also, als noch niemand von Emanzipation und Gleichberechtigung gesprochen hat. Sie hat Frauen also ermutigt, ohne dass man ihr unterstellen könnte, dass sie einer politischen Agenda gefolgt wäre. Das hat mir imponiert.

 

Genau diese Haltung aber hat Mary Ward große Probleme eingebracht. Ordensfrauen, die pastorale Aufgaben übernehmen, statt in Klausur zu leben - das war im 17. Jahrhundert schwer vorstellbar. Und so hat der Vatikan die Bestätigung des Ordens zunächst verweigert. Spielt diese Geschichte heute noch eine Rolle in Ihrer Gemeinschaft?

 

Auf jeden Fall. Weil die Geschichte unseres Ordens nicht geradlinig verlaufen ist, war Identität immer ein besonders wichtiges Thema. Denken Sie nur daran, dass wir uns erst seit 1909 offiziell auf unsere Gründerin berufen dürfen. Den Namen "Congregatio Jesu", der unsere Verbindung zu den Jesuiten und zur ignatianischen Spiritualität zeigt, tragen wir erst seit 2004. Natürlich halten wir an bestimmten bewährten Dingen fest. Wir fragen uns aber auch immer, was unsere Aufgabe genau jetzt, in dieser Zeit, ist und haben in dieser Hinsicht auch keine Angst vor Veränderungen.

 

 

Maria Ward

Maria Ward wurde 1585 in England, zur Zeit der Katholikenverfolgung, geboren. Sie gründete einen Frauenorden, der Mädchen unterrichten sollte. Doch im 17. Jahrhundert war für Nonnen nur ein abgeschiedenes Leben hinter Klostermauern vorgesehen. Sie pilgerte zu Fuß von Flandern nach Rom, um eine Erlaubnis für ihren Orden zu bekommen, ohne Erfolg. In München konnte sie unter Maximilian I. ein Kloster und ihre erste Bildungsanstalt für Mädchen eröffnen: Das Institut der englischen Fräulein. Maria Ward verstarb im Jahr 1645. Die Anerkennung des Ordens, der heute Congregatio Jesu heißt, erfolgte erst 1703. Heute wirken die Maria-Ward-Schwestern weltweit.

 

 

Und wie sieht es mit der Person der Gründerin aus? Wie präsent ist Mary Ward heute noch im Orden?

 

Sehr präsent. Bei Mary Ward fallen Geburts- und Todestag in eine Woche, und so begehen wir Ende Januar in jeder Gemeinschaft die Mary-Ward-Woche. Da beten wir zum Beispiel für ihre Seligsprechung und befassen uns verstärkt mit ihrem Leben. Auch in den vom Orden getragenen Schulen gibt es dann besondere Aktionen. Aber natürlich beschränkt sich das nicht auf diese eine Woche. Es gibt da zum Beispiel Schwestern, die auf den Spuren von Mary Ward pilgern. In jüngster Zeit haben wir auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Lebens angestoßen, so dass mittlerweile mehrere Quellenbände zu Mary Ward greifbar sind.

 

Was fasziniert Sie persönlich an Mary Ward?

 

Mary Ward wurde einmal gefragt, was eine Schwester braucht, um in der Gemeinschaft bestehen zu können. Ihre Antwort lautete: Freiheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. In meinen Augen ist das eine sehr moderne Antwort. Freiheit bedeutete für sie nicht nur die Freiheit von materiellen Zwängen, sondern auch die Freiheit, sich unabhängig von vorherrschenden Meinungen auf Gott auszurichten. Gerechtigkeit hat sie nicht im Sinne von Gleichheit verstanden, sondern als ein Leben in gerechten Verhältnissen, jeder nach seinen Bedürfnissen. Und Wahrhaftigkeit war ohnehin ganz entscheidend für sie. Ein Mensch soll sich nicht verstellen, sondern so zeigen, wie er oder sie ist.

Und noch etwas: Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich, wie sie die verschiedenen Spannungen in ihrem Leben und auch das Scheitern versöhnt ausgehalten hat. Als sie ihre Berufung nach längerem Suchen gefunden hatte, ist sie ihr treu geblieben, gegen alle Widerstände. Und auch der Kirche ist sie treu geblieben, obwohl sie aus Rom eigentlich nur Gegenwind bekommen hat. Da kann sie Gläubigen bis heute ein Vorbild sein.

 

Die Kirche ringt derzeit verstärkt um die Rolle der Frau. Kann Maria Ward hier auch ein Vorbild sein?

 

Unbedingt! Zu ihren Lebzeiten gab es in England einen großen Priestermangel, weil Katholiken verfolgt wurden. Sie hat daraus den Schluss gezogen, dass auch Frauen verstärkt pastoral tätig sein sollten, um diese Lücke zu schließen. Sie hat auch dafür gekämpft, dass Frauen Leitungspositionen übernehmen. Nicht umsonst war einer der größten Kritikpunkte an ihrem Orden, dass sie ihn nicht dem Ortsbischof, sondern nur dem Papst direkt unterstellen wollte. Und sie hat für die Mädchenbildung gekämpft, nicht zuletzt in Naturwissenschaften, was damals ebenfalls revolutionär war.

Für sie war all das aber kein politisches Anliegen. Sie hat einfach die Not der Zeit erkannt und entsprechend gehandelt. Hier, denke ich, gibt es viele Parallelen zu unserer Zeit. Auch heute gibt es in der Kirche eine große Not, und wieder ist es an der Zeit, dass Frauen Verantwortung übernehmen. (kna)


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