Weihbischof Anton Losinger im Interview Sind Roboter bessere Pfleger?

01.03.2019

Menschen werden immer älter, Pflegekräfte immer rarer, die Technik immer ausgefeilter. Vierler­orts laufen Pilotprojekte mit sogenannten „Pflege-Robotern“. Doch darf man die Alten- und Krankenpflege in vollautomatisierte Hände legen? Interview mit dem Augsburger Weihbischof und Ethikexperte Anton Losinger.

Fluch oder Segen? Es ist fraglich, ob der Einsatz von Robotern in der Pflege mit der Menschenwürde vereinbar ist.
Fluch oder Segen? Es ist fraglich, ob der Einsatz von Robotern in der Pflege mit der Menschenwürde vereinbar ist. © imago/Westend61

mk online: Herr Weihbischof, bei einer Umfrage sagten vier von zehn Menschen, sie können sich vorstellen, dass sie zeitweise ein Roboter pflegt.

Weihbischof Losinger: Der Ursprung dieser Einschätzung liegt darin, dass sehr viele Menschen den Mangel an Pflegekräften wahrnehmen. Besonders das Krankenhaussystem, Alten- und Pflegeheime suchen intensiv nach pflegenden Menschen und können keine finden. Dieser Mangel ist ein Angsttreiber. Gerade bei der Betreuung dementer Menschen wird erkennbar: Wie soll das gehen, wenn ein Pfleger nachts auf 17 Menschen aufpassen soll? Hier hat die Bayerische Bioethikkommission den Gedanken aufgegriffen, ob es nicht möglich wäre, mit maschineller Hilfe Entlastung zu schaffen. So wurde der Begriff des Pflegeroboters in die Welt gesetzt. Für Reinigungsarbeiten, als Transportsystem oder Mobilitätshilfe, vor allem als Entlastung bei schweren körperlichen Pflegetätigkeiten kann man sich seine Unterstützung gut vorstellen.

Interessant wird es, wenn mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz und spracherkennende Systeme ein weiterer Bereich eröffnet wird: Können Roboter die Kommunikation mit Patienten übernehmen – mit ihnen sprechen? In einem Bericht aus Japan, einer stark überalterten Gesellschaft, wurde festgestellt, dass Menschen zum Teil das künstlich intelligente Sprachsystem von menschenähnlichen Pflegerobotern mehr schätzen als den gestressten Pfleger. Hier stellt sich nun die ethische Wertung und Frage: Wie weit können Pflegeroboter tatsächlich einen pflegenden Menschen ersetzen? Es geht um eine qualitativ ganz andere Art der Kommunikation, wenn Menschen mit Maschinen sprechen: Der Kranke oder Alte ist nicht nur ein Patient oder Pflegefall, sondern ein Mensch mit tiefgreifenden existentiellen und kommunikativen, auch spirituellen Bedürfnissen. Deswegen sind menschliche Kommunikation, menschliche Zuwendung und Dia­log wichtig. Auch im Sinne der Menschenwürde muss ein Mensch mit Empathie dem anderen mit seinen Fragen und Bedürfnissen gegenüberstehen.

mk online: Also ist die Menschenwürde entscheidend? Man könnte ja sagen, wenn die Menschen mit der Betreuung zufrieden sind, ist der Einsatz von Robotern in Ordnung…

Weihbischof Losinger: Das Personsein unterscheidet ein künstlich-intelligentes Sprachsystem vom sprechenden Menschen. Es macht den Menschen in seiner Einzigartigkeit und Würde aus. Der Mensch ist ein bewusst denkendes, fühlendes und sprechendes „Ich“ und kein Programm, kein Algorithmus. Der Algorithmus kann manches vielleicht perfekter machen, auf sprachlicher Ebene viel lernen und so kreativ auf jemanden eingehen. Es ist aber nötig, dass ein Mensch mit dem Bewusstsein seiner menschlichen Eigenart einem anderen Menschen mit seinen existenziellen Fragen zur Verfügung steht.

Als zentrales Problem für Pflegebedürftige gilt ja häufig nicht die physische Hilflosigkeit, sondern Einsamkeit. Hier muss klar sein: Roboter in der Pflege ersetzen keine menschliche Zuneigung und sind auch kein Ersatz für einen Freund. Wir haben es schließlich nicht mit intelligenten Wesen zu tun, sondern mit technischen Systemen. Der Pflegebedürftige und Kranke hat Anspruch, als Mensch in seinen existenziellen Sorgen und Ängsten ernst genommen zu werden. Er hat Anspruch auf menschliches Verständnis und Fürsorge und ein Gespräch von Mensch zu Mensch.

mk online: Warum kann der Einsatz neuer Technik problematisch sein?

Weihbischof Losinger: Ich glaube, dass jede technische Anwendung dieser Welt immer differenziert betrachtet werden muss. Es liegt in der Natur der Dinge, dass ein Instrument, das der Mensch in die Hand nimmt, unterschiedliche Folgen bewirkt: Es kann heilen und helfen, aber auch zerstören. Beispielsweise hat die friedliche Nutzung der Kernenergie in den 1960ern grandiose Hoffnungen erzeugt: Die Menschheit dachte, das Energieproblem sei gelöst – es kamen aber auch die brutalsten Kriege mit atomarer Bewaffnung. Deswegen stellt sich die ethische Frage: Wie wird ein Instrument, das die Menschheit in die Hand nimmt, zum Guten und zum Schlechten wirken?

Albert Einstein hat es im 20. Jahrhundert auf einen prägnanten Nenner gebracht, als er sagte: „Die Menschen leben heute technisch im Atomzeitalter, ethisch in der Steinzeit.“ Ich sehe das Problem, dass Menschen und politische Systeme nicht willens oder nicht in der Lage sind, für ihr Handeln Verantwortung zu übernehmen, wenn sie sich nur am technisch möglichen Können und nicht am ethischen Sollen orientieren. Für die Anwendung moderner Technik müssen wir stets im Auge haben, welche Wirkung das Instrument erzielen wird. Gerade in der medizinischen Forschung, insbesondere der Gentechnik und Biomedizin braucht es eine realistische Technikfolgenabschätzung. Keine Technologie kann und darf „in Serie“ gehen, bevor nicht die Konsequenzen der Anwendung genau bedacht und geprüft sind. Ziel muss immer bleiben, dass der technische Fortschritt in sozialen und humanen Fortschritt gewandelt wird.

Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Anton Losinger © Bistum Augsburg

mk online: Im Ausland ist zum Teil schon Technik im Einsatz, bei der es in Deutschland Bedenken gibt. Braucht man einen Standard für alle Länder oder kann man beim Thema Pflege je nach Land schauen, was sich bewährt?

Weihbischof Losinger: Bei der Pflege und der Frage nach der Organisation der Krankenversorgung haben die Länder verschiedene Konzepte. Alle müssen organisieren, dass kranke Menschen optimal versorgt werden. Das deutsche Sozial­gesetzbuch besagt ja, dass jedem Menschen in einer Krankheitssituation das Notwendige zu seiner Versorgung zur Verfügung steht. Der Pflegekräftemangel ist hier ein entscheidendes Problem. Unsere Gesellschaft und die Politik müssen sich wirklich darum kümmern, dass genügend Menschen mit Überzeugung und Leidenschaft den Pflegeberuf ergreifen und in der Pflege und Krankenversorgung mit Empathie zur Verfügung stehen. Ich glaube, dass das Organisatorische behoben werden kann: Ausbildung, Werbung, Gehalt und Wertschätzung des Pflegeberufs.

Junge Menschen sollten heute auch lernen, dass ein Karrierestudium zwar eine attraktive Option ist. Einem Menschen im Pflegedienst zu helfen, kann aber die glücklichere und erfüllendere Berufsentscheidung sein. Über das deutsche Krankenversorgungssystem hinaus muss man im internationalen Kontext sehen, welche Unterschiede es gibt. Gerade bei strittigen Themen der Biomedizin zeigt sich das ja seit langem, etwa bei der Frage des Schutzes des ungeborenen Lebens: Während in der Bundesrepublik durch das Embryonenschutzgesetz der höchste Schutzstandard gilt, werden weltweit in anderen Ländern etwa Stammzellexperimente gefördert, die hierzulande undenkbar wären.

Deshalb steht für mich ganz klar fest: Bioethische und gentechnische Standards sollten genauso global und international verbindlich sein, wie wir es bei der Geltung der Menschenrechte fordern. Menschenrechte sind unteilbar. Sie sind untrennbar mit der Würde der menschlichen Person verbunden und gelten daher überall. Meine Forderung: Überall gleiche, international gültige, verbindliche Standards im Bereich der modernen biomedizinischen Technik!

mk online: Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Teilnahme an verschiedenen Gremien und in der Begegnung mit Wissenschaftlern gemacht: Wird bei der Entwicklung von neuen technischen Möglichkeiten auch auf die Ethik geachtet?

Weihbischof Losinger: Im Blick auf die dramatische Fortentwicklung der digitalen Welt registrieren auch Politiker und Wissenschaftler inzwischen, wie mehr und mehr Bürger mit wachsendem Unbehagen und Sorge auf die neuen Möglichkeiten schauen. Nehmen wir den Bereich Big Data und Algorithmen­ in der digitalen Wirklichkeit. Hier haben viele Bürger bereits ein sensibles Bewusstsein für den Datenschutz entwickelt. Wo und wie die Nutzung dieser Daten stattfindet, kann natürlich nicht jeder Bürger privat regulieren.

Es ist eine drängende Gestaltungsaufgabe und Herausforderung an den Gesetzgeber. Dieser muss in kluger Weitsicht festlegen, welche Wirkung eine Neuentwicklung im Bereich der digitalen Technik hat und was geregelt werden muss, damit der Rechts- und Personenschutz des Bürgers gewährleistet ist. Man sieht, dass die Fortentwicklung in diesem Bereich mit Höchstgeschwindigkeit stattfindet. Weil der Gesetzgeber oft nicht mehr Schritt halten kann, ist manchmal ein Gesetz, wenn es erlassen wird, schon wieder völlig veraltet und wird der neuen Komplexität nicht gerecht. Hier, meine ich, sind Institutionen wie der Deutsche Ethikrat ein wichtiges und hilfreiches Instrument, um den Gesetzgeber über neue Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu beraten. Sie geben Hinweise, in welcher Richtung Gesetze verfasst werden können und schaffen im Sinne des deutschen Ethikratsgesetzes eine möglichst große Transparenz in der Öffentlichkeit.

mk online: Wenn Sie allgemein an technische Innovationen denken – wird Ihnen da eher bang oder blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Weihbischof Losinger: Durch die neuen technischen Möglichkeiten kann Vieles, das dem Wohl des Menschen dient, verbessert, optimiert werden. Deshalb sehe ich künstlich intelligente Systeme und Digitalisierung zunächst einmal positiv – im Sinne der Entlastung und der Förderung des Wohls von Menschen. Allerdings muss man darauf achten, dass negative Auswirkungen bei der Verwendung ausgeschlossen werden und dass das Positive auch durch gesetzliche Regelungen auf den Weg gebracht wird.

Meiner Meinung nach sind technische Fortentwicklungen unvermeidlich. Sie werden kommen. Wichtig bei allem Bemühen ist, dass der Mensch die Kontrolle und den Überblick behält. (Interview: Lydia Schwab/Nathalie Zapf)


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