Seligsprechungsverfahren im Erzbistum Sinnvolle Kirchenbürokratie

18.12.2017

Romano Guardini und Fritz Gerlich sollen im Erzbistum München und Freising zur Ehre der Altäre erhoben werden. Dafür kennt die Kirche ein bürokratisches Verfahren. Das macht zwar nicht selig, ist aber höchst sinnvoll.

Der Ortsbischof muss dabei sein: Kardinal Reinhard Marx bei der Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens am Vorabend des dritten Advents. © SMB/Kiderle

Jetzt werden tausende von Seiten gewälzt, persönliche Briefe und Notizen ausgewertet, noch lebende Zeitzeugen befragt. Im norditalienischen Verona kommt ein angebliches Wunder unter die Lupe. Rund 30 vereidigte Experten im Erzbistum München und Freising prüfen, ob Romano Guardini und Fritz Gerlich seliggesprochen werden können. Ein riesiger Aufwand, der jahrelang dauern kann und möglicherweise zu nichts führt. Früher haben über eine solche Verehrung schlicht die Gläubigen entschieden. Wenn sie das Grab eines besonders frommen Menschen lange genug besucht und verehrt hatten und irgendwann ein Priester dort Eucharistie feierte, dann war die Person heilig. Wenn eine andere Gemeinde, zum Beispiel der Geburtsort des Heiligen, etwas davon abhaben wollte, mussten die Gebeine erhoben und geteilt werden. Nach katholischem Verständnis eine Störung der Totenruhe, darum musste im Kirchenrecht eine Ausnahme für solche Fälle geschaffen werden.

Sachliche Nüchternheit tut Seligen gut

So bildete sich allmählich ein formales, beim Papst liegendes Verfahren für Selig- und Heiligsprechungen aus. Das mag manchen als zu bürokratisch und als Bremse für den Glaubenssinn des Gottesvolkes erscheinen. Aber genau diese langwierige, sachliche Nüchternheit strebt das Verfahren an und das ist gut so. Denn Stimmungen und der Zeitgeist schwanken. Was gestern als höchste Form der Frömmigkeit galt, wird heute teilweise als krankhafte Übersteigerung gesehen. Was gestern als Glaubenszeugnis übersehen wurde, erscheint heute als leuchtendes Beispiel. Schnell kommt es auch zu Instrumentalisierungen von Toten, die heiligmäßig gelebt haben sollen.

Auch fromme Interessen brauchen kritischen Blick

Da geht es um kirchenpolitischen Einfluss und auch um materielle Interessen, denn ein Seliger kann das Spendenaufkommen für einen Orden heben, eine Wallfahrt begründen, das Renommee einer Diözese oder geistlichen Gemeinschaft vergrößern. Damit wir uns recht verstehen: Nichts davon ist automatisch anrüchig. Doch es ist richtig, wenn vereidigte Experten nicht nur einen, sondern viele kritische Blick darauf werfen und es genaue Regeln für eine offiziell zugelassene Verehrung gibt. Wenn es für die Selig- oder Heiligsprechungen dann oft einen langen Atem braucht, dann sagt das ja auch etwas über die Beständigkeit einer Verehrung aus. Der Druck seitens der Gläubigen oder frommer Gruppen ist dann immer noch groß genug. Und manchmal geht es ja auch schnell, wenn sie und die kirchliche Hierarchie übereinstimmend sehen, dass ein Mensch durch sein Leben eine besondere Nähe zu Gott gezeigt hat und für die Kirche und die Welt aktuell besonders wichtig ist. Ein Beispiel wäre etwa Mutter Teresa.


Wunsch nach Neulingen im bayerischen Heiligenhimmel

Als Journalist würde ich mir wünschen, dass der mutige Publizist Fritz Gerlich, den die Nazis eingesperrt, gefoltert und ermordet haben, seinen Platz im bayerischen Heiligenhimmel bekommt. Er steht ja auch stellvertretend für die vielen Kollegen, die auf der ganzen Welt für ihre Berichterstattung verfolgt, misshandelt und mit dem Tod bedroht werden. Und dass viele Leser in den Schriften Romano Guardinis das Wehen des Heiligen Geistes und eine wegweisende moderne Glaubenshaltung erkennen, rechtfertigt meiner Meinung nach eine allgemeine kirchliche Verehrung. Mit dem Herzen würde ich sagen: Santo subito, beide sofort seligsprechen, und ihrem Andenken einen würdigen Platz in der Erzdiözese von München und Freising geben. Aber ich glaube doch, dass meine Begeisterung ein Gegenstück in dem nüchternen Prozess braucht, in dem das ganze Leben der beiden geprüft wird und ob es tatsächlich heiligmäßig war. Im übrigen verbietet mir niemand, Romano Guardini und Fritz Gerlich privat zu verehren und mich im Gebet mit ihnen zu verbinden. Genauso wenig wie mich die Kirche zwingt, ganz bestimmte Heilige als Vorbilder im Glauben zu sehen. Da ist eine große Auswahl vorhanden, die alle Seiten des Lebens einbezieht. Das ist auch das Verdienst der Bürokratie, die in der Kirche Selig- und Heiligsprechungen begleitet.

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Sinnvolle Kirchenbürokratie

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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