Katakombenheilige Skelette hinterm Altarbild

31.10.2019

Die Klosterkirche Altomünster zeigt im November seine sieben Heiligen Leiber. Das restliche Jahr über sind sie hinter Altarbildern versteckt.

Andreas Scheuch und seine Mitarbeiterin Gabriele Unruh enthüllen verborgene Heilige.
Andreas Scheuch und seine Mitarbeiterin Gabriele Unruh enthüllen verborgene Heilige. © Kiderle

Altomünster – Andreas Scheuch steckt eine Kurbel in den kaum sichtbaren Metallstift am größten Altaraufbau der Klosterkirche von Altomünster. Dann dreht er sie ganz vorsichtig. Langsam bewegt sich das Gemälde nach unten, in einen eigens dafür vorgesehenen Schacht. Seine Mitarbeiterin Gabriele Unruh hat sich auf den historischen Altartisch gestellt und achtet darauf, dass das Bild in der Führungsschiene bleibt. Es hängt an einem Hanfseil und während es sich senkt, wird allmählich sichtbar, was sich hinter dem Gemälde verbirgt: ein aufrecht stehendes, reich verziertes Skelett, genauer: ein Heiliger Leib oder Katakombenheiliger.

Dreihundert Jahre alter Mechanismus

Auch an den Seitenaltären kurbelt Restaurator Scheuch die Gemälde nach unten, hinter denen ebenfalls reich verzierte Gebeine auftauchen: „Der Mechanismus ist noch original, die Achsenhölzer, um die sich die Seile winden, sind dreihundert Jahre alt genauso wie die eingebauten Zahnradbremsen.“ Dann geht Scheuch nach unten ins Kirchenschiff. Dort hängt er behutsam die Gemälde an zwei weiteren Seitenaltären ab, weil dort kein Kurbelmechanismus eingerichtet ist. Auch hinter diesen Gemälden verbergen sich zwei Katakombenheilige, die allerdings auf Stühlen sitzen. Zwei weitere liegende Heilige Leiber sind das gesamte Jahr über im Hauptraum der Klosterkirche zu sehen. Insgesamt sind es also sieben, aber das gesamte Ensemble wird nur im November präsentiert.

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Beitrag über die Heiligen Leiber von Altomünster im Münchner Kirchenradio

 Ganz oben im erhöhten Altarbereich steht die Heilige Mercuria.
Ganz oben im erhöhten Altarbereich steht die Heilige Mercuria. © Kiderle

Sinnbild für das ewige Leben

Von einer Kirchenbank aus hat Wilhelm Liebhart ganz gespannt und aufgeregt verfolgt, wie die Heiligen nach und nach in ihren Nischen zu erkennen sind. Obwohl der pensionierte Professor und Heimathistoriker dieses, im besten Sinne, fromme Theater bereits seit seiner Kindheit kennt. Schon damals haben ihn die Heiligen Leiber angezogen „und wir Kinder hatten auch keine Angst davor“. Allerdings haben sie die Erwachsenen gefragt, was denn diese reichverzierten Skelette bedeuten. Und schon damals hat Liebhart erfahren, dass diese Heiligen Leiber aus Rom kommen, einerseits die Vergänglichkeit des Menschen zeigen, aber auch, „dass sie sinnbildhaft für das ewige Leben stehen“. So waren und sind die Katakombenheiligen, deren Gebeine teilweise durch Pappmache ergänzt sind, nicht nur ein Spektakel, sondern auch stumme Religionslehrer.

Verbundenheit mit den ersten Christen

Heute weiß Liebhart über das siebenköpfige Ensemble noch viel besser Bescheid. 1688 trafen die beiden ersten Katakombenheiligen in Altomünster ein. Damals wurden immer mehr spätantike unterirdische Grabanlagen in Rom wiederentdeckt und es galt als ausgemacht, dass sie die geheimen Friedhöfe der ersten verfolgten Christengemeinden waren und entsprechend viele Märtyrer beherbergten. An dieser Behauptung hat die heutige Forschung so ihre Zweifel, aber durch die „Katakombenheiligen hatten die Gläubigen das Gefühl, mit den ersten Christen und ihren Blutzeugen über die Jahrhunderte hinweg direkt verbunden zu sein“, erklärt Liebhart.

Nicht umsonst sind die Nischen dieser sogenannten Ganzkörper-Reliquien in Altomünster mit rotem Samt ausgeschlagen oder in roter Farbe gefasst. Sogar Namen haben sie bekommen. Die ganz oben im erhöhten Altarbereich stehenden Heiligen heißen Mercuria und ihre angeblichen Kinder Victoria und Fortunatus. Die beiden sitzenden Skelette sollen römische Soldaten gewesen sein, von denen sich die Gläubigen in und um Altomünster Schutz vor Kriegsgräueln erhofften.

Die zwei liegenden Heiligen Leiber sind das gesamte Jahr über im Hauptraum der Klosterkirche zu sehen.
Die zwei liegenden Heiligen Leiber sind das gesamte Jahr über im Hauptraum der Klosterkirche zu sehen. © Kiderle

Spektakulärer Empfang

Mercuria und ihre Kinder wurden 1694 mit besonders hohen Ehren empfangen. Für ihren Empfang hat ein Pater sogar eigens eine Musik komponiert und die Bürger von Altomünster haben zwei prächtige Theaterstücke dazu aufgeführt: „Da traten Honoratioren als römische Legionäre verkleidet auf, es war so eine Art Ben Hur-Inszenierung“, erklärt Liebhart. Sogar ein Liedblatt hat das Kloster drucken lassen: „Zwey Blut-rothe Rosen/ Blühend im himmlischen Paradeisgarten.“ Damit waren die beiden Kinder Mercurias gemeint, die einen frühen Märtyrertod erlitten haben sollen.

1724 trafen dann die letzten Katakombenheiligen in Altomünster ein. Ihre liegende, sitzende und stehende Aufstellung ist natürlich eine gewaltige Steigerung des optischen Eindrucks. Sie lässt sich aber auch als Botschaft deuten: Wenn der Christ aus dem Grab gerufen wird, wartet er auf das Gericht Gottes, der ihn aufrichtet und in die ewige Herrlichkeit führt. Ein paar Jahrzehnte, nachdem in Altomünster die letzten Heiligen Leiber eingetroffen waren, hat sie der Bildhauer Johann Baptist Straub in seine Altarentwürfe eingebunden und die entsprechenden Aussparungen für die Gemälde berücksichtigt. Heute darf der Mechanismus aus haftungsrechtlichen Gründen nur von einem fachkundigen Restaurator betätigt werden.

Katakombenheilige als Alleinstellungsmerkmal

Andreas Gryska von der Kirchenverwaltung und die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Birgitta Graf sind mit dabei und verfolgen aufmerksam das Herunterkurbeln der Gemälde. Beide vermuten, dass eine solche Reliquienpräsentation in Deutschland einzigartig ist. „Wenn wir die nicht hätten, wären wir eine barocke Klosterkirche, wie es viele andere auch gibt“, sagt Gryska und deutet stolz auf die heilige Mercuria, „die Katakombenheiligen sind unser Alleinstellungsmerkmal“. Graf nickt und erzählt, dass immer wieder Besucher extra im November nach Altomünster kommen und sich der ganz besonderen Stimmung überlassen, die dann in der Klosterkirche entsteht. Besonders wenn ein heller Sonnenstrahl durch die Fenster fällt und die reichverzierten Heiligen Leiber zum Leuchten bringt. „Dann sind sie wirklich eine Pracht.“

Die Heiligen Leiber in Altomünster sind während des ganzen Novembers zu sehen. Von München aus gibt es eine stündliche S-Bahn-Verbindung. Zu den Gottesdiensten und an den Sonntagen ist auch das Gitter vor dem Kirchenschiff geöffnet.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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