Seiltanz zwischen Himmel und Erde Slackliner: "Scheitern ist keine Option"

11.06.2019

Slackliner Friedi Kühne hält mehrere Weltrekorde. Wenn er auf dem Seil unterwegs ist, dann blendet er alles aus. In dem Moment zählt nur das Balancieren.

Slackliner Friedi Kühne im Yosemite Valley.
Slackliner Friedi Kühne im Yosemite Valley. © Aidan Williams

Bad Aibling – Eigentlich heißt er ja Friedrich. Aber alle nennen ihn „Friedi“. Und wenn er aufs Seil geht, wird manchen Menschen schon beim Hinschauen ganz anders. Angefangen hat er – wie die meisten Extremsportler – ganz klein: Auf einer zwischen zwei Bäumen aufgespannten Slackline im Park. „Irgendwann bin ich süchtig geworden nach diesem Gefühl der Balance auf dem Wackelband.“ Die Frage nach dem Kick seiner gefährlichen Sportart hat Friedi Kühne schon oft beantworten müssen. Und tut es mit einem sehr eingängigen Bild: Beim Highlinen, sagt er, trennten ihn nur zweieinhalb Zentimeter Seil vom Fliegen. „So hat man ein unglaubliches Gefühl des Lebendigseins.“ Dass er nebenher beim Balancieren in schwindelerregenden Höhen auch die Natur und die schöne Aussicht genießt, sorgt bei nicht so ganz schwindelfreien Beobachtern der waghalsigen Touren oft für dezentes Kopfschütteln.

Meditativer Zustand

Hoch konzentriert setzt der 29-Jährige einen Fuß vor den anderen und gerät dabei, so beschreibt Friedi es selbst, fast in einen meditativen Zustand: Alles wird ausgeblendet, nur das Balancieren auf der Slackline zählt. Besonders bei langen Highlines, wie der Weltrekord-Tour von 1,9 Kilometern, hat Friedi diesen Zustand an sich beobachtet. Immerhin war er bei diesem Ausnahme-Akt eineinhalb Stunden auf dem Seil unterwegs. Rekorde wie dieser treiben den gebürtigen Bad Aiblinger immer wieder zu neuen (verrückten) Höchstleistungen an: Auf einer Russlandreise im Mai hat Kühne den längsten, jemals gemessenen Lauf auf einer Slackline mit verbundenen Augen geschafft, exakt ein Kilometer war das Seil lang. Besonders stolz ist er aber auf seinen Free Solo-Highline-Weltrekord. Dabei stand er ungesichert auf einem Seil, das sich mit 110 Metern Länge über eine Schlucht in Frankreich spannte. Gute 200 Meter ging es bei dem Weltrekordversuch in die Tiefe. Er habe sich aber auch bei diesem Unternehmen während der ganzen Zeit sicher gefühlt, meint Friedi Kühne.

Sich selbst besser kennenlernen

Diese Sicherheit erreicht der Sportler durch sorgfältige Vorbereitung, intensives Aufwärmtraining und dauerndes Üben des sogenannten „Catchens“, der Fähigkeit, sich beim Sturz am Seil festzuklammern. Selbst wenn er, was bisher noch nie der Fall war, bei einer ungesicherten Begehung das Gleichgewicht verlieren würde, würde der Sturz nicht zwangsläufig tödlich enden. Neben der sportlichen Herausforderung sind die Gänge über das Seil für den studierten Mathematik- und Englischlehrer die Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen und sein Selbstvertrauen auf eine neue Stufe zu heben, sich selbst komplett zu vertrauen. „Es fühlt sich gut an, zu akzeptieren, dass das Scheitern keine Option ist.“

Was sich zwar abgegriffen anhört, ist aber nach wie vor wahr: Beim Slacklinen müssen Körper und Geist in Einklang gebracht werden. Beim Highlinen gilt dieses Prinzip doppelt. Friedi Kühne hat nach fast zehn Jahren Slacklinen festgestellt, dass mit dem körperlichen Training und der Fitness auch seine mentale Bereitschaft wächst. Das Wichtigste, erklärt der Weltrekordler, sei die Selbstkenntnis. Das Wissen also, ob man bereit sei oder eben nicht.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Im Segelflugzeug über Unterwössen.
© SMB/Fleischmann

Die Kraft der Natur Mit dem Segelflugzeug in den Chiemgauer Himmel

In ein paar Sekunden zieht die Winde der Segelflugschule in Unterwössen die Flugzeuge in den Himmel. Dort angekommen, warten Ruhe, ein himmlischer Ausblick und eine andere Sicht auf die Welt.

15.06.2019

© BDKJ-FSJ Referat

#JUGENDRAUM FSJ-Mehr als Zeit überbrücken

Jung? Neugierig? Engagiert? Dann ist ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) vielleicht das Richtige. Zwölf Monate freiwilliger Dienst stärken das Selbstbewusstsein und lassen berufliche Entscheidungen...

13.06.2019

Mehr Selbstwertgefühl durch mehr Muskeln - das kann gefährlich werden.
© interstid - adobe.stock.com

Sportsucht Fit bis zum Umfallen

70 Prozent aller Jungs zwischen zehn und 17 Jahren sind mit ihrem Körper unzufrieden. Fitness kann da zur Sucht werden. Caritas-Berater Christian Strobel bietet Hilfe an.

23.05.2019

Franziska Liebhardt Mit Spenderlunge aufs Siegertreppchen

Die Goldmedaille im Kugelstoßen bei den Paralympics in Rio war die Erfüllung eines Traums. Denn nur einige Jahre vorher hatte die Athletin schon fast mit dem Leben abgeschlossen.....

08.04.2019

Petra Thaller Outdoor-Sport gegen Krebs

Die Power-Frau hat während einer Brustkrebserkrankung selbst erlebt, wie der Sport ihr geholfen hat. Aus dieser Erfahrung hat sich "Outdoor against Cancer entwickelt"...

15.10.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren