Erzbistum München und Freising So begegnen Pfarrer den Kirchenaustritten

20.07.2018

Die Kirchenaustrittszahlen in der Erzdiözese sind unverändert hoch. Wir haben bei drei Pfarrern im Erzbistum nachgefragt, wie sie mit Kirchenaustritten umgehen.

Pfarrer Thomas Gröner (von links), Pfarrer Robert Hof und Pfarrer Klaus Hofstetter
Pfarrer Thomas Gröner (von links), Pfarrer Robert Hof und Pfarrer Klaus Hofstetter © SMB

Wie sind bei Ihnen die Kirchenaustrittszahlen?

Pfarrer Thomas Gröner (Sankt Peter und Paul - Oberammergau):
Die Kirchenaustrittszahlen hier in Oberammergau unterschieden sich nicht wesentlich zu denen im restlichen Erzbistum. Manch einer vermutet das vielleicht am Passionsspielort nicht. Aber die Menschen hier, sind ganz normale Menschen, mit ihrer Arbeit, ihrem Leben und ihren Sorgen. Sie entfernen sich von Kirche genauso wie in der Stadt. Traurig machen mich persönlich die Austritte im Allgemeinen nicht. Ich weiß, dass es meistens längerfristige Entfremdungsprozesse sind. Wenn ich jemand kenne, das sind aber ganz wenig Fälle, oder auch, wenn ich den konkreten Grund kenne, dann macht es mich schon manchmal traurig, dass das schiefgegangen ist.

Pfarrer Robert Hof (Herz Jesu Kirche - München):
Ich denke, wir liegen da ganz im Durchschnitt der Stadtpfarreien Münchens. Ich bekomme alle paar Monate einen Packen von Kirchenaustritten zur Kenntnisnahme, den ich dann unterschrieben muss. Der kommt natürlich mit viel anderer Post, aber in dem Moment, wo ich das auf den Tisch bekomme, halte ich schon inne. Das tut als Pfarrer schon immer wieder weh. Ich schaue mir dann die Namen der Menschen an, wie alt sie sind, woher sie kommen und frage mich nach dem „Warum?“.

Pfarrer Klaus Hofstetter (PV Westliches Chiemseeufer):
In den fünf Gemeinden unseres Pfarrverbands gibt es immer wieder Kirchenaustritte. Je nach kirchenpolitischer Lage gibt es da auch mal Ausschläge nach oben. Für mich als Seelsorger ist jeder Austritt schmerzlich.

Beim Poststapel sind alle paar Monate auch die Kirchenaustritte dabei...
Beim Poststapel sind alle paar Monate auch die Kirchenaustritte dabei... © czarny_bez - stock.adobe.com

Nehmen Sie Kontakt zu den Ausgetretenen auf?

Pfarrer Thomas Gröner (Sankt Peter und Paul - Oberammergau):
Ich schreibe alle an und bitte sie um ein Gespräch. Allerdings gehen sehr wenige darauf ein – ich schätze, jeder Zehnte meldet sich und es kommt zu einem Gespräch.

Pfarrer Robert Hof (Herz Jesu Kirche - München):
Wir schicken allen Ausgetretenen einen Brief. Wir versuchen mit diesen freundlich und natürlich ohne jeden Vorwurf Kontakt aufzunehmen. Wir wollen damit ein Signal setzen und sagen, dass die Türe weiterhin offen ist. Wir schreiben, dass wir den Austritt bedauern und das durchaus auch als Anfrage an uns als Kirche sehen. Wir schicken auch einen Fragebogen und schreiben, dass uns auch die Gründe des Austritts interessieren. Allerdings schicken sehr wenige diesen Fragebogen zurück.

Pfarrer Klaus Hofstetter (PV Westliches Chiemseeufer):
Alle, die ausgetreten sind, erhalten von mir einen Brief, in dem ich ein Gespräch anbiete. Dies wurde in den letzten Jahren zwei Mal angenommen.

Die Kirchensteuer - ein häufiger Austrittsgrund
Die Kirchensteuer - ein häufiger Austrittsgrund © blende11.photo - stock.adobe.com

Was für Gründe geben die Menschen für ihren Austritt an – so Sie diese erfahren?

Pfarrer Thomas Gröner (Sankt Peter und Paul - Oberammergau):
Meistens, das würde ich schon so verallgemeinern, ist es eine Entfernung von der Kirche, die schon lange Zeit besteht. In ganz wenigen Fällen ist es eine Verärgerung über einen konkreten Anlass oder über den Pfarrer, so, dass jemand sagt „Da hab i mi so g´ärgert, da will i jetzt austreten.“

Pfarrer Robert Hof (Herz Jesu Kirche - München):
Die meisten sagen, dass sie aufgrund der Kirchensteuer austreten. Das sind oft Menschen, die schon Interesse an der Kirche bekunden, aber sagen, es bewogen sie steuerliche Gründe. Wenn ich die Austritte durschaue, sind es vor allem Menschen mittleren Alters. Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, vermutlich oft ganz gut verdienen. Vielleicht ein Alter, in dem man sich stark fühlt. Man ist kein junger Erwachsener mehr, aber man ist noch nicht alt – eine Lebensphase, in der man sich dann ganz andere Gedanken macht.

Einige sagen, sie könnten mit der Kirche nichts anfangen und wollten damit nichts zu tun haben. Es gibt sicher Menschen, die sich so von der Kirche entfernt haben, dass ein Austritt auch konsequent, wenn auch schade, ist. Und dann kommen auch bei einigen, meiner Ansicht nach sehr unreflektierte Angriffe, die dann bis zu den Hexenprozessen gehen.

Pfarrer Klaus Hofstetter (PV Westliches Chiemseeufer):
Der Kirchenaustritt ist meist die letzte Konsequenz aus einer Entfremdung gegenüber der Kirche. Die Erfahrung zeigt auch, dass ein gewisser, zum Teil großer, Prozentteil bei einem Wohnungswechsel austritt. Diese erklären beim Einwohnermeldeamt gleich den Austritt aus der Kirche mit. Von daher zeigt es nicht unmittelbare Folgen im Gemeindeleben – auch wenn jeder Austritt für mich als Seelsorger schmerzlich ist und auch für jede Gemeinde schmerzlich sein sollte.

Sind dienstleistungsorientierte Katholiken - die, die nur zur Taufe oder Hochzeit in die Kirche kommen - die Zukunft?
Sind dienstleistungsorientierte Katholiken - die, die nur zur Taufe oder Hochzeit in die Kirche kommen - die Zukunft? © Nastasia Froloff - stock.adobe.com

Wie schätzen sie die Zukunft ein?

Pfarrer Thomas Gröner (Sankt Peter und Paul - Oberammergau):
Ich denke, wir sollten uns nicht an den Austrittszahlen abarbeiten, sondern schauen, dass wir eine längerfristige Bindung der Menschen an die Kirche gewährleisten können. Das heißt, wir müssen auch an die, die der Kirche nicht so nahestehen, denken und eine Pastoral machen, die diesen entgegenkommt. Ich habe da viele Ideen und Konzepte. Schön sind da besondere Gottesdienste, wie „Stunden des Lichtes“ – alles was nichttraditionell ist – es ist aber leider oft ein zeitliches Problem. Bei manchen ist es auch ein Zugangsproblem. Die „modernen Performer“, wie sie genannt werden, an die komme auch ich nicht ran, denn die sind ja viel zu beschäftigt und tauchen in kirchlichen Kreisen nicht auf. Ich kann sie nur auf Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen treffen.

Pfarrer Robert Hof (Herz Jesu Kirche - München):
Das ist schwer zu beantworten. Viele Menschen schieben Gründe vor oder stellen Forderungen, die auch nicht zu erfüllen sind. Jedes Kirchenmitglied sollte sich einfach einmal bewusstmachen, dass es Mitglied der Kirche ist. Die Kirche ist nicht der Papst, noch der Bischof, noch der Pfarrer, sondern jeder Einzelne, die Gemeinschaft der Getauften. Jeder Getaufte ist dazu aufgerufen in der Kirche aktiv, lebendig und mit dabei zu sein und kann die Kirche vor Ort auch prägen.

Natürlich wird immer wieder die Frage gestellt „Müssen wir uns von der Volkskirche verabschieden?“ Ich glaube, diese ist immer noch stark. Ich will nicht einfach vom „heiligen Rest“ oder der „bekennenden Kirche“ sprechen.

Ich denke eine große Gemeinschaft wie die Katholische Kirche hat auch die Kraft und sollte versuchen, einen großen Teil der Bevölkerung mitzunehmen – auch wenn wir viele Menschen nur an den Knotenpunkten des Lebens, wie Taufe, Hochzeit, Beerdigung, erreichen.

Pfarrer Klaus Hofstetter (PV Westliches Chiemseeufer):
Es gibt durchaus auch Menschen, die wieder in die Kirche eintreten und darüber dürfen wir uns freuen. Übrigens ein Trend, der nun schon seit Jahren anhält. Und die Gespräche zu diesem Anlass sind immer sehr intensiv und schön. Wir haben auch schon mal zu einem Gespräch in größerer Runde eingeladen, was ein echt lebendiger Austausch war. Als Seelsorgeteam bemühen wir uns – zusammen mit den vielen Ehrenamtlichen jeden Alters – Kirche attraktiv zu gestalten, z.B. durch Aktionen wie die „Offene Kirche“ oder durch eine Willkommenskultur in unseren Gemeinden.

Sind es die Knotenpunkte des Lebens, an denen Sie dann versuchen die Menschen zu "bekommen"?

Pfarrer Thomas Gröner (Sankt Peter und Paul - Oberammergau):
Oft sind die Kirchenfernen auch an diesen Kontenpunkten schwer zu kontaktieren. Aber natürlich versuche ich es da, Kontakt herzustellen und ihn auch zu halten.

Pfarrer Robert Hof (Herz Jesu Kirche - München):
Wir versuchen auf jeden Fall, die Menschen da zu kriegen. Das ist natürlich nicht das „starke und lebendige Christsein“, aber auf jeden Fall haben diese Berührungspunkte ihren Wert. Wir Pfarrer geben in diesen Momenten unser Bestes – aber zaubern können wir nicht.

Die Autorin
Stefanie Schmid
Radio-Redaktion
s.schmid@st-michaelsbund.de


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