Bibel und Forschung So blickt das Christentum auf die Kindheit

18.12.2020

Jesus ruft die Kinder in die Mitte - Passend zu Weihnachten steht der christliche Blick auf die Kindheit im Zentrum der neuen Folgen des Podacsts "Würde.Leben" mit Pater Hans Zollner vom Centre for Child Protection (CCP).

Kindergesichter
Es gbt kaum Ansätze einer katholischen Theologie der Kindheit. © Sergey Novikov - stock.adobe.com

Den geschmückten Christbaum glänzen lassen und ein paar gemütliche Tage in festlicher Stimmung verbringen, ohne sich mit ernsten Themen befassen zu müssen oder über die Medien damit konfrontiert zu werden – diesen Wunsch kann Pater Hans Zollner vom Centre for Child Protection (CCP) gut verstehen. Trotzdem veröffentlichte der Leiter des katholischen Kinderschutzzentrums vor Kurzem die zweite Folge von „Würde.Leben“. Der Podcast mit dem international anerkannten Präventionsexperten widmet sich der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Weihnachten steht im Zentrum der neuen Folge, die danach fragt, wie die Bibel und das Christentum auf die Kindheit blicken.

"Jesus ruft die Kinder in die Mitte"

„Mit Ausnahme eines Aufsatzes von Karl Rahner gibt es überraschenderweise kaum Ansätze einer katholischen Theologie der Kindheit, auch nicht in den anderen Konfessionen“, so der Jesuitenpater. „Das sind Striche, an denen man weiterarbeiten müsste.“ Das Fehlen solcher theologischen Forschungen erklärt sich Pater Zollner damit, „dass die jahrhundertelange Abwertung und mangelnde Wertschätzung für Kinder hier nachwirkt“. Der Blick in die Evangelien würde eine völlig andere Sicht nahelegen: „Jesus ruft die Kinder in die Mitte.“

Zudem verurteile er im 18. Kapitel des Matthäus-Evangeliums „mit einer fast erschreckenden Härte“, wenn Erwachsene einem Kind etwas Schlimmes antun. „Es ist ein großes Ausrufezeichen, dass man denjenigen keine billige Gnade und Vergebung angedeihen lässt, die Kinder missbrauchen oder misshandeln.“ Gerade die zum Fest beschworene Harmonie sei aber für die Betroffenen oft schwer auszuhalten. „Sie leben Monat für Monat, Weihnachten für Weihnachten mit dem, was sie erfahren haben.“ Deshalb müsse sich die Kirche auch zu Weihnachten dem Missbrauchsthema stellen.

Der 54-Jährige Jesuitenpater geht in der Podcastfolge auch auf die jüngst erfolgte Stiftungsgründung „Spes et Salus“ (Hoffnung und Heil) des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx ein. Sie soll Initiativen und Projekte finanzieren, die die spirituelle Dimension des Missbrauchs in den Blick nehmen. Dabei werde die Stiftung mit dem CCP zusammenarbeiten, dem diese Frage besonders wichtig sei: „Es geht darum, Lernräume zu schaffen, in denen Kirchen- und Betroffenenseite ins Gespräch kommen und sich gemeinsam herantasten, wie sie mit der Wunde, die der sexuelle Missbrauch auch für den Glauben geschlagen hat, umgehen können.“

Gott wollte als Kind in die Welt kommen

Die neue Stiftung des Kardinals sei „ein deutliches Zeichen an die Brüder im Amt, also an Bischöfe und andere Verantwortungsträger“, die Missbrauchsthematik dauerhaft ernst zu nehmen. Die ersten Reaktionen aus aller Welt hätten bereits gezeigt, dass die Stiftungsgründung „auch Bewegung in die Debatte innerhalb der Kirche bringt“.

Im neuen Jahr wolle das CCP konkrete Schritte tun, um das Anliegen der Stiftung zu entwickeln, so Pater Zollner. Es freue ihn, dass sie vor Weihnachten gegründet worden sei, dem Fest, das Gottes Verbundenheit mit Welt zeigt: „Er wollte als Kind in die Welt kommen und den normalen Werdegang eines Menschen miterleben. Dass Gott so wehrlos und klein in der Krippe liegt, zeigt, wie ernst er es damit gemeint hat, „alles mit uns zu teilen, auch die Geburt und auch den Tod.“

Podcast-Tipp

Würde.Leben Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Pater Hans Zollner hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Missbrauch aufzuklären, damit die Vertuschungen endlich aufhören und Prävention glaubwürdig ist. Er leitet das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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