Tod und Sterben So haben sich Jenseitsvorstellungen verändert

18.11.2019

Heutige Jenseitsvorstellungen unterscheiden sich von denen aus früheren Zeiten. Der Direktor des Diözesanmuseums Freising,Christoph Kürzeder, spricht über den Wandel.

Wie sieht es im Jenseits aus? Die Vorstellungen haben sich verändert.
Wie sieht es im Jenseits aus? Die Vorstellungen haben sich verändert. © kazy - stock.adobe.com

mk-online: In früheren Zeiten galt alles Bestreben der Menschen einer guten Sterbestunde. Warum war diese ihnen so immens wichtig?
KÜRZEDER: In der Sterbestunde hat sich das endgültige Schicksal des Menschen entschieden. Nach der theologischen Lehre folgt in diesem Moment entweder ewiges Heil, ewige Verdammnis oder Läuterungsleiden im Fegefeuer. Damit war auch ganz klar das sakramentale Geschehen verbunden – Krankensalbung mit den heiligen Ölen, Beichte und Kommunionempfang. Bis heute ist in manchen Sterbeanzeigen zu lesen „Verstarb wohlvorbereitet mit den Sterbesakramenten“. So ausgestattet hat man sich sehr sicher gefühlt, auf diese letzte Reise zu gehen.

mk-online: Ausdruck fand diese Sterbevorbereitung unter anderem auch in einem eifrigen Gebets- und Bruderschaftswesen ...
KÜRZEDER: Eine der größten Ängste des Menschen besteht darin, tot und vergessen zu sein. Daher hat sich kulturübergreifend eine Erinnerungskultur und Totengedenken entwickelt – in der Familie oder in einer sozialen Gruppe wie der Stammessippe oder später der bürgerlichen Gemeinschaft. Im Christentum war eine Antwort hierauf im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit das Ausbilden eines Bruderschaftswesens, also eines Solidarsystems über den Tod hinaus. Eigentlich ist dies eine Art Versicherung: Wenn ich dazugehöre und meinen Mitgliedsbeitrag bezahle, kommen mir in meiner Sterbestunde die Gebete der Bruderschaftsmitglieder zugute und die mit den Gebeten verbundenen Gnadengaben, sprich Ablässe, werden für mich wirksam. Auch das Requiem und Begräbnis waren oft durch die Bruderschaft organisiert, ebenso das jährliche Gedächtnis am Todestag mit Messstiftung et cetera. Auf diese Weise waren die Lebenden und die Toten eng miteinander verbunden und haben auf diese Weise auch Kirche abgebildet.

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Christoph Kürzeder ist Direktor des Freisinger Diözesanmuseums.
Christoph Kürzeder ist Direktor des Freisinger Diözesanmuseums. © Kiderle

mk online: Die Angst vor der ewigen Verdammnis war omnipräsent. Wie äußerte sich diese im Alltag der Menschen?
Kürzeder: Es bildete sich eine regelrechte „Ars moriendi“, also eine „Kunst des Sterbens“ heraus. Das bedeutet, dass der plötzliche Tod, wie schon gesagt, nicht vorkommen sollte. Bewusstes Sterben war Teil des Heilkonzeptes. So entstanden mit der Zeit ganz verschiedene Formen und Varianten der Rückversicherung des Menschen: Ein sehr einfaches Beispiel ist etwa die Abbildung des heiligen Christophorus an Kirchenfassaden oder an den großen Handels- oder Pilgerwegen, wo viele Menschen unterwegs waren. Er galt als Patron gegen einen plötzlichen Tod.

mk online: Was gab es noch?
Kürzeder: Man konnte beispielsweise auch Mitglied in einer sogenannten Skapulier-Bruderschaft werden. Dann, so versprachen es die Bruderschaftsbriefe, wurde man, wenn man beim Sterben das Skapulier (Anm. d. Red.: ein spezieller Überwurf) trug, am ersten Samstag nach dem eigenen Tod aus dem Fegefeuer erlöst – natürlich nur bei lässlichen Sünden, mit Todsünden belastet zu sterben war gleichbedeutend mit der ewigen Verdammnis.

mk online: Beliebt waren auch Talismane oder diverse Schutzamulette ...
Kürzeder: Für all diese Objekte, wir sprechen hier von Sakramentalien, gab es kirchliche Segnungen, bei denen ganz offen angesprochen wurde, wofür sie gut sind: Ganz oben stand etwa ein kleines in Stoff eingenähtes Körperamulett des Agnus Dei (Lamm Gottes), das vor plötzlichem Tod schützen sollte und das ganz oben stand in der Hierarchie der heiligen Dinge (Anm. d. Red.: Ab dem Mittelalter bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ließen die Päpste in Rom „Agnus-Dei-Medaillons“ aus Wachs mit der reliefartigen Darstellung des Gotteslammes gießen und an die Gläubigen für die private Andacht verteilen). Heute spricht man einfach von Amulett oder Talisman, es bedeutete aber viel mehr.

mk online: Was lehrte die Kirche in Bezug auf das Jenseits?
Kürzeder: Die ersten christlichen Generationen rechneten mit dem nahen Kommen des Messias, daher hat sich die Frage, was mit den Toten vor dem nahen Weltgericht passiert, nicht so akut gestellt. Die Topographie des Jenseits, wie wir sie heute kennen, bildete sich erst im Lauf des hohen Mittelalters heraus. Die früheren Prediger waren Meister in der Schilderung der drohenden Peinen der Hölle. Das waren für die Menschen ganz realistische Drohszenarien. Frömmigkeitsgeschichtlich wichtig wurde das Fegefeuer, weil sich hieran das gesamte Ablass- und Stifterwesen anhängt. Viele Stiftungen oder Kirchenbauten, die als Heilsrückversicherungen errichtet wurden, gäbe es ohne diese Grundlage nicht.

mk online: Auch die Armen Seelen im Fegefeuer, in der Volkskunst häufig als Halbfiguren in Flammen dargestellt, vergaß man nicht. Wie konnte man ihnen helfen?
Kürzeder: Da gab es klare Anweisungen: Messstiftungen, Gebete, Almosen, ja quasi alle klassischen Hilfestellungen wie für die konkret Armen im Diesseits. So gab es am Allerseelenfest häufig eine Armenspeisung in den Gemeinden, der Seelenwecken wurde auch an die Armen verschenkt, damit diese wiederum für die Armen Seelen beten sollten. Man konnte Gebetsaufträge auch weitergeben, das war sehr verbreitet bis weit ins 19. Jahrhundert. Der Weihwasserbrunnen am Grab sollte symbolisch die Flammen im Fegefeuer löschen und so fort. In allem Brauchtum und menschlichen Verhalten trifft man wieder auf dieses Solidarsystem zwischen Lebenden und Toten.

mk online: Wie unterscheiden sich unsere heutigen Jenseitsvorstellung von denen aus früheren Zeiten?
Kürzeder: Sehr. So etwas wie das Fegefeuer ist heute für die meisten Menschen sehr fremd. Man sieht es mehr als ein historisches Überbleibsel einer als sehr traditionalistisch bis archaisch empfundenen Glaubenskultur. Da würden heute vielleicht auch viele aufgeklärte Katholiken aufschrecken. Es sind eben Bilder, die die Menschen in ihrer Zeit verstanden haben. Heute findet man bei der Frage der Bewältigung von Tod und Trauer, in der Beziehung zu den Toten und zum eigenen Tod viele andere Bilder, vor allem aus dem Bereich der Psychologie. Daher gibt es hier auch nicht mehr so eine konkrete Bildhaftigkeit.

mk online: Könnten Sie sich mit einem Bayerischen Himmel wie beim Brandner Kaspar anfreunden?
Kürzeder: Wer würde das nicht, da ist ja alles da, was man gerne hat, ein Zustand ohne Krankheit, ohne Sorgen, grüne Wiesen, Berge und auch der Humor kommt nicht zu kurz – großartig. Dennoch: ein bayerisch weiß-blauer Barockhimmel als Sehnsuchtsort einer jenseitigen Welt ist für uns heute sicher zu konkret.Wobei ich aber schon glaube, dass diese Bilder in den einzelnen Vorstellungen noch relevant sind.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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