Kirchenaustritte So reagieren Pfarrer im Erzbistum

17.07.2015

Viele Menschen treten aus der Kirche aus, das belegt die neueste Statistik. Erfahrungen, die die Seelsorger im Erzbistum München und Freising täglich machen. Doch sie verraten auch, wie sie Menschen für ihre Kirche wieder neu gewinnen.

Im Erzbistum München und Freising sind 2014 über 20.500 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten (Bild: Sankt Michaelsbund)

Rosenheim/Landshut/München - „Wir spüren es auch in idyllischer Umgebung, dass die Menschen der Kirche den Rücken kehren“, sagt Pfarrer Daniel Reichel, Dekan von Rosenheim. 130 Austritte hätte er seit Juli 2014 in der Stadtteilkirche Rosenheim - Am Wasen registrieren müssen. „Das sind schon Zahlen, die mich alarmieren und erschrecken“, so Reichel. Dabei gebe es im Dekanat Rosenheim deutliche Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Auf dem Land würden bis zu 50 Prozent weniger Personen aus der katholischen Kirche austreten.

Dem Seelsorger fällt es nicht leicht, mit den Austritten umzugehen. Landet ein entsprechender Brief auf seinem Schreibtisch, „suche ich zunächst den Fehler schon auch bei mir“, erklärt Reichel. In seinen Antwortschreiben spreche er dies auch immer offen an. Jedoch seien es meist andere Gründe, als dass jemand austreten würde, weil er vom Pfarrer enttäuscht ist. Hauptgrund für viele Menschen sei die Kirchensteuer. Einige würden auch austreten, weil sie den Eindruck hätten, in der Kirche bewege sich nichts. „Gerade bei den geschiedenen Wiederverheirateten, da sind die Enttäuschungen und Verletzungen am größten“, sagt der Dekan.

Kirche als Wahlgemeinschaft

Der Pfarrverband Achdorf-Kumhausen, im Dekanat Landshut, zeichne sich durch „eine Versöhntheit mit der Verschiedenheit“ aus, so Pfarrer Alexander Blei. Neben traditioneller Land- und Stadtbevölkerung gebe es hier auch viele Zugezogene. „Jeder Kirchturm hat hier seine eigenen Traditionen“, so Blei, der auch Dekan von Landshut ist. In den klassischen Zuzugsgebieten im Pfarrverband wie zum Beispiel in Preisenberg lebten viele Menschen, die aus der Kirche austreten oder ausgetreten sind. „Sie bauen Häuser, da hat man wenig Geld, man spart ein und deswegen sagt der Steuerberater: ,Da müsst ihr aus der Kirche raus!'“

Kontaktmöglichkeiten mit diesen Bürgern würden sich jedoch über die „uralten Sakramente, also Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen“ ergeben, erklärt Blei. Zu diesen Anlässen kämen immer wieder Menschen auf ihn zu, die das Gespräch suchen und darüber nachdenken, in die Kirche einzutreten, weil sie etwa kirchlich heiraten möchten. Neben dem traditionellen Volkskirchenmodell, in das man hineingeboren werde, und das es in Bayern immer noch gebe, sei Kirche heute eben auch eine Wahlgemeinschaft. Aktuell sei beispielsweise ein junger Mann, der aus den neuen Bundesländern stammt, auf ihn zugegangen und habe gesagt: „Ich möchte jetzt katholisch werden.“

Erstmal ein Schnaps

„Mich ärgert auch vieles an dieser Kirche und ich bin auch über vieles enttäuscht“, sagt Pfarrer Rainer Schießler. „Aber ich würde nie austreten, weil es meine Kirche ist.“ Münchens bekannter Pfarrer von Sankt Maximilian schreibt jedem, der aus der Kirche ausgetreten ist, einen Brief. Darin steht, dass es ihm leid täte, von dem Austritt erfahren zu müssen und er wissen wolle, ob er als Pfarrer oder seine Gemeinde irgendetwas falsch gemacht hätten. Die Reaktionen: oft positiv, viele Betroffene würden anrufen oder Mails schreiben und sagen, dass sie es nicht persönlich meinten, „aber, aber...“. „Und dann sag ich: gut, dann reden wir über ihre ,aber'“, so Schießler. Das Ergebnis: einige Wiedereintritte.

Auch eine seiner besten Freundinnen habe er über so ein Gespräch kennengelernt: „Die wollte mir eigentlich den Kopf waschen“ wegen des Briefes und der wohl etwas unangenehm auftretenden Ehrenamtlichen, die ihn überreichte. „Die kam ganz aufgebracht zu mir, da hab ich gesagt: jetzt lassen sie uns erstmal einen Schnaps miteinander trinken“. Seitdem sind beide eng befreundet. Solche Geschichten und insgesamt der offene Umgang in der Gemeinde - es kommen offen Transsexuelle und Homosexuelle in seinen Gottesdienst - sind es, die verschiedene Menschen dazu veranlassten, ihn aufzufordern, ein Buch zu schreiben über positive Verkündigung.

Daran sitzt Pfarrer Rainer Schießler auch gerade. Wann genau das Buch erscheinen wird, ist noch nicht klar, in seinem Urlaub im September wird er jedenfalls keine Zeit haben, das Projekt voranzutreiben: da kellnert er wieder auf dem Oktoberfest. Auf das Geheimnis angesprochen warum bei ihm jeden Sonntag die Kirche voll ist, sagt der Seelsorger: „Das hat mir mein erster Pfarrer gelernt, ein ganz kurzer Satz: Du musst nur d'Leut mögen. Das ist alles und die schönste Theologie: den Menschen lieb haben“. (ksc/ut) 


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