Streit um "Gebet des Herrn" Söding: Vaterunser soll bleiben, wie es ist

12.12.2017

Diskussion um das Gebet der Gebete: Papst Franziskus bemängelt, "und führe uns nicht in Versuchung" sei eine schlechte Übersetzung. Die französischen Bischöfe haben die Bitte bereits geändert. Doch Bibel-Experte Thomas Söding rät zu Vorsicht.

Das Vaterunser gilt als "Gebet des Herrn".
Das Vaterunser gilt als "Gebet des Herrn". © Fotolia.com/Halfpoint

mk online: Herr Professor Söding, darf man Jesus korrigieren?

Thomas Söding: Wenn man es kann ... Aber wer soll das können? Wer will Jesus schulmeistern? Der Papst sicher nicht. Aber im Ernst: Wichtig ist, Jesus zu interpretieren, sodass er heute verstanden werden kann. Der erste Schritt ist dann aber, zu identifizieren, was er zu seiner Zeit gesagt hat und was die Evangelien von ihm überliefert haben. Das ist viel reicher als das, was viele Verteidiger und Kritiker daraus gemacht haben.

mk online: Warum sollte Gott uns in Versuchung führen?

Thomas Söding: Wer sagt, dass er das macht? Das Neue Testament sagt es nicht. Das Vaterunser schon gar nicht. Die Bitte will nicht Gott zu etwas treiben, was er nicht ohnedies machte und wollte. Sie will vielmehr Gottes Willen und Gottes Barmherzigkeit erkennen. Deshalb die Bitte. Ich spreche sie nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich Vertrauen habe. Die Bitte ist ein Bekenntnis: Würde Gott eine Versuchung über die Beter kommen lassen, würden sie nicht bestehen. Sie dürfen aber glauben, dass Gott kein Monster ist. Sie beten – in der Gewissheit, schon erhört worden zu sein, bevor die Bitte ausgesprochen ist.

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Bistum Münster.
Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Bistum Münster. © pd

mk online: Hat der Papst recht – ist unsere Übersetzung nicht gut?

Thomas Söding: Die Übersetzung ist wörtlich. Die neue französische Wendung ist keine Übersetzung, sondern eine Paraphrase. Sie ist gut gemeint, aber nicht gut. Wobei man sagen muss: Die alte französische Übersetzung "unterwerfe uns nicht der Versuchung" ("ne nous soumets pas à la tentation") war brutal. Die musste geändert werden. Die deutsche Übersetzung ist aufrüttelnd, wie das Gebet selbst.

mk online: Was ist wichtiger: die wörtliche Übersetzung, auch wenn sie keiner richtig versteht – oder eine freiere Übersetzung, damit man Jesus versteht und mit Sinn und Verstand betet?

Thomas Söding: Wer anders beten will, als Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hat, soll es gerne tun. Wer mit den Worten Jesu beten will, hält sich am besten ans Neue Testament. Wenn nicht auch die dunklen Seiten in das Gottesbild integriert werden, dann wandern sie in den Aberglauben aus. Da gehören sie nicht hin.

mk online: Hätten Sie eine Alternative für die jetzige Übersetzung oder braucht es mehr Predigten, damit wir besser verstehen?

Thomas Söding: Die deutsche Übersetzung braucht nicht verändert zu werden. Sie muss bleiben, wie sie ist. Ob Predigten helfen? Eine Schule des Betens braucht es, in der gelernt wird, dass jede Bitte das Jesusgebet aufnehmen sollte: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe."

Debatte um das älteste christliche Gebet

Milliarden von Menschen kennen das Gebet, das nach einhelliger Meinung der Theologen höchstwahrscheinlich von Jesus selbst stammt. Nach den ersten beiden Worten heißt es im Deutschen das „Vaterunser“, und es ist seit fast 2.000 Jahren fester Bestandteil des christlichen Gottesdienstes und der persönlichen Gebete vieler Menschen. Nun kommt aus Frankreich der Anstoß zu einer neuen Übersetzung des letzten Satzes im Vaterunser. Worum geht es? Die letzte Bitte im Vaterunser lautet in deutschen Übersetzungen seit gut 500 Jahren: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Anders als die Bitte um das tägliche Brot war dieser Satz schon früher Gegenstand von Diskussionen. Kann es überhaupt sein, dass Gott als liebender Vater seine Kinder in Versuchung führt? Schon in den ersten Jahrhunderten empfanden Christen das als anstößig. Deshalb hat vermutlich der Autor des Matthäus- Evangeliums den abmildernden Zusatz „sondern erlöse uns von dem Bösen“ angefügt, der im Lukas-Evangelium fehlt.

Verweise auf das Aramäische

Im 20. Jahrhundert schlugen bekannte Theologen wie Joachim Gnilka eine verträglichere Übersetzung vor. Sie lautet: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Ähnliche Anregungen kamen beispielsweise auch von dem jüdischen Religionsphilosophen Pinchas Lapide. Er argumentierte mit dem Verweis auf die mutmaßliche Formulierung im Aramäischen, also der Sprache, in der Jesus das Gebet gesprochen haben dürfte.

Papst bezieht Stellung

Solchen Initiativen haben sich nun die katholischen Bischöfe in Frankreich angeschlossen und offiziell entschieden, dass ab dem 1. Adventssonntag dieses Jahres in französischen Kirchen gebetet werden soll: „Ne nous laisse pas entrer dans la tentation.“ Papst Franziskus persönlich hat jetzt in einem italienischen Fernsehinterview Stellung bezogen und sich dem theologischen Anliegen der Neuübersetzung angeschlossen. Zur alten Übersetzung erklärte der Papst, es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. „Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“, sagte der Papst.

Einheitlichkeit gefährdet?

Andere Theologen halten Änderungen an der Übersetzung für riskant. Zum einen sehen sie die weltweite Einheitlichkeit der Gebete in katholischen Gottesdiensten gefährdet. Denn die wird unter anderem dadurch gewährleistet, dass sich in allen Ländern die Übersetzungen möglichst wortgetreu an der lateinischen Fassung auszurichten haben. Und die lautet nun mal in Übereinstimmung mit dem griechischen Urtext der Evangelien „et ne nos inducas in tentationem“ (und führe uns nicht in Versuchung). (luri)


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