Weitere Gedenktafel für Nazi-Gegner Spaenle: Gerlich brillantester Gegner Hitlers

27.10.2016

Er hat Hitler sehr früh durchschaut, wurde von den Nazis ermordet, wenige haben ihn verehrt, die meisten vergessen. Jahrzehnte lang. Inzwischen wird Fritz Gerlich von höchsten Stellen geehrt, jetzt auch von einem Staatsministerium.

Kultusminister Ludwig Spaenle und Generaldirektorin Margit Ksoll-Marcon vor der Gedenktafel im Staatsarchiv. © SMB/Walser

München – "Das Ministerium für Unterricht und Kultus ist nur noch ein Name." Mit dieser Feststellung haben die Amerikaner 1945 ein vernichtendes Urteil über den Zustand der obersten Kulturbehörde Bayerns gefällt. Vorausgegangen waren zwölf Jahre bayerischer Geschichte, die vielerorts und lange ausgeklammert wurde: in den Jahren der Nazi-Diktatur, von 1933 bis 1945 also, wurde in mehreren Phasen aus einer Verwaltungsbehörde ein willfähriges Instrument der Nationalsozialisten gemacht, wie Hermann Rumschöttel im Rahmen einer Fachtagung jetzt aufzeigte.

Zum Auftakt des Symposiums "Die Staatlichen Archive in der Zeit des Nationalsozialismus" im Bayerischen Hauptstaatsarchiv erinnerten Kultusminister Ludwig Spaenle und Generaldirektorin Margit Ksoll-Marcon an einen Mitarbeiter des Archivs, der schon früh von den Nazis ermordet wurde. Fritz Gerlich, der als katholischer Publizist mit seiner Wochenzeitung "Der gerade Weg" Hitler in den frühen 1930er Jahren verhindern wollte, war von 1907 an im Bayerischen Staatsarchiv beschäftigt. Jetzt erinnert dort eine Tafel an den "Staatsarchivrat I. Klasse".

Banalität des Regimes entlarvt

Bei der Enthüllung des Memorials würdigte Staatsminister Spaenle Gerlich als den "intellektuell brillantesten" Gegner Hitlers. Er habe "die Banalität des Regimes entlarvt". Gerlich habe dem "Eichstätter Kreis angehört, einer bürgerlichen Vereinigung in Gegnerschaft zu Hitler." Bis zur körperlichen Selbstverleugnung habe der Archivar Hitler zu verhindern gesucht. Spaenle würdigte besonders, dass Gerlich in den Jahren von 1930-33 tagsüber seinen Dienst im Archiv verrichtete und erst abends dann als Hauptschriftleiter des "geraden Weges" seinen Kampf gegen Hitler und die aufkommenden Nazis führte: "Wir verneigen uns vor dem Mut und der Standhaftigkeit Gerlichs." (Georg Walser)

Fritz Gerlich, von 1920-1927 Hauptschriftleiter der Münchner Neuesten Nachrichten, das Vorgängerblatt der Süddeutschen Zeitung, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach geehrt. Im NS-Dokuzentrum steht er seit April 2015 in einer Reihe mit Thomas Mann für die wenigen Münchner, die sich dem Nationalsozialismus offen widersetzt haben. Der Katholische Verband KKV hat, ebenfalls im vergangenen Jahr, Fritz Gerlich mit einer Büste geehrt. Genau 80 Jahre nachdem Gerlich von SA-Leuten aus seiner Redaktion geprügelt worden ist, wurde im März 2013 in der gerade neu eröffneten Shopping-Mall Hofstatt eine Gedenktafel wieder angebracht, die zuvor am Verlagsbebäude der Süddeutschen Zeitung an den mutigen früheren Chefredakteur erinnerte. Und die in München ansässige katholische Journalistenschule hat bei ihrem Umzug in die Räume in der Kapuzinerstraße einen Raum nach dem großen Münchner Redakteur benannt.

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