Hans-Jochen Vogel wird 90 Jahre Spät geschätzter Oberlehrer

03.02.2016

Bekennender Katholik und überzeugter Sozialdemokrat - heute ist Hans-Jochen Vogel 90 Jahre alt gworden. Nach dem Tod Helmut Schmidts ist er der letzte "elder statesman" der SPD.

Oft mit erhobenem Zeigefinger: SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel (Bild: KNA)

München – Noch bevor aus Helmut Schmidt (1918 bis 2015) der geschätzte, weise Staatsmann wurde, hieß er oft "Besserwisser". Hans-Jochen Vogel kennt solche Vorbehalte gegenüber seiner Person. Wenn der promovierte Jurist etwas genau weiß, macht er daraus ebenfalls kein Hehl. Und weil er bei seinen Reden gern den rechten Zeigefinger anhebt, wurde ihm der Beiname "Oberlehrer" verpasst. Eine Sache, die ihn heute schmunzeln lässt: "Wobei man sich nicht daran gestoßen hat, dass das, was ich angestoßen habe, dann doch meistens richtig war", wie der Politiker anmerkt. Am Mittwoch (3. Februar) wird das SPD-Urgestein 90 Jahre alt.

 

Das schönste Geburtstagsgeschenk machte ihm sein Freund Helmut Schmidt. Kurz vor dem Tod schrieb er das Geleitwort für Vogels voraussichtlich "letztes Buch" mit dem Titel "Es gilt das gesprochene Wort". Darin würdigt der Altkanzler den Lebensweg seines Parteigenossen und attestiert ihm hohen Arbeitseinsatz, Professionalität und Glaubwürdigkeit.

 

Klarsichthüllen sind bis heute Vogels Markenzeichen. Darin hebt er fein säuberlich seine Unterlagen auf. Wer seine Notizen lesen will, tut sich schwer, denn alles bringt er in seiner "sehr altmodisch wirkenden Sütterlinschrift zu Papier". Das politische und gesellschaftliche Geschehen interessieren ihn. Bei Tagungen, etwa in der Katholischen Akademie in Bayern, meldet er sich an, allerdings stets mit dem Zusatz, sein Kommen hänge vom Gesundheitszustand ab. Seit 2014 ist offiziell bekannt, dass er an Parkinson erkrankt ist.

 

Mit 24 Jahren war Vogel als bekennender Katholik 1950 in die SPD eingetreten. Er gehörte zu jener Generation von Kriegsteilnehmern, die sich in der Verantwortung sahen, Deutschland wieder aufzubauen. Für die SPD entschied sich der Jurist, weil ihm die Geschichte der Partei im Kampf für Demokratie und soziale Gerechtigkeit imponierte. Vor allem Kurt Schumacher überzeugte ihn.

 

Bereits 1958 brachte es Vogel zum Stadtrat und Rechtsreferent der Stadt München. Als er 1960 als Oberbürgermeister-Kandidat antrat, musste der gebürtige Göttinger gegen den Ruf ankämpfen, ein Preuße zu sein. Dabei lagen auf Münchner Friedhöfen etliche Verwandte von ihm, darunter ein Benediktiner-Abt von Sankt Bonifaz. "Wenn ein Pferd im Kuhstall zur Welt kommt, ist es immer noch ein Pferd", verteidigte Vogel seine Herkunft. Mit 34 Jahren wurde er jüngster OB einer europäischen Millionenstadt.

 

Gleich zu Beginn eröffnete er den Eucharistischen Weltkongress, das erste internationale Großereignis in Westdeutschland nach dem Krieg. Dabei forderte er die Kirche zur selbstbewussten Präsenz in der Öffentlichkeit auf. Auch den ökumenischen Gedanken hob er hervor. Eine konfessionsverbindende, zweite Ehe führt Vogel seit 1972. Es schmerzt ihn, nicht die Kommunion empfangen zu können. Dafür war er auf dem Marienplatz, als 2006 Papst Benedikt XVI. München besuchte.

 

Ein katholischer "Sozi" war in der jungen Bundesrepublik nicht selbstverständlich. In seiner Familie wird der Respekt vor anderen Meinungen seit jeher gelebt. Sein jüngerer Bruder Bernhard machte Karriere in der CDU als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen. Hans-Jochen holte die Olympischen Sommerspiele 1972 nach München und wechselte im selben Jahr unter Kanzler Willy Brandt (SPD) als Bundesbauminister nach Bonn. Unter Schmidt übernahm er von 1974 bis 1981 das Justizressort und erlebte seine schwersten Stunden, als RAF-Terroristen Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführten.

 

1982 unterlag Vogel im Kampf um das Kanzleramt Helmut Kohl (CDU), blieb aber SPD-Fraktionschef. Von 1987 bis 1991 war er Parteichef. Drei Jahre später endete seine politische Laufbahn mit dem Ausscheiden aus dem Parlament. Dafür engagierte er sich als Gründungsvorsitzender der überparteilichen Initiative "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Seit 2006 lebt der SPD-Politiker mit seiner Frau in einem Seniorenstift in München. Schmidt fasst sein Wirken so zusammen: "Kanzler wurde er nicht, aber dafür ist Hans-Jochen Vogel zu einem großen Vorbild nicht nur für sozialdemokratische Generationen geworden." (kna)

Anlässlich seines 90. Geburtstags hat Kardinal Reinhard Marx den früheren SPD-Parteivorsitzenden und Bundesminister Dr. Hans-Jochen Vogel gewürdigt. In einem Gratulationsbrief übermittelt Kardinal Marx den Respekt und Dank der Deutschen Bischofskonferenz für das vielfältige Engagement Vogels in Kirche und Gesellschaft.
„Die katholische Kirche in Deutschland ist Ihnen dankbar, dass Sie in Ihrem gesamten politischen Leben immer aus dem christlichen Menschenbild heraus argumentiert haben. Was in der frühen Sozialdemokratie unseres Landes für manchen überraschend war, blieb für Sie bis heute normal: als Katholik politisches Engagement und die eigene Glaubensüberzeugung öffentlich zu leben“, so Kardinal Marx. Er denke dabei auch an die politische Lebensleistung Vogels. Dazu gehörten auch schwierige Momente: „In einer der dunkelsten Stunden der Bundesrepublik Deutschland mussten Sie schwerwiegende und folgenschwere Entscheidungen treffen, als Terror unser Land heimsuchte und Sie als Bundesminister der Justiz in beeindruckender Ruhe und Sachlichkeit dem damaligen Bundeskanzler eine besondere Stütze waren.“ (pm)

Audio

Eucharistischer Weltkongress

Interview mit Hans-Jochen Vogel und Roland Götz (2010)


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