Kirchenfenster in Landshut Spannungen in den Rippen

02.11.2018

Die Sankt Martinskirche im niederbayerischen Landshut ist ein gotisches Meisterwerk. An den äußerst filigranen Fensterkonstruktionen haben sich jedoch Teile gelöst und es muss restauriert werden.

Die feinen Sandteinrippen der Fensterkonstruktion halten das Glas in Sankt Martin zusammen. Nachdem Stücke davon abgeplatzt sind, ist eine Restaurierung nötig, die mindestens bis 2021 dauert. © Kiderle/SMB

Landshut - Bernhard Fischer hält zwei große Sandsteinstücke in den Händen. Jedes ist so groß wie ein Telefonhörer, aber deutlich schwerer. Es sind Teile der Fensterkonstruktion in der Landshuter Martinskirche. Im vergangenen Jahr haben sie sich gelöst und sind heruntergefallen. Der Architekt mag sich gar nicht vorstellen, wenn sie einen Menschen getroffen hätten. Danach hat die Kirchenverwaltung ein Sicherheitsgerüst in der Kirche aufbauen lassen. In den kommenden Jahren dient sie nun auch als Arbeitsbühne. Denn am Allerseelentag sind die ersten Vorbereitungen für die Sanierung getroffen worden. Zunächst wird an einem Musterfenster an der Nordseite gearbeitet, für das auch ein Außengerüst aufgebaut ist.

Gefährdete Konstruktion

Das Problem sind nicht die Gläser, sondern die schmalen nur 10 bis 14 cm breiten Rippen aus Sandstein, erklärt Architekt Fischer. Sie halten die Felder mit den runden Butzenscheiben. Sie sind jetzt mit elastischen Holzriegeln gesichert. „Würde man jetzt überhaupt nichts tun, wäre es theoretisch möglich, dass ein schwerer Sturm einen Teil der Sandsteinrippe herausdrückt und die ganze Fensterkonstruktion zusammenbricht.“ Nun untersuchen Fachleute zunächst, woher die Schäden kommen, um sie dann auszubessern.

Harter Zement und weicher Stein

Der Steinrestaurateur Sebastian Endemann meißelt gerade ein kleines Stück aus einer Sandsteinrippe heraus. An einer Stelle, wo sie mit einer der über 500 Jahre alten Eisenstrebe verbunden ist. Sie ist so gut gearbeitet, dass das Metall kaum Korrosionsspuren aufweist. Endemann zeigt auf eine Stelle mit hartem Zement, der bei Ausbesserungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg auf den weichen Sandstein aufgetragen worden ist. „Das führt zu Spannungen und schließlich platzt etwas ab“, sagt Endemann. Außerdem haben frühere Restauratoren salzhaltiges Material verarbeitet, das in den Stein eingedrungen ist. Nun stellt Endemann genauere Untersuchungen an, um die Rippen anschließend mit dem heutigen Erfahrungs- und Materialwissen restaurieren zu können. Bis zum kommenden Sommer soll das 14 Meter hohe Musterfenster fertig sein.

Kuschelige Christmette

Mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen wird danach die Restaurierung der 28 weiteren Fenster vorgenommen, die im Chor sogar 18 Meter hoch sind. Dabei nehmen die Fachleute auch alle Glasfelder heraus und prüfen und reinigen jede der rund 30 000 einzelnen Butzenscheiben. Die Gesamtkosten lassen sich erst kalkulieren wenn das Musterfenster fertiggestellt ist. Fischer rechnet aber mit insgesamt 4,5 bis fünf Millionen Euro. Und er geht davon aus, dass die Arbeiten nicht vor dem Jahr 2021 abgeschlossen sind.
Solange muss Stiftspropst Franz Joseph Baur vor den Gerüsten Gottesdienst feiern. Sonst haben die Gemeinde und ihr Pfarrer aber keine größeren Beeinträchtigungen zu erwarten: „Die Seitenschiffe sind halt jetzt nicht mehr zu belegen“, sagt der Stiftspropst. „Deswegen wird es wie schon im vergangenen Jahr zur Christmette bestimmt eng, dafür aber auch kuschelig.“

Die Pfarrei Sankt Martin bittet Besitzer von Bildern, die die Kriegszerstörungen in Sankt Martin zeigen, wenigstens um die zeitweilige Überlassung dieser Photos. Eventuell können aus den Bildern Rückschlüsse für die Fenstersanierung gezogen werden, sie sind aber auch für die Baudokumentation wichtig. Einsendungen bitte an die Pfarrei St. Martin, Freyung 629, 84028 Landshut.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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