Debatte nach Anschlägen auf Gipfelkreuze "Spirituelle Sinnsuche braucht Orte und Symbole“

16.09.2016

In den vergangenen Wochen mehrten sich Im Tölzer Land die Angriffe auf Gipfelkreuze. Wir befragten zu den Vorfällen Robert Hintereder. Er ist Tourismus-Seelsorger in der Erzdiözese München und Freising, MK-Autor und selbst ein großer Freund der Berge.

Robert Hintereder ist Tourismusseelsorger der Erzdiözese. © privat

MK: „Kreuze sind christliche Symbole und gehören nicht auf einen Berggipfel“, sagt Extrembergsteiger Reinhold Messner. Wie sehen Sie das?

HINTEREDER: Die Forderung von Reinhold Messner ist nicht neu. Ich kann sie, so sehr ich Messners bergsteigerische Leistung bewundere, nicht nachvollziehen. Gerade als Mann, der in der Natur die Grenzerfahrung suchte und sich von ihrer Unfassbarkeit fesseln ließ, bezeichnet er Gipfelkreuze als eine Verschandelung der Alpen. Er sollte es besser wissen. Als antiquierte Symbole christlicher „Machtdemonstration“ oder auch als Zeichen gegen die französische Aufklärung, worin Messner die Wurzeln sieht, wären die meisten Kreuze schon längst verrottet. Es muss also um mehr gehen: Gipfelkreuze markieren einen Ort, an dem Menschen das Staunen, eine religiöse Grunderfahrung, noch nicht verlernt haben. Bei aller Kommerzialisierung der Bergwelt, zu der auch Reinhold Messner beigetragen hat, bleiben die Berge Orte der Erhabenheit, des Kampfes, der Stille, der Sehnsucht und des Gebets.

MK: Was glauben Sie, bringt einen Menschen dazu, ein Gipfelkreuz mit einer Axt zu malträtieren?

HINTEREDER:
Ich kann über solchen Vandalismus nur den Kopf schütteln. Ich gehe allerdings davon aus, dass der oder die Täter von einem blinden Hass gegen christliche Symbole getrieben sind. Und so hoffe ich, dass es nur der vorübergehende Blödsinn von Einzelnen war. Wem Gipfelkreuze nicht gefallen, kann seine Meinung ja gerne in einem Gipfelbuch kundtun.

MK: Sind solche Taten Ihrer Einschätzung nach Hinweise auf die fortschreitende Säkularisierung unserer Gesellschaft?

HINTEREDER: Ich glaube, dass es sich nicht um eine Massenbewegung handelt. Was jedoch deutlich wird, ist die Tatsache, dass die Zerstörung von bisher drei Gipfelkreuzen eine Diskussion entfacht hat, die vielleicht vor 20 Jahren so nicht stattgefunden hätte. Die religiöse Deutung des Lebens und ihr Ausdruck im Alltag ist vielfältiger geworden. Grundsätzlich erlebe ich Gipfel als Orte, die Menschen zusammenbringen und verbinden und nicht als Schauplätze ideologischer Streitigkeiten.

MK: Touristen aus aller Welt kommen, um unsere bayerischen Berge zu besteigen. Ist Ihnen je ein Fall zu Ohren gekommen, wo jemand sich von einem Gipfelkreuz gestört gefühlt hat?

HINTEREDER: Im vergangenen Jahr wurde ein Werbekatalog über die Zugspitzregion veröffentlicht, auf dem das Zugspitzkreuz nicht zu sehen war – wohl aufgrund falsch verstandener Rücksicht gegenüber muslimischen Touristen. So etwas halte ich für einen Schmarrn! Ich erlebe, dass Kreuze immer wichtiger für die Menschen werden. Ein Gottesdienst unterm Gipfelkreuz, ein leises Gebet, ein Gedanke im Gipfelbuch: All das sind Ausdrucksformen einer spirituellen Sinnsuche, die auch Orte und Symbole braucht.

MK: Wo steht Ihr persönliches Lieblings-Gipfelkreuz?

HINTEREDER: Auf dem Hochstaufen im Berchtesgadener Land. Es ist ein Ort, der mir ein Stück Heimat geworden ist und der mir Weite schenkt. (Interview: Susanne Holzapfel)

Um die Ruhe auf den Berggipfeln im Tölzer Land ist es derzeit nicht gut bestellt: Bereits zum dritten Mal haben unbekannte Täter ein Gipfelkreuz derart mit einer Axt malträtiert, dass es umgelegt werden musste. Nicht genug damit: Nachdem das zerstörte Kreuz auf dem Schafreuter entfernt worden war, stand nur Tage später ein neues auf dem 2.102 Meter hohen Berg im Vorkarwendel (wir berichteten), aufgestellt von Männern, die der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ angehören.
Der erste Fall von Sachbeschädigung dieser Art hatte sich an Pfingsten auf der Dudl-Alm im Längental ereignet, am 30. Juli fiel das Gipfelkreuz auf dem Prinzkopf in unmittelbarer Nachbarschaft des Schafreuters gewalttätigen Bergsteigern zum Opfer. Und nun also Kreuz Nummer drei, das nach Auskunft des Deutschen Alpenvereins, bis zur Bergmesse in der unterhalb des Schafreuters gelegenen Tölzer Hütte am 9. Oktober wieder stehen soll.
Während die Polizei damit beschäftigt ist, den Tätern auf die Spur zu kommen, wird in der Öffentlichkeit über die grundsätzliche Daseinsberechtigung von Gipfelkreuzen diskutiert. Für die einen handelt es sich um erhaltenswerte „Symbole christlicher Tradition“, andere wiederum sind für ein Entfernen aller Gipfelkreuze. Als prominentester Mitdiskutant hat Bergsteiger Reinhold Messner seine Meinung in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ kundgetan. „Das Kreuz ist das christliche Symbol schlechthin, dieses gehört meiner Meinung aber nicht auf einen Gipfel. Ich spreche nicht von Missbrauch, ich sage nur, man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken möblieren“, ist Messner überzeugt. Allerdings stellt er klar: „Ich würde nie eines entsorgen, und wenn jemand Gipfelkreuze umhackt, ist das ein Akt von Vandalismus.“
Unterdessen haben auch die Schweizer Nachbarn ein Gipfelproblem: Auf einem Berg in den Appenzeller Alpen hat der Künstler Christian Meier – ohne Genehmigung – einen riesengroßen Halbmond aufgestellt. Der Clou: Dank eingebauter Solarzellen kann das „Kunstwerk“ nachts leuchten. (hos)


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