Fall Özil und Gündogan Sportpfarrer: Löw hat souverän entschieden

16.05.2018

Das Foto mit den Nationalspielern Özil und Gündogan und dem türkischen Präsidenten Erdogan hat für großen Wirbel gesorgt. Der bayerische Sportpfarrer Martin Cambensy begrüßt die Diskussion darüber, hätte einen Rauswurf der beiden Spieler aber für überzogen gehalten.

Martin Cambensy, Pfarrer im Pfarrverband Moosach-Olympiadorf und Beauftragter der Katholischen Bischöfe in Bayern für Kirche und Sport.
Martin Cambensy, Pfarrer im Pfarrverband Moosach-Olympiadorf und Beauftragter der Katholischen Bischöfe in Bayern für Kirche und Sport © SMB

München – "Keine Sekunde" habe er gezögert, so Bundestrainer Jogi Löw, die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in seinen vorläufigen WM-Kader zu berufen. Hätten die Kommentatoren in den sozialen Netzwerken die Wahl gehabt, wäre die Entscheidung wohl anders ausgefallen. Dort forderten viele den Rauswurf der beiden Spieler aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der Grund: Özil und Gündogan hatten am Wochenende in London den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen, mit ihm für Fotos posiert und ihm Trikots ihrer englischen Vereinsmannschaften überreicht. Gündogan hatte sein Trikot sogar mit "Für meinen Präsidenten" signiert.

Überzogene Forderung

Pfarrer Martin Cambensy aus München-Moosach findet das Auftreten der beiden Spieler "nicht besonders geschickt". "Was wäre denn gewesen, wenn Jogi Löw wirklich gesagt hätte, aufgrund dieses Vorfalls dürft ihr nicht mitfahren zur WM?" Es spreche letztendlich für die Souveränität des Bundestrainers, dass er das Thema nicht so hoch bewertet hätte, so der Beauftragte der Katholischen Bischöfe in Bayern für Kirche und Sport. Diesem Urteil könne er sich anschließen, auch wenn er die Diskussion über das Verhalten der Spieler für gut hält. "Jeder kann persönlich sagen, dass er damit nicht einverstanden ist." Man müsse aber bei aller politischer Korrektheit auch eine gegenteilige Meinung akzeptieren. Forderungen, dass Özil und Gündogan nicht mehr für Deutschland spielen dürften, hält Cambensy deshalb für überzogen.

Bedauerliche Entwicklung

Darüber hinaus müsse jedem prominenten Sportler klar sein, dass er unter besonderer Beobachtung stehe und auch abseits des Spielfelds ein vorbildliches Verhalten von ihm erwartet werde. "Es wäre auch naiv, zu sagen, der Sport ist eine eigene Welt und hat mit Politik nichts zu tun", betonte Cambensy. Die Entwicklung, dass Olympische Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften fast nur noch in autoritären Ländern stattfänden, sei sehr zu bedauern. Hier sieht Cambensy auch die Sportverbände gefordert, sich mehr für Demokratie und Transparenz einzusetzen.

WM in Russland auch Chance

Deshalb blicke er auch nicht ungetrübt auf die anstehende WM in Russland. Das Großereignis sei aber auch eine Chance, dass man viel über Land und Leute erfahre und lerne, "was die russische Seele wirklich denkt".

Trotzdem rechnet der Pfarrer wieder mit einer richtigen WM-Begeisterung, auch beim Public Viewing in seiner Pfarrei in Moosach. Diese sei natürlich abhängig vom Auftreten der deutschen Elf, so Cambensy. "Ich glaube, sie kann den Titel erneut gewinnen, aber es wird nicht einfach."

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de


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