Formen des Betens Sprich mit Gott wie mit deinem besten Freund

08.11.2019

Menschen beten auf unterschiedliche Art und Weise. Einige Arten des Gebets werden hier vorgestellt. Eines haben sie alle gemeinsam - die Sehnsucht mit Gott in Beziehung zu treten.

Beten kann viele unterschiedliche Formen haben.
Beten kann viele unterschiedliche Formen haben. © Pixabay

Je nach geistlicher Tradition gibt es verschiedene Formen des Betens. Allen gemein ist, dass im Gebet die Sehnsucht des Menschen zum Ausdruck kommt, mit Gott in Beziehung zu treten; sich nach Ihm hin auszurichten, Gott als Bezugspunkt des Lebens zu glauben, Gott als personales Gegenüber anzusprechen oder sich in einer bestimmten Situation vertrauensvoll an Ihn zu wenden. Der Jesuit Peter Köster nennt Gebet einen „Raum aktiver Distanz“ vom Alltag, eine Zeit „gesammelter Aufmerksamkeit vor Gott“. Gebet kann alleine oder in Gemeinschaft praktiziert werden. Eine Auswahl unterschiedlicher Formen soll hier vorgestellt werden.

  • Stundengebet
    Das Stundengebet wird auch als Tagzeitenliturgie der Kirche bezeichnet. Das Gebet strukturiert den Tag. Und zugleich beeinflusst die Erfahrung eines natürlichen Tageszyklus mit Wechsel zwischen Ruhe und Arbeit, Licht und Dunkelheit, Schlafen und Wachen die Glaubenspraxis. Durch die Verbreitung des Stundengebets um den ganzen Globus mit seinen unterschiedlichen Zeitzonen verwirklicht die Kirche die Aufforderung aus dem ersten Thessalonicherbrief „Betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17). Die wichtigsten Zeiten sind Laudes und Vesper als Morgen- beziehungsweise Abendgebet. Sie stehen jeweils am Übergang von Tag und Nacht und haben damit eine besondere symbolische Bedeutung. Alle Gläubigen sind zum Stundengebet eingeladen, Kleriker und die meisten Ordensleute dazu verpflichtet. Sie beten es stellvertretend für die ganze Kirche. In manchen Gemeinden wird derzeit das Stundengebet als Form der Gemeindeliturgie, der auch Laien vorstehen dürfen, wiederbelebt. Andere, die nicht allein beten wollen, finden in der heutigen Zeit auch Online-Gebetsgruppen für das gemeinsame Stundengebet, zum Beispiel per Skype-Konferenz.

  • Beten in Zeitnot
    Vielen Menschen fällt es schwer, in ihrem Alltag zwischen Familie und Beruf freie, ungestörte Zeiten für das Gebet zu finden. Wenn jedoch der Wunsch zu beten da ist, braucht es nicht unbedingt viel Zeit, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Man kann die vielen kleinen, fast unvermeidbaren Pausen über den Tag verteilt dazu nutzen und sie – statt als lästigen Leerlauf – als willkommene Gelegenheit zum Gebet verstehen: drei Minuten der Stille beim Warten an der Bushaltestelle, ein kurzer bewusster Blick zum Himmel beim Verlassen des Hauses, Gott um den Segen für die Arbeit bitten beim Hochfahren des Computers, mir vorstellen, wie Gottes liebender Blick auf mir ruht bei der Fahrt in der U-Bahn oder im Auto an der roten Ampel. Werfen Sie selbst einen Blick auf Ihren Alltag, und Sie werden überraschend viele Gelegenheiten finden. Wählen Sie diejenige, die Ihnen am meisten entspricht und Ihnen leichtfällt.In einem Stoßgebet können Sie frei formuliert Ihre Bitte oder Ihren Dank kurz und prägnant vor Gott bringen. Zeitunglesen oder Nachrichtenhören beziehungsweise -schauen kann nicht nur der Information dienen, sondern dazu führen, die Welt ins Gebet zu nehmen, wenn ich mich vom Geschehen im Herzen berühren lasse. Mit dem, was mich bewegt, bin ich eingeladen, mich an Gott zu wenden, Ihm die Menschen und die Welt anzuvertrauen. Lassen Sie den Blick in den Terminkalender zum Gebet werden. Nehmen Sie sich dazu Ihren Kalender vor und gehen Sie Ihre Termine durch, nehmen Sie die Aufgaben, die Sie zu erledigen haben, die Menschen, die Sie treffen werden, das, was Sie erwartet, in den Blick. Achten Sie dabei darauf, welche Gefühle, zum Beispiel Unlust, Genervtsein, Freude, Anspannung, Angst, Hoffnung et cetera, sich zeigen. Kommen Sie darüber mit Gott ins Gespräch mit Ihrem Dank oder Ihrer Klage, Ihrer Bitte um Schutz, Segen, Gelingen, um Sein Da-Sein.

  • Beten mit dem Leib
    Der Mensch ist eine Einheit aus Geist – Seele – Leib. So soll auch der leibliche Aspekt beim Beten nicht ausgeklammert werden. Vielen ist er gar eine große Hilfe. „Im leibhaften Beten können wir unsere geschöpflichen Grundhaltungen wiederentdecken und zu einer ganzheitlichen Spiritualität finden“, schreibt Peter Köster. Die Gebetsgebärden des heiligen Dominikus sind dafür eine alte Quelle. Für Dominikus war das Gebet verleiblichter Glaube. Seine Gebetsweise wurde schon im Mittelalter mit Bildern illustriert, auf denen er beim Gebet in verschiedenen Körperhaltungen dargestellt wurde. Eine christliche Adaption des Sonnengebets, meditativer Tanz, Gesten mit oder ohne Musik, Übungen zur Wahrnehmung des Körpers und des Atems können ebenso Formen des Betens mit dem Leib sein, die mich in Verbindung mit mir selbst bringen und für die Gegenwart Gottes öffnen.

  • Gebet der liebenden Aufmerksamkeit
    Ein anderer Name dafür ist Tagesrückblick. Ignatius von Loyola, der Begründer des Jesuitenordens, für den diese Gebetszeit die wichtigste Viertelstunde des Tages war, nannte es Examen oder Gewissenserforschung. Am Ende des Tages (es kann, wenn es mir mehr hilft, auch mittags oder nach dem Aufstehen sein) nehme ich mir eine Viertelstunde Zeit, mir Gottes Gegenwart bewusst zu machen und aus einer liebevollen Haltung heraus auf die vergangenen 24 Stunden zurückzuschauen. Noch einmal zu sehen und zu spüren, was mir Freude bereitet hat oder was schwierig war. Was ich als erfüllend erlebt habe oder wo ich hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben bin, wofür ich dankbar bin oder wo es der Versöhnung bedarf. Mit all dem darf ich vor Gott sein und es Ihm lobend und dankend oder klagend, fragend und bittend hinhalten.

  • Beten mit vorformulierten Gebeten
    Vorformulierte Gebete helfen uns beim Beten, weil wir uns in ihnen auf die Tradition stützen können. Außerdem betonen diese den das Individuum übergreifenden Aspekt von Glauben und Beten. Im Vaterunser verbinden wir uns mit Christen aller Konfessionen, im „Engel des Herrn“ jeweils zum Angelusläuten der Kirchenglocken rufen wir uns dreimal am Tag das Geheimnis der Menschwerdung Gottes ins Bewusstsein, ein Kreuzzeichen am Morgen, ein „Ehre sei dem Vater“ am Abend können den Tag rahmen. Im Rosenkranz mit Maria das Leben Jesu zu betrachten, entfaltet für viele Menschen eine meditative Wirkung und wird ihnen zu einer Quelle der Kraft. Im Alltag oder in Ausnahmesituationen, wo andere Worte fehlen. Schlagen Sie doch einfach mal das Gotteslob auf. Dort finden Sie eine große Auswahl an vorformulierten Gebeten. Vielleicht bringt das eine oder andere in Ihnen etwas zum Klingen, Sie finden eine Zeile, die Sie besonders berührt, oder einen Gedanken, der Ihnen neu ist und Sie anregt.

Es könnten noch viele weitere Formen des Gebetes aufgeführt werden. Dies war nur eine kleine Auswahl. Aber überlegen Sie sich doch selbst einmal, mit welcher Art zu beten Sie gute Erfahrungen gemacht haben. Oder fragen Sie beim nächsten Gottesdienstbesuch Ihren Banknachbarn nach seiner oder ihrer Weise zu beten. Vielleicht entsteht daraus nach der ersten Überraschung eine für beide Seiten inspirierende Unterhaltung. Einen Versuch ist es wert! (Jonas Weinzierl, Fachreferent für Exerzitien im Exerzitienhaus Schloss Fürstenried)

Der Sankt Michaelsbund hat den November zum Monat der Spiritualität ausgerufen. Thema ist "Gott begegnen". Dazu lädt er zu den Veranstaltungen herzlich ein. Finden Sie hier alle Termine.

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