Fastenexerzitien Spuren Gottes im Alltag

03.04.2019

Exerzitien im Alltag sind eine katholische Erfindung, sollten aber auch Protestanten gefallen, meint Volontär Thomas Stöppler. In der Münchner Pfarrei St. Anna hat er eine ökumenische Version erlebt.

Wie eine Exerzitien-Teilnehmerin die Bibelstelle über die Samariterin, die Jesus zu trinken gibt, erlebt, lässt Thomas Stöppler an einen Bergbach denken.
Wie eine Exerzitien-Teilnehmerin die Bibelstelle über die Samariterin, die Jesus zu trinken gibt, erlebt, lässt Thomas Stöppler an einen Bergbach denken. © Marco Uliana – stock.adobe.com

München – Endlich Ökumene! Wo viele nur die Nase rümpfen, spüre ich Erleichterung. Die Fastenzeit nähert sich dem Ende und jetzt kommen in dieser Serie endlich „Ökumenische Exerzitien“ zur Sprache. Helene Bauer, Gemeindereferentin in der Pfarrei St. Anna im Münchner Stadtteil Lehel, hatte das extra erwähnt, auch wenn sie gar nicht wusste, dass ich Protestant bin. Als ich an dem Abend dann an dem Treffen teilnehmen darf, stelle ich ganz schnell fest: Alle um mich herum sind katholisch. Das sollte mich nicht wundern, schließlich stammt die Idee der Exerzitien im Alltag auch von Jesuitengründer Ignatius von Loyola, aber der Ansatz sollte auch Protestanten gefallen.

Fünf Frauen sind zu diesem Abend gekommen. Über fünf Wochen hinweg beschäftigen sie sich jeden Tag mit einer Bibelstelle und kommen einmal in der Woche zum Austausch zusammen. Die Teilnehmerinnen kennen sich gut, sie herzen sich zur Begrüßung, sie mögen sich. Meine Anwesenheit stört sie nicht, auch wenn jede hier durchaus Privates von sich preisgibt, weswegen auch alle anonym bleiben wollen.

Der Begleitabend zu den Exerzitien beginnt mit einem meditativen Gesang: „Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“ Der Text ist leicht gemerkt, so dass man sich voll auf die dazugehörigen Bewegungen konzentrieren kann, die die 62-jährige Gemeindereferentin vormacht: So öffnen wir die Arme nach rechts und links, schließen sie wieder und heben die Hände immer passend zum Text. Die Teilnehmerinnen kommen merklich zur Ruhe. War zu Beginn noch etwas Aufregung zu spüren, so wird die Stimmung konzentrierter und klarer. Auch an mir geht das nicht spurlos vorbei. Der vergangene Tag verliert an Bedeutung und ich bin vielleicht noch nicht ganz bei mir, aber ich nähere mich.

Sich mit biblischen Personen identifizieren

„Es geht darum, was ich persönlich im Betrachten dieser Bibelstelle für mich erkenne“, bricht es Helene Bauer für mich herunter, als ich sie nach dem Ablauf der Exerzitien frage. Jeden Tag soll man eine bestimmte Bibelstelle lesen und sie dann ganz in Ruhe visualisieren. Wenn einem die Szene vor Augen erscheint, soll man versuchen, sich mit den beteiligten Personen zu identifizieren. „Ich entdecke in ihnen Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen, Freuden, Fragen meines Lebens wieder“, heißt es in den Materialien der Erzdiözese zu Exerzitien im Alltag. Die entdeckten Gefühle und Gedanken soll man nun als Gebet vor Gott bringen. „Die Impulse zeigen im ganz Alltäglichen Spuren Gottes“, erläutert Bauer. Die Impulse sind jede Woche zwei neue Bibelstellen: In dieser Woche waren dies die Geschichte von Jesus in Samaria (Joh 4,1) und seinem ersten Treffen mit Petrus (Joh 1,35).

Das alles habe ich vorher auch ohne genaue Anleitung versucht – leider mit mäßigem Erfolg. Angefangen damit, dass ich einfach nicht zur Ruhe kam und mich nicht in die Geschichte hineinversetzen konnte, bis dahin, dass ich schlicht nicht die Zeit gefunden habe. Da beruhigt es mich zu hören, dass auch ein paar der Teilnehmerinnen es nicht jeden Tag in der vergangenen Woche geschafft haben. Manchmal sei es schwer, sich die Zeit zu nehmen, gibt eine Frau zu, aber es sei ihr trotzdem gelungen: Sie ist immer eine halbe Stunde früher aufgestanden, als die Kinder noch schliefen. Bei einer anderen hat es weniger gut funktioniert. Sie hat einen Todesfall in der Familie zu beklagen und daher nicht die Zeit gefunden.

Aber die fünf Frauen erzählen nicht nur, ob sie es jeden Tag geschafft haben, sondern vor allem, was sie sich beim Lesen und Visualisieren der Bibelgeschichten gedacht haben. Eine Dame älteren Semesters konnte gut mit den ersten Jüngern mitfühlen und deren Sorge, allein gelassen zu werden. Für diese Teilnehmerin ergibt sich eine ganz konkrete Frage aus der Episode: Wo bleibe ich? Eine Antwort hat sie selbst in der Geschichte gefunden. Jesus gebe uns die Chance, ihm zu folgen, dann seien wir nicht allein. Auch die Erzählung der Samariterin, die Jesus am Jakobsbrunnen zu trinken gibt, gibt ihr zu denken: „Wer stillt meinen Durst?“, fragt sie. Die Antwort braucht sie gar nicht auszusprechen, sie liegt auf der Hand: Jesus.

„Ich habe gelernt, Wasser zu schmecken“

Eine junge Italienerin erzählt, wie sie die Geschichte verstanden und was sie mit ihr gemacht hat: Sie habe ihr ganzes Leben viel Wasser getrunken und dieses immer gleich hinuntergestürzt. Doch jetzt nehme sie Wasser anders wahr. Sie habe sich genau vorgestellt, wie dieses „lebendige Wasser“ schmecken würde. „Ich habe gelernt, Wasser zu schmecken“, sagt sie. Das schildert die junge Frau so eindringlich und lebensnah, dass ich vom Zuhören Durst bekomme und mir der Geschmack von Wasser aus einem kühlen Bergbach auf der Zunge liegt.

Helene Bauer selbst musste dieser Tage auf Dienstreise und hat deshalb die Exerzitien im Zug gemacht. „Das funktioniert auch“, sagt sie lachend, letztendlich sei es ja egal, wo man sie durchführe. Auch sie hat sich Fragen gestellt, sich gewundert und Spuren von Gott in ihrem Alltag entdeckt: „Da ist etwas, was mich durch viele Situationen im Leben getragen, mich geformt und gestärkt hat.“ Sie hat das erste Mal vor fast 30 Jahren an Exerzitien teilgenommen. Jetzt, seit drei Jahren, leitet sie diese selbst.

Zur Vorbereitung für die kommende Woche sollen wir unsere vier wichtigsten materiellen Dinge auf Karten schreiben, diese vor uns ablegen und uns vorstellen, wie es wäre, ohne diese Gegenstände zu leben. Ich empfinde die Übung als anstrengend, aber die Wirkung auf mich ist immens: Ich habe meine Bücher, meine Schallplatten, ein Gemälde und meine Küche gewählt und ich fühle mich leer – aber auch befreit. Eine der beiden Bibelstellen für die kommende Woche ist die vom reichen Jüngling, der in den Himmel will. Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall ein Stück ärmer.

Letztlich geht es bei den „geistlichen Übungen“ um Achtsamkeit. Ein Innehalten, ein kurzes Nachdenken im Alltag. Das passt hervorragend zur Fastenzeit. Aber nicht nur dahin: Vielleicht sollte auch ich versuchen, früher aufzustehen und mir eine Bibelstelle vorzustellen. Denn im Alltag bleibt oft so wenig Zeit für Reflexion und auch für unser eigenes Verhältnis zu Gott.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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