Kriegsende 1945 in Oberbayern SS ermordet Pfarrer und Lehrer

27.04.2020

Das Hissen einer weißblauen Fahne auf dem Kirchturm kostete Pfarrer Josef Grimm und Lehrer Georg Hangl aus Götting bei Bad Aibling vor 75 Jahren das Leben.

Denkmal für Josef Grimm und Georg Hangl auf dem Göttinger Friedhof
Denkmal für Josef Grimm und Georg Hangl auf dem Göttinger Friedhof © Helga Mittermiller

Götting/München - 28. April 1945: In einem Waldstück an der Straße von Götting nach Irschenberg zerren drei SS-Männer Josef Grimm aus einem Militärauto. Einer von ihnen legt seine Pistole an das Genick des Pfarrers und drückt ab. Zuvor haben sie den Geistlichen noch misshandelt. Die Leichenfrau, die den Toten später wusch, berichtete jedenfalls, dass er zahlreiche kleine Stichverletzungen aufwies und seine Vorderzähne fehlten. Die SS-Angehörigen decken den Ermordeten mit Tannenzweigen zu, der in seinen Händen noch einen Rosenkranz hält und kehren in den Ort zurück. Dort holen sie den Hauptlehrer Georg Hangl zu einem Verhör ab. Kurz darauf sehen Augenzeugen den Hauptlehrer an einer Gastwirtschaft vorbeistolpern und hören Schüsse. Hangl wird „auf der Flucht erschossen“. Noch in der Nacht ziehen die SS-Männer ab.

Pfarrer Josef Grimm, *1900- +1945 (Photo: Pfarrei Götting)

Krieg ohne weitere Opfer beenden

So schildert die Historikerin Veronika Diem das Ende der beiden Dorfhonoratioren. Ihr „Verbrechen“ war das Hissen einer weißblauen Fahne auf dem Kirchturm von Götting. Sie waren einem Aufruf der Freiheitsaktion Bayern gefolgt, einer Gruppe von Soldaten, die das Land ohne Gegenwehr den Amerikanern übergeben und so weiteres Blutvergießen vermeiden wollten. Das war nicht ungefährlich, denn überall streiften in Oberbayern noch versprengte SS-Truppen umher, die insgesamt an die 50 Männer und Frauen ermordeten.

In Götting setzte schon früh eine Ehrung für die beiden Opfer aus dem Dorf ein, erzählt der Geschichtslehrer und stellvertretende Pfarrgemeinderatsvorsitzende Nicolas Klöcker. Noch 1945 stellten Pfarrei und Gemeinde ein Holzkreuz an der Stelle auf, an der Josef Grimm ermordet wurde. „Auch wenn manche gesagt haben, dass sie nur einen Tag mit dem Hissen der Fahne hätten warten müssen und eigentlich das Dorf sogar in Gefahr gebracht haben.“ Die SS-Leute haben auch Klöckers Großvater verhört, der an der Sache nicht beteiligt war: „Er ging aber sicherheitshalber rückwärts wieder heim, damit er nicht von hinten `auf der Flucht´ erschossen werden konnte.“ Auch an Hauptlehrer Georg Hangl erinnert ein Gedenkstein. Er war 1933 der NSDAP beigetreten, laut einem posthumen Entnazifizierungsverfahren aber immer mehr vom „Regime abgerückt und wurde sogar zu einem der schärfsten Gegner des Nationalsozialismus“. Dieser Stein steht heute unweit des Holzkreuzes für Pfarrer Grimm an der Kreisstraße nach Irschenberg.

Firmgruppe pflegt das Holzkreuz für Pfarrer Grimm (Photo: Pfarrei Götting)

Erinnerung an NS-Unrecht

Auf dem Friedhof von Götting ist beiden seit 2009 ein Bronze-Denkmal gewidmet. „Vielen Bürgern hier war und ist bewusst, dass an dieses Geschehen vom 28. April immer wieder erinnert werden muss“, erklärt Nicolas Klöcker. „Besonders unter den jüngeren Leuten wissen gar nicht mehr so viele Bescheid über dieses Stück Ortsgeschichte.“ Pfarrer Grimm, der einer der letzten Ökonomiepfarrer in der Region war, also einen Bauernhof selbst bewirtschaftete, hat sogar Aufnahme in den Münchner Diözesanteil des Gotteslobs gefunden, wo er als Blutzeuge gegen das Unrechtsregime genannt ist. Er ist im Deutschen Martyrologium für das 20. Jahrhundert aufgeführt, das die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat. In Götting ist eine Straße nach ihm benannt, ebenso in München-Untermenzing, wo Josef Grimm als Kaplan gewirkt hat und ihm 2005 am Pfarrhaus eine Gedenktafel gewidmet wurde.

An jedem 28. April erinnert bei den Gottesdiensten in Götting zudem eine Fürbitte an die beiden SS-Opfer. Zum 75. Jahrestag wollte die Pfarrei eigentlich im Sonntagsgottesdienst am 3. Mai den Einsatz und die Opferbereitschaft der beiden Männer würdigen, berichtet Nicolas Klöcker. Auch eine Andacht vor dem Holzkreuz im Wald hat die Pfarrei überlegt. Wegen der Corona-Krise kann beides nicht stattfinden. Das Gedenken ist der Pfarrei und dem Ort aber zu wichtig, um es ganz ausfallen lassen. Am Volkstrauertag im November wollen sie es nachholen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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