Katholischer Männerfürsorgeverein Starthilfe zurück ins Leben

24.11.2018

Helmut Bauer war ganz unten angekommen – drogenabhängig und obdachlos. Seit zwei Jahren versucht er langsam wieder auf die Füße zu kommen. Nicht nur der Glaube hilft ihm dabei.

Helmut Bauer hat im Haus an der Knorrstraße angefangen zu töpfern. © SMB/Reiling

München – Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Küche, Bad. „Und alles mit Fenster“, sagt Helmut Bauer und grinst. Er dreht sich einmal um die eigene Achse in seiner kleinen Einraumwohnung. Sein Reich. Endlich. Mit einer eigenen Tür, die er schließen kann.

Das war vor einigen Jahren noch ganz anders. Da war Helmut Bauer ganz unten angekommen. Er war obdachlos und drogenabhängig. Wenn er von der Zeit erzählt, spielt er gedankenverloren mit dem Anhänger seines Wohnungsschlüssels. Mit 13 Jahren kam er zum ersten Mal in Kontakt mit Drogen. Heroin, Pervitin. „Es war eine sehr intensive Phase.“ Später heiratet Helmut Bauer. Als seine Frau schwanger wird, hört er mit den Drogen auf. Alles hätte gut werden können. Doch Helmut Bauer ist krank. In seiner intensiven Drogenphase hat er sich mit Hepatitis C infiziert. Leberentzündung. Die Therapien zogen sich und „waren sehr übel“. Und Helmut Bauer musste wieder Medikamente nehmen. Viele Medikamente. Er rutschte wieder ab. Und landete wieder bei den Drogen.

Hilfe aus der Krise

Eine Betreuerin erzählt ihm schließlich vom Haus an der Knorrstraße des Katholischen Männerfürsorgevereins München, einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Helmut Bauer bewirbt sich und bekommt einen Platz. Von nun an hat er sein eigenes, möbliertes Zimmer, mit eigner Dusche und Toilette. Er bekommt Essen, sogar Kleidung. Helmut Bauer kann endlich zur Ruhe kommen. Das gefällt ihm. „Man hat einen Rückhalt und man ist nicht alleine.“ 50 andere Männer in ähnlicher Situation leben mit ihm im Haus. Eine kleine Gemeinschaft, die sich gegenseitig Halt gibt.

Katholischer Männerfürsorgeverein

Der Katholische Männerfürsorgeverein München e.V. ist ein caritativer Fachverband in der Erzdiözese München und Freising. Dem Auftrag seines Gründers Adolf Mathes folgend, wendet sich der Verein an wohnungslos, arbeitslos, suchtkrank und straffällig gewordene Männer. Er betreibt 20 stationäre, teilstationäre und ambulanten Einrichtungen sowie Wohnungen – darunter das Haus an der Knorrstraße.
Kontakt: Knorrstraße 26, 80807 München, Tel. 089/358982-0, Fax 089/358982-60

Und Helmut Bauer bekommt professionelle Hilfe – medizinisch, psychologisch. Er beginnt eine Drogenersatztherapie. Und er fängt an zu malen. Hinterglasbilder. Das hat er früher schon gerne gemacht. Dann lernt er töpfern. Mit den Händen etwas zu formen, das ist eine neue Erfahrung für den 63-Jährigen. Es tut ihm gut. Er liebt es, sich kreativ ausleben zu können. „Das spiegelt alles wider, die Erfahrungen, die man draußen macht mit irgendwelchen Dingen, macht man hier mit kreativen, da ist oft deutlich sichtbarer oder noch schöner zu erkennen. Wenn man hektisch ist und schnell macht, wird’s nichts.“

Helmut Bauer macht auch gerne Musik.
Helmut Bauer macht auch gerne Musik. © SMB/Reiling

Seine Werke hängen an den Wänden seines kleinen Zimmers. Tiefes Blau, strahlendes Geld, sattes Grün: Überall kräftige Farben, viele Landschaftsmotive. Helmut Bauers Zimmer ist bunt. Pflanzen und Blumen in selbstgetöpferten Schalen vor dem Fenster, ein gemustertes Tuch über dem Bett und kleine bemalte Kreuze, ein aus Dreht gebogener Engel, eine Ikone über dem Nachttisch. „Der Glaube ist in meinem Leben schon immer da. Das gibt mir Kraft. Es ist der Boden, auf dem ich gewachsen bin. Meine Persönlichkeit, die Schwierigkeit und die unendlichen Tiefen sogar.“

Die Einrichtung ist keine Endstation

Das Haus an der Knorrstraße ist Helmut Bauers Heimat geworden. Vorübergehend. Denn für immer können die Bewohner hier nicht bleiben. Es ist eine Starthilfe zurück in ein möglichst eigenständiges Leben. Und Helmut Bauer ist auf einem guten Weg: „Ich fühle mich stark in meiner Schwäche.“ In wenigen Wochen ist Weihnachten. Sein Wunsch: „Frieden, Gemeinschaft, Verlässlichkeit.“ (Vanessa Malskies)

Interview mit Christian Jäger, Leiter des Hauses an der Knorrstraße

Was ist das Haus an der Knorrstraße für eine Einrichtung?
Das ist eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Das heißt, wir sind ein Haus für Männer, die obdachlos sind und sich in einer akuten Lebenskrise befinden. Es geht nicht nur darum, eine Wohnung zu finden, sondern wieder auf die Füße zu kommen, einen Rhythmus im Tag zu finden, um wieder ins Leben zurückzufinden.

Wie kommen die Männer zu Ihnen?
Das ist ganz unterschiedlich. Manche klopfen tatsächlich an die Tür. Das spricht sich rum, die kommen vorbei. Manche nehmen telefonisch Kontakt auf. Manche kommen über Streetworker zu uns. Und sehr viele Menschen kommen auch zu uns, die in einer Klinik behandelt wurden aufgrund ihrer psychischen Erkrankung. Sie haben entweder keinen familiären Background oder keine Wohnung, wohin sie nach dem Klinikaufenthalt gehen können. Die Männer stellen sich dann bei uns vor und wenn dann ein Platz frei ist, können sie bei uns einziehen.

Wie geht es weiter, wenn jemand neu bei Ihnen einzieht?
Das Leben auf der Straße ist wahnsinnig anstrengend. Und auch die Lebensumstände, aus denen die Männer kommen, das ist unglaublich anstrengend und kostet viel Energie und Kraft. Sodass wir, wenn jemand hier ankommt, ihn erst mal sich ausruhen lassen. Wir geben ihm erst mal Zeit, ein, zwei, drei Wochen, dass er hier ankommen kann.

Wie arbeiten Sie dann mit den Bewohnern?
Wir haben unterschiedliche Beschäftigungsbereiche. Da gehört die Kunsttherapie dazu, hauswirtschaftliche Dienste – die Männer bekommen ja hier im Haus eine Rundumversorgung mit Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dann haben wir die Hausmeisterei. Das ist eher etwas für die Bewohner, die einen handwerklichen Hintergrund haben, vielleicht sogar eine handwerkliche Ausbildung gemacht haben, in einem handwerklichen Betrieb gearbeitet haben. Und wir haben sogenannte Boten. Das ist was für Männer, denen es gut tut rauszugehen. Wir haben fast keine Portokosten für München, weil die Boten tragen die Briefe aus. Und wir haben einen biologischen Gemüsebaubetrieb in Oberschleißheim. Da können die Männer, die gerne garteln, die gerne in der Natur draußen sind, sich beschäftigen lassen. Das wird vergütet mit einer Aufwandsentschädigung, das heißt, sie verdienen dann auch ein bisschen was dazu. Das ist jetzt nicht die Welt, aber das ermöglicht ihnen ein kleines Taschengeld. Und das alles sind Beschäftigungsformen, wo nicht so ein großer Druck da ist.

Warum ist das wichtig?
Die Männer, die hier sind, die halten den wahnsinnigen Druck, der auf dem ersten Arbeitsmarkt herrscht, derzeit nicht aus. Und deswegen wollen wir ihnen hier die Gelegenheit geben, wieder auf die Füße zu kommen und so nach und nach Kraft zu schöpfen und vor allem auch nach und nach herauszufinden: Was möchte ich in meinem Leben zukünftig wieder machen? Worauf habe ich Lust und was kann ich auch? Dass sie wieder Vertrauen dazu finden, Zutrauen zu sich selber und Lust am Leben wiederbekommen.

Wie lange bleibt ein Bewohner?
Es gibt die Möglichkeit, im Prinzip unbegrenzt lange zu bleiben. So lange sie das Angebot brauchen, können sie es in Anspruch nehmen. Aber wir haben so die Vereinbarung, dass der Aufenthalt drei Jahre nicht übersteigen sollte. Bis dahin sollte zumindest klar sein, wo es lang geht. Das wissen wir dann auch meistens. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist zwei Jahre. Die Perspektive soll sein: Das Haus an der Knorrstraße ist nicht Endstation, sondern es wird ein Leben danach geben. Das kann eine betreute Wohnform sein, eine therapeutische Wohngemeinschaft beispielsweise. Das kann aber auch der eigene Wohnraum direkt sein. Das kann, was die Beschäftigung betrifft, eine geschützte Beschäftigung auf dem zweiten, dritten Arbeitsmarkt sein. Das kann aber auch auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung sein.

Wer trägt die Kosten?
Das ist eine sogenannte Maßnahme nach Paragraph 53, Sozialgesetzbuch 12. Wenn ein Mensch seelisch behindert ist, stehen ihm bestimmte Unterstützungsleistungen zu. Der Kostenträger ist der überörtliche Träger, der Bezirk Oberbayern.

Video


Das könnte Sie auch interessieren

Rund 9.000 Menschen sind derzeit in München als wohnungslos gemeldet.
© srdjan - stock.adobe.com

Hilfswerke München: Kein Mensch muss auf Straße schlafen

In München sind derzeit rund 9.000 Menschen als wohnungslos gemeldet. Bei Kälte draußen übernachten müsse laut Wohnungslosenhilfe aber eigentlich keiner von ihnen.

14.12.2018

"Oper für Obdach" am Berliner Hauptbahnhof 2017 mit Bariton Christoph von Weitzel.
© imago

Obdachlosigkeit Oper am Münchner Hauptbahnhof

Mit der „Oper für Obdach“ am Münchner Hauptbahnhof soll auf die dramatische Situation vieler Wohnungsloser aufmerksam gemacht werden. Die Idee dazu hatte der Bariton Christoph von Weitzel.

20.11.2018

© Katholischer Männerfürsorgeverein

Total Sozial Wege aus der Arbeitslosigkeit

In der ersten Ausgabe der Sendung „Total Sozial“ stellen wir den Katholischen Männerfürsorgeverein (KMFV) vor. Im Zentrum steht ein Thema, dass etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten ist:...

05.06.2018

Das Clearinghaus in München-Sendling ist eine Anlaufstelle für Wohnungslose.

Wohnungslosigkeit Neues Clearinghaus der Kirche in München

Verschiedene Umstände können dazu führen, dass Menschen wohnunglos werden. In München-Sendling gibt es für Betroffene bald eine neue Anlauftstelle.

16.02.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren