Gedenken an Anschlag in Halle Steinmeier: "Dieser Kampf geht uns alle an"

09.10.2020

Das Gedenken zum ersten Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle haben Solidaritätsbekundungen und Mahnungen geprägt. Bundespräsident Steinmeier sagte, er empfinde angesichts der Tat weiter Scham und Zorn.

Synagoge in Halle
Vor einem Jahr versuchte ein rechtsextremer Attentäter in die Synagoge von Halle einzudringen. © imago images/Winfried Rothermel

Halle – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte bei der zentralen Gedenkfeier am Freitag in der Hallenser Ulrichskirche davor, zur Tagesordnung überzugehen: "Wir müssen zeigen, dass wir keine Form von Antisemitismus, ob alten oder neuen, linken oder rechten, tolerieren - mehr noch, dass wir ihn aktiv bekämpfen. Dieser Kampf geht uns alle an." Antisemitismus sei ein "Seismograph" für den Zustand der Demokratie. Er selbst empfinde ein Jahr nach der Tat weiterhin Scham und Zorn.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, rief zum Einsatz für Menschenwürde und Zusammenhalt auf. Das "krude Menschenbild" des 28 Jahre alten Angeklagten trete im laufenden Gerichtsverfahren immer deutlicher zutage. "Mich beeindruckt tief die menschliche Größe der Zeugen im Prozess", so Schuster. "Deutschland ist unser Zuhause, und dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen."

Zwei Menschen getötet

Am Freitagmittag stand das öffentliche Leben in der Stadt für mehrere Minuten still, parallel läuteten alle Kirchenglocken der Stadt. Hunderte Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz. Sie gedachten des Terrorakts vom 9. Oktober 2019, als am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein schwer bewaffneter Attentäter versucht hatte, unter über 50 Menschen in der Synagoge ein Blutbad anzurichten. Als ihm das misslang, tötete er eine 40 Jahre alte Passantin und erschoss in einem Döner-Imbiss einen 20 Jahre alten Gast. Darüber hinaus verletzte er mehrere Menschen auf seiner Flucht.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, nannte die Tat einen Angriff auf alle Menschen und die Demokratie. Es gehe nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um Hass und Intoleranz - "und die ist wirklich tödlich". Ob eine Rückkehr in ein normales Leben angesichts der beiden Todesopfer möglich sei, sei ungewiss.

"Zäsur in Landesgeschichte"

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte, die Tat mache deutlich, dass Antisemitismus und Terror jeden treffen könnten - beide Opfer seien keine Juden gewesen. "Sie sind dem Judenhass zum Opfer gefallen, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bezeichnete den Tag des Anschlags als eine "Zäsur in unserer Landesgeschichte". Er sicherte der jüdischen Gemeinschaft Unterstützung zu.

Der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer sagte: "Die Wunde ist noch spürbar und nicht verheilt, auch wenn wir rasch wieder zum Tagesgeschäft übergangen sind." Magdeburgs katholischer Bischof Gerhard Feige erklärte: "Es ist eine menschliche Katastrophe, dass Juden in Deutschland nicht in Frieden leben und Gottesdienst feiern können. Zweifellos hat die Polarisierung in der Gesellschaft auf allen Ebenen zugenommen." Um in einer solchen Atmosphäre menschliches Zusammenleben konstruktiv zu gestalten, brauche man "viel Kraft, Elan und Mut - das geschieht nicht automatisch."

Mahnmal enthüllt

Am Freitag wurden im Beisein des Bundespräsidenten an der Synagoge und dem Döner-Imbiss Gedenktafeln enthüllt und Kränze niedergelegt. Im Innenhof der Synagoge wurde zudem ein Mahnmal enthüllt, in das die Holztür mit den Einschusslöchern eingearbeitet wurde, die das gewaltsame Eindringen des Attentäters verhindert hatte. (kna)


Das könnte Sie auch interessieren

Kerze in Dunkelheit
© Sergio Yoneda - stock.adobe.com

München gedenkt erster Deportation jüdischer Bürger

Bei einer Gedenkveranstaltung im Münchner Stadtteil Milbertshofen-Am Hart ist an die erste Deportation Münchner Juden am 20. November 1941 erinnert worden.

20.11.2020

Weiße Rose
© imago images / IPON

Gedenken an Novemberpogrome vor 82 Jahren

Auch heute müssen Juden in Deutschland Ausgrenzung und Übergriffe erfahren. Neben dem Erinnern ist es Politikern und Religionsvertretern wichtig, gegen Hetze und Verschwörungsmythen vorzugehen.

09.11.2020

Ein Großaufgebot der Polizei war am Montagabend in der Wiener Innenstadt im Einsatz.
© imago images/photonews.at

Religionsvertreter entsetzt über Anschlag in Wien

Religionsvertreter haben mit Entsetzen auf den Anschlag in Wien reagiert. Nach bisherigen Erkenntnissen gehen die Behörden von islamistischem Terror aus, mit aktuell vier Todesopfern. Kardinal Marx...

03.11.2020

Einsatzkräfte vor der Basilika von Nizza nach dem Anschlag am Donnerstagmorgen, 29. Oktober.
© imago images/PanoramiC

Vier Tote bei islamistischen Angriffen in Frankreich

In der Basilika von Nizza hat ein Mann drei Menschen ermordet, ein weiterer mutmaßlich islamistischer Angreifer wurde in Südfrankreich erschossen. DBK-Vorsitzender Bischof Bätzing verurteilte die...

29.10.2020

Ein Handybildschirm mit der Login-Seite des sozialen Netzwerkes Facebook
© imago

Facebook verbietet künftig Holocaust-Leugnung

Nach jahrelanger Debatte will das soziale Netzwerk nun stärker gegen antisemitische Inhalte vorgehen, die den Holocaust leugnen oder verfälschen. Lob kommt vom Jüdischen Weltkongress.

13.10.2020

Eine Frau steht nach dem Anschlag vor der Synagoge in Halle und betrachtet die Kerzen und Blumen.
© imago

Anschlag auf Synagoge jährt sich

Das Attentat in Halle vor einem Jahr löste bundesweit Entsetzen aus. Seither wollen Justiz und Politik verstärkt gegen Antisemitismus vorgehen. Der jüngste Anschlag in Hamburg zeigt die Dringlichkeit....

08.10.2020

© hauwald-pictures - stock.adobe.com

Empörung nach Angriff auf Münchner Rabbiner

Der Geistliche wurde auf offener Straße beschimpft - nur einer von vielen Vorfällen in der letzten Zeit, der sich gezielt gegen Juden richtet.

13.07.2020

Mural vo Anne Frank beim Anne Frank- Zentrum Berlin.
© imago images / Winfried Rothermel

Mutige Zeitzeugin Vor 75 Jahren starb Anne Frank

"Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird", schrieb das jüdische Mädchen im Juli 1944 ins Tagebuch. Wenige Monate später starb sie mit 15 Jahren im KZ.

04.02.2020

Auch im 15 Kilometer entfernten Landsberg fielen Schüsse.
© imago images/xcitepress

Antisemitischer Anschlag Kirchen verurteilen Tat von Halle

Die deutschen Bischöfe haben den Anschlag in Halle auf das Schärfste verurteilt. Papst Franziskus gedachte in einem Gebet der Opfer.

10.10.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren