Nisten auf dem Kirchdach Störche bauen Nest ans Kreuz

28.04.2021

In Haag in Oberbayern mussten sich alteingesessene Bewohner ein neues Quartier bauen und haben sich deshalb an einem Kreuz festgemacht.

Storch im Nest auf Kirchdach
Halt im Kreuz gefunden: die Störche in Haag. © Kiderle

UPDATE VOM 27.05.2021: Das Nest der Störche kann über einen Livestream auf dem Youtube-Kanal des Pfarrverband Haag Kirchdorf beobachtet werden.

Haag i. OB – Wenn ein Storch das Nest anfliegt, wird zur Begrüßung geklappert. Früher war das in Haag im Landkreis Mühldorf vom Kamin einer alten Gerberei her zu hören. Der Kamin aber drohte einzustürzen und die Vögel verloren ihr Heim. Karl-Michael Günsche schaffte es aber Ersatzwohnungen für die Störche einzurichten. Der 68jährige Rentner arbeitet ehrenamtlich für den Landesbund für Vogelschutz, konnte den Bauhof der Gemeinde und die Feuerwehr mobilisieren und zwei bezugsfertige Ausweichquartiere bauen: das erste auf einem Leitungsmast, das zweite auf dem Rathaus. Nur die beiden Störche spielten nicht mit, als sie vergeblich ihren alten Nistplatz suchten: „Die sind etwas belämmert auf den umliegenden Häusern herumgesessen und im Februar fangen die auf einmal an, Zweige aufs Kirchendach zu tragen.“Zum Missfallen, ja fast zum Schrecken des Vogelschützers.

Denn das Kirchendach ist extrem steil, mit einem geschätzten Neigungswinkel von 60 Grad. Und ganz oben auf dem schmalen Dachfirst fingen die Störche zu bauen an. Günsche wunderte sich, dass der Nestbau nicht sofort nach links oder rechts kippte und in der Dachrinne landete. Aber die Störche waren schlau und suchten ihr Heil im Kreuz. Das ragt vergoldet am Ende des Firstes auf. „Wie einen Pfeiler haben die das unten miteingebunden und das gesamte Nest ist daran festgemacht und herumgeflochten.“ Diese Ingenieurleistung der Störche war aber erst nach einigen Tagen zu erkennen und selbst da war Günsche noch skeptisch: „Wir hatten ja heftige Stürme im Spätwinter, aber das Nest hat ihnen tatsächlich getrotzt.“

Camillo und Peppone

So ein solides Eigenheim weckt auch Begehrlichkeiten bei anderen. Denn die Bewohner haben schnell Nachbarn bekommen. Die sind in die von den alteingesessenen Störchen verschmähten Ausweichquartiere eingezogen. Und die neuen Mieter auf dem Rathaus haben sich auch für die Wohnung auf dem Kirchendach interessiert. Es gab lautstarke Auseinandersetzungen und kleine Raufereien. Denn Störche sind nicht auf den Schnabel gefallen, wenn sie miteinander streiten. Auch da wird kräftig geklappert und dem Gegner schon einmal ins Gefieder gepickt. Seitdem tragen die Störche in Haag bekannte Filmnamen: „Die auf dem Rathaus heißen Peppone, die auf dem Kirchendach Camillo“, erzählt Günsche, „weil sie sie sich zwar in die Haare kriegen, aber nichts Böses tun und eigentlich ganz friedlich sind.“

Stolz, trotz Schmutz

Gottesfürchtig sind die Camillos offenbar auch. Zumindest hat sie Pawel Idkowiak noch nie klappern oder zanken gehört, wenn er am Altar die Messe gefeiert hat. Der befindet sich ein paar Meter unter dem Nest, in fast senkrechter Linie. Der Pfarrer ist sogar stolz auf die Störche, die sich auf ihrer Herbergssuche unters Dach oder besser auf das Dach der Kirche geflüchtet haben: „Für mich sind sie jeden Tag eine Erinnerung, dass wir Christen uns für den Schutz der Natur und der Tiere einsetzen müssen.“ Dafür nimmt er auch den deutlich sichtbaren Schmutz in Kauf, der immer wieder einmal auf die Dachziegel fällt: „Der ist aber beim nächsten Regen wieder weg.“

Eheliche Treue und faire Aufgabenteilung

Sonst sind die Storcheneltern aber kirchliche Musterbewohner. Traditionelle Werte gehören zu ihrem Leben genauso dazu wie eine faire und moderne Aufgabenteilung: Sie sind einander angeblich bis zum Tode treu; bei der Familien- und Erwerbsarbeit wechseln sie einander ab, der Papa brütet genauso auf den Eiern wie die Mama und auch das Futter schaffen beide Eltern abwechselnd heran. Dazwischen gibt´s auch Beziehungspausen, um sich nicht auf die Nerven zu fallen: Storchenpaare suchen ihre Winterquartiere getrennt voneinander auf und kommen auch einzeln wieder an ihre Brutplätze zurück. Die Pfarrei plant aus dem Leben „ihrer“ Störche sogar eine ständige Live-Sendung zu machen, vom Kirchendach direkt auf den Computerbildschirm.

Webcam am Nest geplant

Die Kirchenverwaltung und Pfarrer Idkowiak überlegen, eine Webcam anzuschaffen: „Damit die Menschen die Störche beobachten und noch mehr Verständnis für sie gewinnen können.“ Viele Menschen in Haag in Oberbayern und der Umgebung wären bestimmt regelmäßige Zuschauer. Wer Passanten in der Marktgemeinde auf die Störche anspricht, stößt immer auf Begeisterung. Eine Frau ist ganz entzückt, als sie zum ersten Mal sieht, wie sich einer der Störche neben dem goldenen Kreuz in voller Höhe in seinem Nest aufrichtet: „Ist ja großartig.“ Ein Mann, der gerade an der Kirche vorbeigeht, sagt: „Endlich wieder richtig Natur da. Einwandfrei die Vögel, mehr davon“.

Glücksgefühle

Das ist nicht unwahrscheinlich. Die neu zugezogenen Paare auf dem Leitungsmast und auf dem Rathaus belegen es: Störche ziehen Störche an. Karl-Michael Günsche vom Landesbund für Vogelschutz hat in der Umgebung weitere neue Nester entdeckt. Wo ein oder mehrere Paare nisten, kommen weitere dazu.  Und sie tun den Menschen gut. Vogelschützer Karl-Michael Günsche wohnt direkt hinter der Kirche und beobachtet jeden Tag viele andächtige Blicke auf das Nest am goldenen Dachkreuz. Junge wie alte Leute säßen oft eine halbe Stunde lang auf einer nahegelegenen Wiese oder auf einer Bank und schauten den Störchen zu, wie sie das Nest ausbessern oder den brütenden Partner mit Futter versorgen. „Gerade in der jetzigen Zeit mit den vielen Coronasorgen hilft das vielen, um psychisch wieder runterzukommen.“ Günsche kennt dieses „Glücksgefühl“ bei sich selbst: Jeden Morgen legt er in seinem Garten frische kleine Heuballen aus, mit denen die Tiere ihren Nistplatz auspolstern und spürt immer noch den Zauber, wenn die Vögel anlanden und sich wieder in die Lüfte erheben. In den nächsten Wochen soll sich das Glücksgefühl noch einmal steigern. Dann werden die jungen Störche geschlüpft sein, ihre Köpfe aus dem Nest strecken, erste Flugversuche machen und freudiges Geklapper in Haag zu hören sein.

Audio

Beitrag im Münchner Kirchenradio über die Störche in Haag.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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