Kirchen in Deutschland Studie: 2060 nur noch halb so viele Katholiken

03.05.2019

In 40 Jahren sollen laut einer Studie nur noch 22,7 Millionen Katholiken und Protestanten in Deutschland leben. Es werde langfristige Veränderungen geben, kündigte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, an.

Kardinal Reinhard Marx: "In der Kirche geht es immer darum, das Evangelium weiter zu sagen, auch unter veränderten Bedingungen."
Kardinal Reinhard Marx: "In der Kirche geht es immer darum, das Evangelium weiter zu sagen, auch unter veränderten Bedingungen." © imago/epd

Bonn – "Die goldenen Jahre stetig steigender Kirchensteuereinnahmen sind vorbei!" Mit dieser klaren Botschaft fasst der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen die Ergebnisse einer Studie zusammen, die am Donnerstag von den beiden großen Kirchen vorgelegt wurde.

Was das "Forschungszentrum Generationenverträge" (FZG) der Uni Freiburg berechnet hat, dürfte in vielen evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern die Alarmglocken läuten lassen. "Es ist klar, dass wir Gebäude, Einrichtungen und Personal nicht im bisherigen Umfang vorhalten können", heißt es in einer ersten Reaktion aus dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, spricht von einer "mittel- und langfristigen Anpassung der kirchlichen Haushalte an die erwartete Entwicklung".

Besonders dramatisch ist die Lage in Ostdeutschland

Wie dramatisch sich die Prognosen für den Zeitraum bis 2060 darstellen, machen einige Zahlen deutlich: So werden die evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer im Osten Deutschlands 2060 zusammen nur noch auf 1,5 Millionen Mitglieder kommen - derzeit sind es noch 3,2 Millionen.

Besonders stark schrumpft im Osten weiterhin die evangelische Kirche, während die katholische vom Zuzug aus Polen profitiert. Beträgt das Verhältnis von Protestanten zu Katholiken im Osten derzeit noch 3:1, wird es sich bis 2060 voraussichtlich auf 2:1 verändert haben.

Die in absoluten Zahlen stärkste Schrumpfung steht beiden Kirchen im Westen der Republik bevor, insbesondere in den Bundesländern NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen. EKD und Bischofskonferenz zählen dort derzeit 17,3 Millionen Mitglieder. 2060 werden es nur noch 8,5 Millionen sein.

Überalterung ist ein Grund

In Bayern und Baden-Württemberg ist die Entwicklung nur geringfügig besser. Hier schrumpft die Zahl von 16,8 auf 9 Millionen. Dramatisch auch die Alterspyramide der Christen in den beiden Großkirchen: 2060 werden 40 Prozent der Mitglieder älter sein als 65.

Doch nicht nur demografische Faktoren, unter denen besonders heftig die überalterten evangelischen Kirchen im Norden und Osten leiden, führen zum Abschmelzen des Mitgliederbestandes. Vor allem die Austrittszahlen schlagen ins Kontor. Insgesamt lässt sich sogar weniger als die Hälfte des Rückgangs mit dem demografischen Wandel erklären. "Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern" haben einen deutlich größeren Einfluss.

Zuwanderung bessert Zahlen auf

Hier stellen die Autoren der Studie eine seit rund fünf Jahren deutlich gewachsene Austrittshäufigkeit von insgesamt rund einem Prozent pro Jahr bei beiden Kirchen fest - und sie gehen davon aus, dass diese Quote in etwa so hoch bleiben wird. Sie kann weder durch die vergleichsweise hohe Wiedereintrittsquote von 0,2 Prozent bei den Landeskirchen noch durch die regional bedeutsamen Zuwanderungsgewinne der katholischen Kirche aus Süd- und Osteuropa ausgeglichen werden. Letztere trägt allerdings dazu bei, dass die katholische Kirche 2060 mit 12,2 Millionen mehr Mitglieder haben wird als die evangelische mit 10,5 Millionen.

Aber nicht nur die Zahl der Kirchensteuerzahler wird sich in den kommenden 40 Jahren halbieren, auch die Kaufkraft schrumpft. Deshalb werden den Kirchen trotz nominell fast stabilen Kirchensteuereinnahmen von jährlich rund 12 Milliarden Euro schon bald die finanziellen Spielräume fehlen. Um dieselbe Zahl von Angestellten und Gebäuden wie heute bezahlen zu können, bräuchten die Kirchen 2060 nach Berechnung der Freiburger Finanzwissenschaftler Kirchensteuereinnahmen von 25 Milliarden im Jahr.

Konzentration auf das Kerngeschäft?

In den Kirchen werden daher die Stimmen lauter, die eine Konzentration auf das "Kerngeschäft" der Verkündigung des Glaubens fordern - und die Trennung von einigen "sonstigen Aktivitäten", etwa von Krankenhäusern und Schulen. Die Auseinandersetzung um die Schließung katholischer Schulen in Hamburg lässt allerdings erahnen, wie konfliktträchtig solche Rückzugsbewegungen im Einzelfall sein können.

Bei der Veröffentlichung der Zahlen machten die Kirchenspitzen deutlich, dass sie die Abwärtsentwicklung nicht als gottgegeben hinnehmen wollen. "Für mich ist die Studie ein Auftrag zur Mission", erklärte Kardinal Marx. Und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm rief dazu auf, die "Ausstrahlungskraft unserer Kirche für die Zukunft so nachhaltig wie möglich zu stärken."

Fokus auf die 25- bis 35-Jährigen

Die Macher der Studie empfehlen den Kirchen dabei, sich vor allem um die Altersgruppe der 25- bis 35-jährigen zu kümmern. Denn gerade in der Gruppe der Berufs- und Familieneinsteiger ist die Austrittshäufigkeit mehr als doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Wenn es ihnen nicht gelingt, diese Gruppe verstärkt zu binden, werden die Kirchen noch mehr als heute zu Kirchen der Alten werden.

"Die Kirchen wollen die Erkenntnisse der Studie nutzen, um sich langfristig auf Veränderungen einzustellen", betonten Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx.

"Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten", ergänzte Marx. Bedford-Strohm erklärte, die Menschen müssten "wieder stärker spüren, welche Kraft von der Botschaft Jesu Christi ausgeht". Ziel sei es, "dass wir als Kirche so einladend und gewinnend sind, dass die Menschen gern bei uns mitmachen wollen".

Ruf nach Reformen

Die Initiative "Wir sind Kirche" nannte die Prognosen "äußerst alarmierend" und rief die Kirchenleitungen auf, "dem schleichenden Rückgang der Mitgliederzahlen unverzüglich aktiv und positiv entgegenzutreten". Es reiche nicht aus, sich nur langfristig auf Veränderungen einzustellen. Vor allem die römisch-katholische Kirche müsse auch ihre Strukturen verändern. (Ludwig Ring-Eifel/kna)


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