Tagung über Spiritualität der Zukunft Suchbewegungen

24.05.2017

Religiöses Leben in Deutschland ist vielfältiger geworden. Viele Christen nutzen Spiritualitätsformen anderer Religionen. Die schließen sich aber nicht aus, sondern ergänzen sich.

Spiritualität durch Meditation © Fotolia

München – Es ist mucksmäuschenstill. Ruhig sitzen die Teilnehmer im Workshop „Christliche Kontemplation als Meditationsweg und Lebenskultur“, den Günther Lohr bei der Tagung „Spiritualität der Zukunft – Suchbewegungen in einer religiös pluralen Welt“ anbietet. Der Leiter der Abteilung Spiritualität im Erzbischöflichen Ordinariat lässt erst einmal alle auf dem Sitzkissen ankommen. Dann lädt er ein, gemeinsam einen Text von Fridolin Stier zu lesen. Danach sollen sie alle 20 Minuten still und aufgerichtet sitzen, an möglichst wenig denken, beim Atmen bleiben. Der Rücken mag zwacken oder der Fuß einschlafen, aber die Stille tut gut. Günther Lohr erklärt Grundzüge christlicher Kontemplation und lädt zum Austausch über das Erlebte ein. Nach dem gemeinsamen Üben hat sich etwas verändert. Die Teilnehmer hören einander aufmerksam zu. Mancher Satz wird von einem Lächeln begleitet.

Auch aus den sieben anderen Workshops, in denen es unter anderem um Themen wie Yoga und Christentum, Achtsamkeit als säkulare Spiritualität oder interreligiöses Pilgern geht, kommen sichtbar zufriedene Menschen. „Ich denke, dass man sich ohne praktische Erfahrungen gar nicht über Spiritualität der Zukunft zu unterhalten braucht“, meint eine Teilnehmerin. Dass der Mensch an sich spirituell ausgerichtet ist, scheint für die meisten der 130 Teilnehmer als Tatsache festzustehen. Sie selbst beschäftigen sich als pastorale Mitarbeiter, Religionslehrer, Ordensangehörige oder Studierende eines einschlägigen Fachs intensiv mit dem Thema und bewegen sich in einem ähnlichen Umfeld.

Doch es gibt relativ viele Menschen, die sich keine Gedanken über Gott oder ein höheres Wesen machen. Diese etwas schmerzliche Botschaft vermittelt Detlef Pollack, Professor für Soziologie an der Universität Münster. Dabei gibt es immer noch große Unterscheide zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands. Während 62 Prozent der Westdeutschen entweder an einen persönlichen Gott glauben (25 Prozent) oder an „eine höhere Macht“ (37 Prozent), sind dies im Osten zusammen nur 28 Prozent. Für alle westlichen Länder bis auf die USA lässt sich der Trend belegen, dass immer weniger Menschen an einen persönlichen Gott glauben, während immer mehr „eine höhere Macht“ für wahrscheinlich halten.

Die Theologin, Philosophin und Autorin Katharina Ceming empfindet für die religiösen Wurzeln von Spiritualität Wertschätzung. Mystiker seien in ihre jeweilige Tradition eingebettet gewesen. Ziel von Spiritualität sei früher Erlösung, Heil oder Gottesbegegnung gewesen. „Heute geht es oft einfach um Entschleunigung, wenn Menschen meditieren“, betont Ceming. „Doch es ist nichts Schlechtes, wenn Menschen sich und ihre
Bedürfnisse ernst nehmen.“ Religionen seien gut beraten, wenn sie dies den Gläubigen zugestehen. Kirchlich gebundene Suchende hätten heute vielfach eine Haltung eines „heilsamen Synkretismus“, indem sie ihrem Glauben Überzeugungen oder Techniken aus anderen Traditionen anfügten und für sich umdeuteten. „Spiritualität darf nicht konserviert werden. Wir können nicht alles aus einem früheren Kontext übernehmen“, meint Ceming.

Braucht Spiritualität Institutionen? Diese Frage beantwortet zunächst Marianus Bieber, Benediktinermönch und Abt von Kloster Niederalteich. „Das Kloster ist für mich ein Schulungsraum für die Übung der Gottessuche“, erläutert er. Zwar suche jeder Mönch für sich Gott, aber die Gemeinschaft und der geregelte Tagesablauf nach der Regel des heiligen Benedikt unterstützten ihn dabei und korrigierten auch einseitige Entwicklungen. Während früher alles sehr streng geregelt gewesen sei, seien auch Benediktinerklöster heute viel individualisierter. „Ich verwende gerne das Bild eines Geländers für das Kloster“, führt Bieber aus. „Der Einzelne muss seinen Rahmen selbst ausfüllen.“

Andreas de Bruin, Professor für Angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München, berichtet schließlich vom „Münchner Modell“, nach dem Studierende seit 2010 Meditation erlernen und dafür auch ein Zertifikat erhalten. De Bruin, der als Katholik in Holland aufgewachsen ist, meditiert selbst seit 1991 regelmäßig. „Meditation ist für mich die Brücke nach innen, zur Kontemplation“, bekennt er. „Ich bin sehr für Tradition. Religion zusammen mit Meditation trägt weiter als entkoppelte Meditation“, ist de Bruin überzeugt. Bisher haben 1.300 Studenten ein Semester lang unter seiner Anleitung das Meditieren erlernt. „Das ist eigentlich wenig. Aber trotzdem hilft es ihnen dabei, eigene Projekte zu realisieren wie etwa Achtsamkeitsübungen mit hyperaktiven Kindern. Ihn freue diese Tagung sehr, die vom Erzbischöflichen Ordinariat unter anderem in Zusammenarbeit mit der Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese veranstaltet und vom Sankt Michaelsbund als Medienpartner begleitet wurde. „Vielleicht können wir daraus eine andere Welt entstehen lassen?“ (Gabriele Riffert)


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