Digitalisierung Tablets sind keine Selbstläufer

16.10.2019

Tablet-Klassen sollen den digitalen Wandel im Klassenzimmer einläuten. Ein schwieriger Prozess, wie der Erfahrungsbericht der 13jährigen Luise zeigt.

Hausaufgaben auf dem Touchscreen sind für Luise Schulalltag. © SMB/Hasel

München – Wer gedacht hat, dass mit dem im Frühjahr beschlossenen Digitalpakt nun einfach an allen Schulen die digitalen Kassenzimmer Realität würden, hat die Rechnung ohne Lehrer, Eltern und Schüler gemacht. Denn die müssen jeweils für ihre Schulform herausarbeiten, welche Formen von digitalem Lernen sinnvoll sind. Einfach Tablets anschaffen und loslegen genügt nicht. Hinter den „Tablet-Klassen“ steckt letzten Endes ein komplett neues pädagogisches Lernkonzept, das jede Schule eigenständig erarbeiten muss. Und das ist oft schwierig und verbunden mit einem jahrelangen Entwicklungsprozess. Angefangen bei den Lehrern, von denen manche die „Tablet-Klassen“ auch skeptisch sehen, bis hin zu den besorgten Eltern. Da hat man es zuhause vielleicht gerade geschafft, die WLAN-Nutzungszeiten der Kinder beim Smartphone zu kontrollieren, kommen auch schon die Tablets hinzu, mit denen die Schüler nun jederzeit unkontrolliert Zugriff auf das Internet haben.

Online-Spiele lenken ab

Auch die Eltern von Luise T. haben auf das neue Tablet ihrer Tochter eher genervt reagiert. Mitte der siebten Klasse wurde die Münchner Realschülerin damit ausgestattet. Jetzt ist die 13-Jährige in der achten Jahrgangsstufe und wird noch bis Schuljahresende auf ihrem Touchscreen mit Hilfe von verschiedenen Apps Schulaufgaben erledigen. Manchmal nehmen ihr die Eltern das Tablet einfach weg, damit sie auch mal andere Sachen macht, erzählt Luise. Sie kann das durchaus verstehen, denn das Tablet verführe sie einfach dazu, Dinge zu machen, die nichts mit der Schule zu tun haben. Am meisten lenkten die Online-Spiele ab, verrät Luise. Die würden sogar im Unterricht gespielt, da reiche es schon, beim Nachbarn nur zuzuschauen, um geistig abwesend zu sein.

Um dieser „großen Gefahr“ zu entgehen, benutze Luise das Tablet nur, wenn es Pflicht sei. Sie probiere, so viel wie möglich im alten Stil auf Papier zu schreiben. Das ist möglich, weil das Lernen in einer „Tablet-Klasse“ nicht automatisch dazu führt, dass Füller, Hefte und Schulbücher plötzlich abgeschafft sind. Letztlich hänge es vom Lehrer ab, ob der Unterricht analog oder digital verläuft. Und auch ein Mix aus beidem sei durchaus an der Tagesordnung, erklärt die Realschülerin. Französisch, Englisch, Mathematik und Physik seien derzeit die Fächer, in denen das Tablet gefragt sei.

Tablet fördert eigenständiges Lernen

Und wenn auch die Ablenkung ein Problem ist gibt es auch Vorteile, die Luise beim Arbeiten mit dem Tablet schätzen gelernt hat. Das sind zum Beispiel die Lernvideos, die man mit Hilfe einer App selbstständig kreieren kann. Heraus kämen Clips, die verständlicher seien, weil man sie selber gemacht habe. Das schaffe ein Stück Unabhängigkeit vom Lehrer, der den Stoff manchmal nicht so gut erkläre, meint Luise. Trotzdem wird die Jugendliche wohl keine Tränen vergießen, wenn sie im kommenden Schuljahr beim Büffeln wieder ohne Tablet unterwegs ist. „Es ist zwar eine gute Erfahrung, aber ich wäre glücklicher, wenn ich nur analog arbeiten könnte“, lautet Luises vorläufiges Fazit nach ein paar Monaten „Tablet-Klasse“.

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Beitrag Luises Tablet-Klasse

Münchner Kirchenradio

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de


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