Advent in Bad Reichenhall Tägliche Lichtblicke im langen Lockdown

05.12.2020

Die Nikolaussäule am Kirchplatz schmückt ein sogenannter „Wichernkranz“. Dabei handelt es sich um die Urform des Adventskranzes.

Lichter am "Wichernkranz"
Die Lichter am "Wichernkranz" werden in Bad Reichenhall täglich entzündet. © Kiderle

Bad Reichenhall – „Die Menschen, die hier im Berchtesgadener Land schon einen so langen Lockdown haben, sollen auch wieder mal Lichtblicke auf Weihnachten hin erleben.“ Das ist der persönliche Wunsch von Christian Weiser, Kirchenpfleger von St. Nikolaus in Bad Reichenhall, für ein ganz besonderes Adventsprojekt. Ein sogenannter „Wichernkranz“ schmückt die Nikolaussäule am Kirchplatz. Tag für Tag wird hier um 17 Uhr eine weitere Kerze entzündet.

Urform des Adventskranzes

Gemeindefererentin Gabi Angerer von der Katholischen Stadtkirche hat dieses Open-Air-Angebot mit Unterstützung der Kirchenverwaltung organisiert. „Viele Leute haben danach gefragt, ob es wieder so was gibt wie im Vorjahr die ,Sternstunden‘“, erzählt sie. So entstand noch vor dem zweiten Lockdown die Idee, sich jeden Tag unter einem „Wichernkranz“ zu treffen.

Diese Urform des Adventskranzes geht auf den evangelischen Theologen, Sozialpädagogen und Gefängnisreformer Johann Hinrich Wichern (1808–1881) zurück. Er gründete in Hamburg das „Rauhe Haus“ für bedürftige, heimatlose und verhaltensauffällige Kinder. Als ihn die Kinder immer wieder fragten, wann endlich Weihnachten sei, hängte er dort 1839 ein Wagenrad mit Kerzen für jeden Tag im Advent auf. Für die Sonntage gab es große Lichter, für die Wochentage kleine. Dieser Brauch verbreitete sich schnell in kirchlichen Gemeindehäusern, Kinderheimen und Schulen. Daraus entstand letztlich auch der beliebte „Adventskalender“. Beim heute üblichen grünen Kranz ist die Zahl der Lichter auf die vier Adventssonntage reduziert. Inzwischen feiert der Wichernkranz vielerorts eine Renaissance – etwa in Lüneburg, wo er auf dem Wasserturm thront. Für Kindern und Familien in Not kann man ihn zum Leuchten bringen.

Extra-Programm für Kinder und Familien

In Bad Reichenhall wurde ein etwa 60 Kilo schwerer Kranz aus gerostetem Stahl an der Nikolaussäule befestigt. Er hat einen Durchmesser von knapp 1,80 Metern. Beim täglichen Entzünden der nächsten Kerze um 17 Uhr läuten die Glocken. Es werden Adventslieder gesungen, man betet miteinander, es werden Texte und Geschichten vorgetragen. Wer mag, kann eigene Ideen einbringen. Samstags sind die „Lichtblicke“ auf Kinder und Familien zugeschnitten.

Weiser und Angerer freuen sich, die Menschen so in dieser Zeit der Isolation nicht nur zum Kraft spendenden Innehalten, sondern auch zum Rausgehen und Sich-Treffen einladen zu können. Die Abstands- und Hygienerichtlinien werden natürlich eingehalten – aber das ist auf dem großzügigen Platz kein Problem. (Veronika Mergenthal, die Autorin ist freie Mitarbeiterin der Münchner Kirchenzeitung)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent & Weihnachten

Das könnte Sie auch interessieren

Kamera für die Übertragung eines Livestreams
© Herr Loeffler - stock.adobe.com

Livestream-Gottesdienst mit Marx und Bedford-Strohm an Heiligabend

Statt im Englischen Garten, feiern der Münchner Kardinal und der evangelische Landesbischof in der Jugendkirche "Vom guten Hirten" einen Gottesdienst. Viele Besucher wird es nicht geben.

17.12.2020

Krippe mit Stroh
© jchizhe - stock.adobe.com

An Weihnachten soll das Jesuskind weich liegen

In der Adventszeit gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Wartezeit auf das große Fest sichtbar zu machen. Der Adventskalender ist dabei ein Klassiker. Eine Alternative dazu ist der Brauch des...

04.12.2020

Eine Toposa-Frau im Südsudan überreicht einen Hahn als Gastgeschenk.
© imago images/blickwinkel

Nikolaus, Weihnachten, Potlatch Die Kultur des Schenkens ist vielfältig

Geben und Nehmen sind oft eine kulturelle Herausforderung mit vielen Fallstricken. Für die ethnologische Wissenschaft ist Schenken eine vielschichtige und sensible Angelegenheit.

04.12.2020

Blick über Berchtesgaden mit Pfarrkirche St. Andreas und Stiftskirche St.Peter
© imago images / imagebroker

Gottesdienste trotz Corona-Maßnahmen

Zwei Wochen wird das öffentliche Leben in Berchtesgaden komplett runtergefahren. Für die Einwohner eine Extremsituation. Wie reagiert die Kirche vor Ort?

20.10.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren