Architektur Technische Finesse im Kirchturm

09.06.2020

Kirchenbauten waren und sind bis heute oft auch technische Vorreiter. Das zeigen fünf Beispiele aus dem Erzbistum München und Freising.

Innenraum von St. Josef
Architekt Eberhard Wimmer hat Nachhaltigkeit beim Neubau von St. Josef in Holzkirchen ernst genommen. © Kiderle

Viel Phantasie und wenig Energie - St. Josef in Holzkirchen

Nachhaltigkeit – ein Schlüsselwort der Debatten zum Klimawandel. Der Architekt Eberhard Wimmer hat das auch beim Neubau von St. Josef in Holzkirchen ernst genommen. Dieser besteht fast nur aus Fichtenholz. Es ist nicht nur billiger als andere Baumaterialien und wächst wieder nach, sondern eignete sich auch am besten für die eleganten Rauten, die in zehn Ringen nach oben wachsen. Die Kirche hat die Form eines ovalen Kegels mit gekappter Spitze. Dadurch entsteht eine Aufwinddynamik, die den Raum ständig durchlüftet. Geheizt wird die Kirche mit schadstofffreier Erdwärme. Die teilweise begrünten Dachflächen binden CO2. Ein zeitgenössisches Gotteshaus, in dem sich die Gläubigen mit gutem ökologischen Gewissen wohlfühlen dürfen.

Holzkonstruktion ohne Eisennagel - St. Johann Baptist und Heilig Kreuz in Westerndorf bei Rosenheim

Wie ein orientalischer Traum vorm Wendelstein steht die mächtige Kuppel der ehemaligen Wallfahrtskirche in der oberbayerischen Wiesenlandschaft. Ihr Durchmesser beträgt 20 Meter und in demselben Maß ragt sie auch in die Höhe. Es gibt in ganz Europa kaum eine vergleichbare Konstruktion dieser Größe. Zapfen, Verstrebungen und Holzstifte halten die Balken des Dachstuhls zusammen. Metallklammern oder Eisennägel brauchte der Zimmerermeister nicht, bei dem es sich möglicherweise um den ortsansässigen Georg Kinner handelt, der dieses Werk um 1690 nach den Plänen des Architekten Konstantin Bader geschaffen hat. Vier Pfeiler tragen die Kuppel, die ursprünglich mit leichten Holzschindeln und heute mit Schieferplatten gedeckt ist.

18.000 Tonnen auf 5.000 Pfählen - St. Martin in Landshut

Beim höchsten Backsteinturm der Welt machen schon die nackten Zahlen die enormen technischen Herausforderungen deutlich. Rund 130 Meter ist er hoch, 1,86 Millionen Ziegel haben die Maurer Ende des 15. Jahrhunderts dafür verbaut. Geschätzte 18.000 bis 19.000 Tonnen ist das Landshuter Wahrzeichen schwer. Damit dieser Gigant nicht im Schwemmgrund der nahen Isar versinkt, haben die Architekten im ausgehenden Mittelalter 5.000 Pfähle aus Tannenholz in den Boden rammen lassen. Als durch die modernen Flussregulierungen der Grundwasserspiegel sank und Luft an die sogenannte Bürste kam, begannen die Stämme zu faulen, die fast ein halbes Jahrtausend lang den Turm getragen hatten. Nun war eine weitere meisterhafte Ingenieurleistung nötig: Der Turm bekam Ende der 1970er Jahre ein neues Fundament aus Beton.

Gotteshaus aus Fertigteilen - St. Birgitta in Unterhaching

Unverkleidete Betonwände und -decken sind nicht jedermanns Geschmack. In St. Birgitta gehören sie zum Bauplan. Das Gotteshaus besteht weitgehend aus vorfabrizierten Fertigteilen. Innerhalb von zwölf Tagen waren sie aufgestellt. Von der Grundsteinlegung im September 1970 bis zur Weihe verging nicht einmal ein Jahr. Die grauen, teilweise mit Farbfeldern versehenen Wände bilden einen starken Kontrast zu den knallroten Stuhlreihen, die in der Gemeinde anfangs für Unverständnis sorgten. Sie lassen sich als Pfingstsymbol deuten. Die ganze Gemeinde erfährt das Feuer des Heiligen Geistes. Schon in den 1930er Jahren hat das Bonifatiuswerk preiswerte Fertigteilkirchen aus Holz für die Diaspora in Auftrag gegeben. Im Kirchenbau-Boom der Nachkriegsjahre griffen vor allem die Diözesen Stuttgart und Hildesheim die Idee auf. Im Erzbistum München und Freising sind solche Gotteshäuser selten.

Historischer Stil, neues Material - St. Rupert im Münchner Westend

Gabriel von Seidl war um 1900 ein Star unter den deutschen Architekten, der in Bremen genauso baute wie in Brandenburg. Am meisten aber in München, wo er viele repräsentative Aufträge bekam: das Bayerische Nationalmuseum, das Rondell am Stachus oder das Deutsche Museum. Seidl errichtete seine Bauten stets im historischen Stil, aber mit den modernsten Mitteln. So hielt er es auch mit St. Rupert. Dort überspannte er die Kirche mit einem Dachstuhl aus Eisenträgern. Ein Material, mit dem er sich als gelernter Schlosser und Ingenieur auskannte. Von dieser Konstruktion hängte er sogenannte Rabitzdecken ab, die gerade erst patentiert worden waren. Dabei werden auf ein feines Metallgitter Putz und Mörtel aufgetragen. Dieser sogenannte Drahtputz war natürlich billiger als andere Decken. Und Seidl musste sparen: Das Gotteshaus im stark anwachsenden Stadtteil Westend sollte zwar groß sein, durfte aber nicht viel kosten.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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