Pilgern Teil des Universums werden

29.05.2018

Die frühere Familienministerin Christine Bergmann ist mit ihrem Enkel den Jakobsweg gegangen. Warum sie das getan hat und was sie dabei erlebt hat, schildert sie in einem Buch.

Christine Bergmann mit ihrem Enkel Julius auf dem Jakobsweg
Christine Bergmann mit ihrem Enkel Julius auf dem Jakobsweg © privat

"Über uns ein unendlicher Sternenhimmel, hinter uns geht langsam die Sonne auf. Es ist unglaublich. Ich fühle mich als Teil des Universums. Aufgehoben. Die Seele wird weit, kein Zeh tut weh, kein Rucksack drückt.“ So beschreibt die frühere Familienministerin und Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, eine ihrer Sternstunden auf dem Jakobsweg. Sie hat die mehr als siebenhundert Kilometer lange Strecke von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela vor zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Enkel Julius zu Fuß zurückgelegt und ein Buch darüber veröffentlicht. Julius und sie hätten sich schon immer gut verstanden und die intensiven Gespräche und gemeinsamen Erlebnisse auf dem Jakobsweg hätten sie noch stärker verbunden, erzählt die Endsiebzigerin mit den blond gefärbten kurzen Haaren.

Den Verlust des Partners verarbeiten

Dass sie die mit dem Pilgern verbundenen Strapazen – Hüftschmerzen, zahlreiche Blasen an den Füßen und vier verlorene Zehennägel – auf sich genommen hat, begründet die SPD-Politikerin damit, dass sie nach dem Tod ihres Ehemannes Volker „ganz bewusst für ein paar Wochen aus dem normalen Leben raus wollte“. Um den Verlust ihres Partners zu verarbeiten, nahm sie einen Stein von dessen Grab mit und legte ihn am „Cruz de Ferro“, einem Eisenkreuz am höchsten Punkt des Jakobswegs, nieder. Und sie entzündete in jeder Kirche auf dem Weg eine Kerze für alle Parkinsonkranken – schließlich hatte ihr Mann an dieser Krankheit gelitten. Außerdem wollte die Sozialdemokratin herausfinden, was ihr politisches Engagement „mit mir gemacht hat“. Dabei hat sie zum Beispiel festgestellt, dass sie heute über vieles lachen kann, was sie als Ministerin schlucken musste, zum Beispiel wegen ihres Eintretens für eine Kinderbetreuung unter Dreijähriger.

Gemeinschaft mit Gleichgesinnten

Während des Pilgerns wollte sich Christine Bergmann auch klar werden, wie die „Restlaufzeit“ ihres Lebens aussehen könnte. Für die kommenden Jahre fasste sie den Entschluss, öfter einmal Nein zu sagen und sich genau zu überlegen, wofür sie sich noch einsetzen möchte. Konkret erwägt die 78-Jährige, in die Hospiz-Arbeit einzusteigen. Für andere engagiert hat sich Christine Bergmann seit ihrer Jugend. Obwohl der Glaube in ihrem Elternhaus kaum eine Rolle spielte – der Vater war kein Kirchenmitglied, die aus dem Sudetenland stammende Mutter zum Protestantismus konvertiert – wurde Christine 1953 konfirmiert. Den 65. Jahrestag begeht sie am kommenden Sonntag bei einem Gottesdienst in ihrer Dresdner Heimat. Als Heranwachsende fühlte sie sich in der „Jungen Gemeinde“ und später in der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig „in jeder Hinsicht zu Hause“. Dort lernte sie zu DDR-Zeiten nicht nur, Sitzungen zu leiten und eine eigene Meinung zu vertreten – also Fähigkeiten, die sie später in der Politik gut gebrauchen konnte. Sie schätzte auch die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, die sich etwa im Herbst 1989 in der Berliner Gethsemanekirche gegenseitig ermutigten, gegen das Regime zu protestieren.

Zwiesprache mit Gott halten

Christine Bergmann gibt ihr Glaube zudem das Vertrauen, dass sie im richtigen Augenblick die nötige Hilfe erhalten werde, ähnlich, wie es der evangelische NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer formuliert hat: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.“Heilige wie Jakobus sind ihr als Vermittler dabei durchaus sympathisch, auch wenn sie klarstellt: „Als Protestantin brauche ich das nicht.“ Die „Vorstellung, dass ein Engel ein Kind begleitet“ ist für die zweifache Mutter ebenfalls „wunderbar“, weshalb sie zur Geburt oder Taufe gerne einen Bronze-Engel verschenkt. Selbst glaubt sie allerdings nicht an solche geflügelten Wesen, sondern sieht sie als Symbole für den Schutz Gottes.

Gespräche mit anderen Gläubigen

Gern sucht sie Kirchen auf – auf dem Jakobsweg haben es ihr besonders die schlichten romanischen Gotteshäuser angetan –, weil sie darin ruhig wird, Zwiesprache mit Gott halten kann und danach getröstet und gestärkt wieder herauskommt. Auch Gottesdienste weiß die evangelische Christin zu schätzen: „Ich kann mir nicht vorstellen, an einem Karfreitag oder an Ostern nicht in einen Gottesdienst zu gehen.“ Neben den Bibeltexten und der Predigt, die sie bei diesen Feiern hört, sind es die anschließenden Gespräche mit anderen Gläubigen, die ihr Halt geben.
Auch auf dem Jakobsweg hat sie gern Gottesdienste besucht, nicht zuletzt am Ziel: Gleich zweimal feierte sie die Pilgermesse in der Kathedrale von Santiago mit. Die Kommunion hat sie sich dort allerdings nicht reichen lassen, „weil ich mich immer darüber ärgere, dass ich nicht eingeladen werde“, sagt die Witwe eines katholischen Mannes. Aus ihrer Sicht ist es „an der Zeit“, dieses Sakrament für beide Partner in einer konfessions-verschiedenen Ehe zu öffnen. Den „Widerstand“, den manche katholische Bischöfe derzeit dagegen leisteten, könne sie „nicht nachvollziehen“.

Vom "Pilgervirus" gepackt

Überhaupt tut sich die Frauenpolitikerin mit der katholischen Kirche schwer, weil Frauen in ihr – von Maria abgesehen – eine „sehr untergeordnete Rolle“ spielten. Christine Bergmann dagegen ist überzeugt: „Wenn die Kirche weiblicher wird, wird sie menschlicher.“ Auch wenn es der Protestantin manchmal schwerfällt, an einen gütigen Gott zu glauben, etwa wenn Missbrauchsopfer erzählen, wie sie als Kinder über Jahre von mehreren Erwachsenen sexuell ausgebeutet wurden, hofft und glaubt sie, „dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist“. Sie schränkt jedoch ein: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein könnte.“ Vielleicht, fügt sie dann noch hinzu, wie unter dem Sternenhimmel auf dem Jakobsweg, als sie das Gefühl hatte: „Du kommst jetzt in eine andere Welt, in ein anderes Universum.“ Im Herbst möchte sie aber mit einer Freundin erst einmal einen weiteren irdischen Weg gehen – den Franziskusweg von Florenz nach Assisi. Schließlich, so meint die promovierte Apothekerin, habe sie auf dem Jakobsweg das „Pilgervirus“ gepackt.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

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