Märtyrer im Erzbistum Tod in den letzten Kriegstagen

28.04.2015

In den letzten Kriegstagen wurden vor 70 Jahren vom NS-Terrorregime noch zahlreiche Menschen ermordet, die ihre mutige Überzeugung und ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten. Unter ihnen der Pfarrer Josef Grimm, der Hauptschullehrer Georg Hangl, Harald Dohrn und Hans Queke.

Grimm/Hangl-Denkmal in Götting (Bild: Sven Petersen/Wikipedia)

Pfarrer Josef Grimm und Hauptschullehrer Georg Hangl:

Kurz vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes wurden in Götting, damals noch ein kleines Bauerndorf in der Nähe von Bad Aibling, der Ortsgeistliche Pfarrer Josef Grimm (geboren 1900) und der Hauptschullehrer Georg Hangl (geboren 1889) von einem SS-Kommando erschossen. Grimm, ohnehin ein Gegner des Regimes, folgte einem Aufruf der „Freiheitsaktion Bayern“ über die Sender Erding und Freimann des Bayerischen Rundfunks, die weiß-blaue Fahne zu hissen. Er holte zusammen mit dem Dorflehrer Hangl die von SS-Leuten auf dem Kirchturm angebrachte Hakenkreuzfahne herunter und pflanzte die bayerische Fahne auf. Dafür übernahmen beide Männer nach dem Scheitern der Freiheitsaktion die Verantwortung, um die Rache der SS-Schergen von der Ortsbevölkerung abzuwenden.

Pfarrer Grimm wurde am Nachmittag des 28. April 1945 gegen 16 Uhr von drei SS-Leuten im Pfarrhaus St. Michael aufgesucht und kurz verhört. Er hielt dabei dem Kommando unerschrocken Hitlers Unrecht gegen Gott und die Menschen vor. Die SS wollte den Geistlichen angeblich noch „nach Salzburg“ bringen. Die Fahrt ging aber Richtung Irschenberg in ein Waldstück oberhalb Unterleiten (nahe Götting). Dort schlugen die Männer Grimm brutal die Zähne ein, rissen ihm die Fingernägel und die Zunge heraus, bevor sie ihn durch zwei Genickschüsse töteten. Seine Leiche verscharrten sie in einem Graben.

Am Abend des selben Tags suchten andere SS-Leute Georg Hangl auf. Als dieser sich weigerte, deren Fahrzeug zu besteigen, provozierte die SS einen Fluchtversuch und erschoss den Lehrer auf offener Straße. Beiden „Verrätern“ wurde ein kirchliches Begräbnis seitens der Nazis versagt. Am 2. Mai 1945 wurde Götting den Amerikanern kampflos übergeben, tags darauf konnten die beiden Männer unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt werden.

Der Mörder, Untersturmführer Josef Cornel Franz Bachot, wurde Ende Mai 1961 verhaftet und stand 1963 in Traunstein vor Gericht. Der Staatsanwalt forderte zweimal lebenslänglich. Bachot wurde lediglich zu sieben Jahren Freiheitsentzug wegen Totschlags an Pfarrer Grimm verurteilt. Im Fall Hangl wurde er gar freigesprochen. Schließlich wurde die Strafe durch Revision auf drei Jahre reduziert, weil ein Befehlsnotstand nicht ausgeschlossen werden konnte. Diese Strafe war durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt und Bachot verließ den Gerichtssaal als freier Mann. Dieses gerichtliche Verfahren und das anschließende Urteil wurden seinerzeit als skandalös empfunden. In Götting erinnern Straßen an Grimm und Hangl, seit dem Jahr 2009 auf dem örtlichen Friedhof auch ein Denkmal des Künstlers Rudi F. Wenger, das die Kirchenstiftung zum 1.200-jährigen Bestehen der Ortschaft in Auftrag gegeben hatte.

Im Münchner Stadtteil Untermenzing gibt es ebenfalls eine Pfarrer- Grimm-Straße und eine nach ihm benannte Schule. 1935 hatte Grimm hier die damals neugegründete Pfarrei St. Martin an der Eversbuschstraße, die damals noch „Adolf-Hitler-Straße“ hieß, übernommen und im Pfarrhaus an der ehemaligen Schulstraße gewohnt.

Harald Dohrn und Hans Quecke:

Der 29. April 1945 wurde zum Todestag des Gutsbesitzers Harald Dohrn (geboren 1885), Schwiegervater von Christoph Probst, einem Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, und seines Schwagers Ministerialrat Hans Quecke (geboren 1901). Beide hatten sich öffentlich zum Aufruf der „Freiheitsaktion Bayern“ bekannt und wurden denunziert. Der bis zuletzt wegen seiner Grausamkeit gefürchtete Münchner Gauleiter Paul Giesler ließ noch in den letzten Kriegstagen über 150 Bürger, die ihre Sympathie mit der Freiheitsaktion bekundet hatten, festnehmen. Dohrn und Quecke waren darunter.

Unmittelbar vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurden die meisten Gefangenen im Hinterhof des Zentralministeriums in der Ludwigstraße, dem Sitz des Gauleiters, oder in seinem Bunker ermordet. Die letzten Opfer fuhr man gar mit einem Laster hinaus an eine einsamen Stelle des Perlacher Forstes. Dohrn und Quecke waren bei dem Todestransport dabei. Im Wald wurden sie systematisch von einem Exekutionskommando mit Genickschüssen umgebracht. Die Leichen ließen die Mörder einfach liegen, sie wurden erst drei Wochen später aufgefunden und im Friedhof am Perlacher Forst als „unbekannt“ beerdigt. Nur Dohrn und Quecke konnten identifiziert werden. (flo/wr/wü)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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