Grabgestaltung Tomaten auf dem Grab?

29.09.2017

In Neuburg an der Donau wurde darüber diskutiert, ob man auf einem Grab Tomaten pflanzen dürfe. Die Enkelin wollte so an ihre gartenbegeisterten Großeltern erinnern. Zu Recht, meint Max Kronawitter.

Mit der Grabesruhe lässt sich eine auf Ertrag gerichtete Bepflanzung kaum vereinbaren.
Mit der Grabesruhe lässt sich eine auf Ertrag gerichtete Bepflanzung kaum vereinbaren. © Fotolia/Ingo Bartussek

In einer Dorfkirche steht der Stumpf eines alten Birnbaums. Er erinnert an eine Kuriosität, die dem kleinen Ort Ribbeck zu Berühmtheit verholfen hat. Theodor Fontane hat sie in seinem Gedicht „Herr Ribbeck von Ribbeck im Havelland“ überliefert. Er beschreibt darin einen Gutsbesitzer, der alljährlich im Herbst Kinder mit Birnen beschenkt. Als sein Tod naht, bittet er seinen geizigen Sohn, ihm eine Birne ins Grab zu legen. Bald wächst auf dem Grabhügel ein mächtiger Baum und stellt sicher, dass die Kinder des Dorfes weiterhin Birnen bekommen.

„Ein Friedhof ist kein Schrebergarten“

Dieses Gedicht meiner Schulzeit ist mir in den Sinn gekommen, als ich kürzlich von einem seltsamen Streit gehört habe. In Neuburg an der Donau gab es eine Kontroverse über die Frage, ob man auf einem Grab Tomaten pflanzen darf. Eine Stadträtin hatte sich mit dem Argument „Ein Friedhof ist kein Schrebergarten … Die Nächste baut dann Radieschen an“ dagegen ausgesprochen. Sie wurde überstimmt. Die Tomaten auf dem Friedhof, mit denen die Grabbesitzerin an die gartenbegeisterten Großeltern erinnern wollte, durften bleiben.

So abwegig ist der Protest der Stadträtin freilich nicht. Wer keinen eigenen Garten hat, könnte den Grabhügel der Familie tatsächlich als Alternative zum Gemüsebeet auf dem Balkon entdecken. Warum nicht – wenn man ohnehin regelmäßig ein Grabbesucht – das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden? Ist es pietätlos, wenn Essbares auf einem Grabhügel gedeiht?

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher.
Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Ist Essbares auf einem Grabhügel pietätlos?

Auf solche Anfragen werden sich wohl künftig mehr Friedhofsverwaltungen einstellen müssen. Vielleicht kann ein makabrer Witz eine Antwort geben: Eine Witwe verfügt, die Asche ihres Mannes nicht in eine Urne, sondern in eine Sanduhr einfüllen zu lassen. Gefragt nach dem Grund, meint sie: „Der soll auch mal was arbeiten!“

„Herr, lass sie ruhen in Frieden“

Die Rache an dem offenbar zeitlebens faulen Ehemann ist das Gegenteil dessen, was wir den Verstorbenen zugestehen: „Herr, lass sie ruhen in Frieden“ beten wir am offenen Grab. Mit der Grabesruhe lässt sich eine auf Ertrag gerichtete Bepflanzung deshalb kaum vereinbaren. Sollten die Pflanzen aber – wie beim Herrn Ribbeck – ausdrücken, wie sehr das Leben des Verstorbenen selbst Früchte gebracht hat, dann könnten sie durchaus zur Friedhofskultur beitragen. (Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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