Stephanskirchner unterstützen Bedürftige „Torte-am-Brett“-Aktion

20.04.2018

Einfach mal kurz in ein Café setzen und einen Cappuccino trinken. Für viele ist das gar nicht so einfach: Wenn die Rente gering ist oder man von Hartz IV abhängig ist, dann müssen ein paar Euro für den Genuss schon gut überdacht sein...

Café-Inhaber Michael Scholl am Tresen
Café-Inhaber Michael Scholl am Tresen © SMB/Fleischmann

Stephanskirchen – Wer das Café "Altbacken" am Schlossberg in Stephanskirchen bei Rosenheim betritt, dem fällt es eigentlich gleich auf. Auf dem Tresen steht ein hübsch hergerichtetes Holzbrett, das mit Haken versehen ist. Daran hängen zahlreiche Belege über gekaufte Espressi, Butterbrezen oder Tortenstücke. Die Idee dahinter: Bedürftige können sich einen dieser Zettel nehmen und dann kostenlos einlösen. Ein kleiner Genuss für zwischendurch – ziemlich einfach, ziemlich genial.

Eine Idee spricht sich rum

Organisator Sebastian Kiesser kommt aus Stephanskirchen und studiert derzeit in München. Da gibt es eine ähnliche Aktion, die den jungen Mann begeisterte. Er nahm die Idee mit in den Stephanskirchner Pfarrgemeinderat, der das Ganze im Dezember 2017 startete. In Stephanskirchen und Rosenheim machen jetzt Friseure, Metzgereien, Bäckereien und Cafés mit. Dann heißt die Aktion mal „Fleisch am Brett“, „Wellness am Brett“ oder eben „Torte am Brett“, wie im Falle von Michael Scholls Café Altbacken. „Wir haben so viel und können der Gesellschaft ruhig auch mal was zurückgeben“, sagt Scholl, „am Anfang hat die Aktion kaum jemand angenommen, jetzt läuft’s aber richtig gut.“

Das Brett der "Torte am Brett"-Aktion
Das Brett der "Torte am Brett"-Aktion © SMB/Fleischmann

Das Problem mit dem Outing

Das Hauptproblem war schnell identifiziert und lautete schlicht Scham. Wer outet sich schon gerne als arm, in einer eher ländlichen Region, in der Jeder Jeden kennt? Doch auch dafür fanden die pfiffigen Stephanskirchner eine Lösung. Jetzt arbeitet man mit der Tafel zusammen.

Diejenigen, die zur Tafel gefahren werden, können auf dem Rückweg bei Michael Scholl anrufen, und sich danach erkundigen, welche Belege gerade aktuell am Brett hängen. „Dann nehme ich die Bestellungen auf, hänge die Belege ab und kann denjenigen Gästen ganz anonym die Dinge hinstellen“, sagt Scholl grinsend.

Eine Rückkehr in die Gesellschaft

Für Sebastian Kiesser hat die Aktion eigentlich nur Gewinner: „Wir schaffen es so, dass Menschen wieder in die Gesellschaft zurückkehren. Sie genießen etwas und fühlen sich dabei wieder ganz normal. Das ist ein tolles Gefühl.“ Dem stimmt Michael Scholl zu und fährt fort: „Ganz viele Leute fangen dann an zu erzählen, warum sie die Hilfe annehmen. Das sind dann Schicksale, die man hautnah miterlebt. Ich setze mich dann gelegentlich zu den Gästen hin und plausche ein wenig.“ Die Aktion soll nicht nur in Stephanskirchen und Rosenheim bleiben. „Man könnte schon expandieren“, sagt Sebastian Kiesser, „einer meiner Freunde ist ein talentierter Schreiner, der uns diese Bretter gebaut hat und davon könnte er noch ganz viele machen.“ (Lukas Fleischmann)


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