Kirchliche Architektur Tour durch die Epochen

03.06.2020

Ob romanische Basilika, eine gotische Kirche mit großen spitzbogigen Fenstern oder ein Gotteshaus wie ein Festsaal, in dem Barock und Rokoko gemeinsam tanzen: Im Erzbistum München und Freising lassen sich die verschiedensten Architekturstile entdecken.

Menschen sitzen in den Bänken der romantischen Basilika auf dem Petersberg..
Die romantische Basilika auf dem Petersberg. (Archiv-Bild, aufgenommen vor Corona-Pandemie) © Kiderle

Aus neu mach alt: Romanische Basilika Sankt Peter und Paul, Erdweg

Sie ist fast zu perfekt, um wahr zu sein. Die Basilika auf dem Petersberg ist im Rundbogenstil gebaut worden. So wie sie heute dasteht, könnte sie tatsächlich auch zur Weihe 1107 ungefähr ausgesehen haben. Ein Mittelschiff mit hoch an der Wand angebrachten Fenstern, zwei niedrigere Seitenschiffe und im Osten drei halbrunde Apsiden. Allerdings hat nicht jede Generation diese schlichten und klaren Formen geschätzt. Vor 150 Jahren war der Originalzustand kaum noch zu erkennen.

Bei der Renovierung 1907 herrschte gerade Mittelalterbegeisterung und die Kirche sollte wieder so werden, wie sie ursprünglich war. Als die Restauratoren unter sieben Putzschichten Freskoreste in der Apsis fanden, war die Begeisterung groß. Der Kirchenmaler Hans Haggenmiller hat die wenigen Reste ergänzt, so dass ein neues Bild entstanden ist. Und die Kirche wirkte so, als wäre 800 Jahre lang nichts mit ihr passiert.

Lust an der Höhe: Sankt Jakob in Wasserburg

Durch neue Techniken entlasteten die gotischen Architekten den Druck auf die Wände. Mit Hilfe von Rippen leiteten sie die Druck- und Schubkräfte auf Pfeiler. Sie konnten die Kirchen nun sehr hoch ziehen und mit großen spitzbogigen Fenstern versehen.  Ein Meister dieses Architekturstils war Hans von Burghausen, der in Altbayern riesige Hallen zur Ehre Gottes baute. Er war einer von mehreren Architekten, die seit 1410 an der Wasserburger Stadtpfarrkirche Sankt Jakob mitwirkten.

Die Wasserburger hatten auch den Wunsch, einen für gotische Kirchen typischen, hochaufragenden Turm zu bekommen. Er ist auch so gebaut, dass er noch ein paar Stockwerke vertragen würde. 1478 haben das die Architekten aber aufgegeben und der Turm ist so geblieben, wie er noch heute dasteht. Die Ausstattung ist dagegen nicht original, sondern kommt zum größten Teil aus dem 19. Jahrhundert.

Strenge Ordnung und kirchenpolitisches Statement: Sankt Michael in München

Als Herzog Wilhelm V. 34 Bürgerhäuser und damit ein halbes Sadtviertel abreißen ließ, plante er Großes. Die Renaissance hatte die Antike wiederentdeckt und eine Kirchenspaltung gesehen. Beides spielgelt sich in Sankt Michael wieder. Mächtige Triumphbögen nach römischen Vorbild dominieren den gesamten Raum, der klar gegliedert ist. Das Tonnengewöbe ist ein Meisterwerk und gilt als das zweitgrößte nördlich der Alpen.

Der bayerische Herzog wollte in der Architektur zeigen, dass die katholische Kirche sich reformiert und ihre alte Autorität wiedergewonnen hatte. Der Schmuck ist reich, aber nicht überbordend, es ist ein strenger und rationaler Geist zu spüren. Der prachtvolle Hochaltar weist aber schon deutlich in die nächste Kunstepoche, den Barock.

Ein Fest für den lieben Gott: Klosterkirche Mariä Himmelfahrt in Ettal

Ein Gotteshaus wie ein Festsaal. Im Barock und Rokoko wirken die Baumeister, die Stuckateure und Maler in einer ganz neuen Weise zusammen. Die Architektur und die Ausstattung durchdringen einander zu einer bewegten Einheit wie in Ettal. Das beginnt schon mit der schwungwollen und eleganten Fassade und setzt sich im Innern fort. Auge und Seele wird ständig etwas Neues geboten. Wie ein Wirbel steigt das Fresko in der Kuppel auf, das einen unübersehbaren Heiligenhimmel rund um den Mönchsvater Benedikt zeigt. Es macht den Glauben des Barock deutlich: Gott verwandelt und enthebt den Menschen von seiner Erdenschwere.

Neue Mitte: Sankt Laurentius in München

Emil Steffann hatte in Assisi ein Bekehrungserlebnis. Beeindruckt von der Demut und Askese des heiligen Franziskus wurde er Katholik. Als Gläubigen und Architekten trieb ihn die Frage um, wie eine Gemeinde so eng wie möglich am Gottesdienst teilnehmen kann. Inspiriert von Romano Guardini und der liturgischen Erneuerungsbewegung plante er 1954 zusammen mit Siegried Östreicher eine moderne, wegweisende Kirche: Er rückte den Altar ins Zentrum und gruppierte darum herum die Sitzbänke für die Gemeinde.

Ganz im Sinne des Heiligen Franziskus ist es auch eine asketische Kirche, die auf Bildschmuck weitgehend verzichtet, die Decke aus Fichtenbrettern ist blaugrau gestrichen, die Ziegelwände sind innen weiß verschlämmt. Der Raum strahlt Ruhe, Einfachheit, aber auch Würde aus. Für den Kunsthistoriker Peter Steiner ist das Gotteshaus „Münchens wichtigster Beitrag zum Kirchenbau der Nachkriegszeit“.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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