Studientag im Kloster Ettal Tourismus und das "katholische Bayern"

12.10.2018

In Ettal wollte der diesjährige Studientag der Tourismusseelsorge im Erzbistum München und Freising einem Mythos auf die Spur kommen und machte sich auf die Suche nach dem "katholischen Bayern".

Hier wird der Mythos vom katholischen Bayern anschaulich: Kloster Ettal.
Hier wird der Mythos vom katholischen Bayern anschaulich: Kloster Ettal. © Kiderle/SMB

Ettal- Trachteng´wand und Tradition, Gipfelkreuze und Klöster, das ist Bayern. Die Tourismusseelsorge im Erzbistum München und Freising ist diesem Bild bei ihrem jährlichen Studientag im Oktober nachgegangen. „Mythos katholisches Bayern“ lautete der Titel. Rund 40 Teilnehmern aus Kirche und Tourismus wurde dazu in Kloster Ettal ein „Blick hinter die Kulissen“ versprochen. Ein Mythos ist schwer zu fassen. Er zeigt ein großes Idealbild und auch ein Stück der Wirklichkeit. Der Oberammergauer Passionsspielleiter Christian Stückl krempelt bei seinem Einführungsvortrag die Ärmel auf. Das weltberühmte Schauspiel gehört ja zu diesem Mythos dazu.

Religion braucht Theater

Stückl macht gleich zu Beginn klar, wie viele Traditionen des Passionsspiels sehr zeitbedingt sind und nicht für einen Mythos taugen. Die Vorgabe, dass jeder Mitspieler mindestens 20 Jahre am Ort leben müsse sei nach dem Zweiten Weltkrieg erlassen worden, um die damaligen Vertriebenen fernzuhalten. Ein Mythos vom katholischen Bayern trifft auf Oberammergau aber vollkommen zu: Um die Religion muss im besten Sinne Theater gemacht werden. Der bayerische Katholik will mit allen Sinnen glauben und die Botschaft nicht nur in dürren Worten hören. Stückl erzählt, wie er sich als Jugendlicher selbst zum „Zeremonienmeister“ ernannt und die Oberammergauer Gottesdienste mitgestaltet hat. Das ging so weit, dass er am Karfreitag die Notausgangsschilder in der Kirche verhängte. Denn die hätten die würdige Stimmung und die Wirkung der Osternachtfeier verdorben.

Den Menschen annehmen

Die überwältigende Inszenierung des Evangeliums im katholischen Bayern hat aber auch ein Gegenstück: Zu ihm gehört das Gemütvolle und Stille, wie zum Beispiel in den Krippen. Hans Well ist als Kind der „festen Überzeugung gewesen, dass Josef, Maria und Jesus Bayern sind und das Christkind im Oberland von bayerischen Hirten entdeckt und besungen worden ist, das war für mich klar“. Das Mitglied der ehemaligen Musik- und Kabaretttruppe „Biermösl Blosn“ hält auf diesem Studientag einen Workshop über Heimat. Für Hans Well schwingt bei seiner Kindheitserinnerung aber auch immer mit, dass seine Landsleute ein Herz für den Mitmenschen in Not haben, der vor der eigenen Haustür steht. Den Mythos vom katholischen Bayern fasst er in wenigen Worten zusammen: „Grundsätzlich den Menschen annehmen.“ Mit seiner Lust am Feiern genauso wie bei seiner Glaubenssuche. Da kommt auch der Fremdenverkehr ins Spiel. Die anwesenden Tourismusexperten erzählen in den Pausen immer wieder, dass die Gäste aus aller Welt Kirche in Bayern erwarten.

Touristen wollen Kirche

Die Gotteshäuser würden als Ruhepole aufgesucht und spirituelle Angebote nachgefragt. Das bestätigt auch der Ettaler Abt Barnabas Bögle: Die drei Sprechzimmer im Kloster seien während des gesamten Jahres oft parallel besetzt, erklärt er in seinem Workshop über das benediktinische Leben: „Auch in dieser psychologengesättigten Zeit, wollen selbst Menschen ohne Konfession mit einem Mönch sprechen.“ Vielleicht öffnet ja das einzigartige Zusammenspiel von Berglandschaft und barocker Architektur in Ettal die Seelen. Jedenfalls liefern viele religiös geprägter Orte in Bayern große Bilder für den Mythos vom „katholischen“ Landes, trotz aller Veränderungen und des Rückgangs der Kirchenmitgliederzahlen. Solche Bilder „braucht der Tourismus, braucht aber auch die Kirche“, sagt Robert Hintereder von der Tourismusseelsorge im Erzbistum, der zu dem Studientag eingeladen hat. Er hofft, dass beide Seiten noch stärker zusammenarbeiten „und sich gegenseitig befruchten“. Etwa indem sie miteinander geistliche Angebote entwerfen oder weiterentwickeln. Damit der „Mythos katholisches Bayern“ nicht verblasst oder zur leeren Formel wird, sondern mit Leben erfüllt bleibt.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag im Münchner Kirchenradio zum Studientag der Tourismusseelsorge

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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