Debatten um den Karfreitag Trauermoment im Spaßleben

15.04.2019

Sogar für viele Christen ist der Karfreitag vor allem der Start in ein verlängertes Wochenende oder einen Urlaub. Dabei sind es Stunden, in denen die ganze Gesellschaft einmal ruhig und traurig sein darf.

Ein Tag, um in die Knie zu gehen: der Karfreitag.
Ein Tag, um in die Knie zu gehen: der Karfreitag. © Kiderle

Am Karfreitag sind die Autobahnen voll. Die Kirchen sind es nicht. Wahrscheinlich nehmen sogar viele Christen den Feiertag in erster Linie als Start in ein verlängertes Wochenende oder in einen Kurzurlaub wahr. Weniger als einen Tag der inneren Einkehr und der Stille. Jedes Jahr fechten auch religionskritische Verbände den Charakter des Karfreitags als „stiller Feiertag“ an. Deren Vertreter fühlen sich von staatlicher und kirchlicher Seite gegängelt, wenn sie nicht laut feiern oder tanzen dürfen. Merkwürdigerweise stellen sie den Karfreitag als offiziellen Feier- und freien Tag nicht infrage.

Warum nicht immer arbeiten und konsumieren?

Vielleicht wäre dann die Lust auch nicht so groß, einen abzutanzen oder ein fröhliches Gelage zu feiern. In Österreich greift in diesem Jahr zum ersten Mal die Regelung, dass der Karfreitag kein offizieller Feiertag für die Protestanten und Altkatholiken mehr ist. Für die anderen Christen war er es vorher übrigens auch nicht. Jetzt wird da gleiches Recht geschaffen. Natürlich sind die Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften unzufrieden, die Kirchen sowieso. Dabei ist die Regelung konsequent: Wenn sich eine Gesellschaft insgesamt nicht mehr religiös festlegen will, sollte sie auch keine religiösen Feiertage mehr begehen. Folgerichtig zu Ende gedacht, dürfte dann fast nur noch gearbeitet werden. Sonntagsruhe – ja warum denn? Weihnachten und Ostern wären Privatangelegenheiten. Den Gläubigen könnte ja ein Urlaubsanspruch für diese geprägten Zeiten eingeräumt werden.

Kollektive Betriebsruhe

An diesem Konstrukt wird eines deutlich, dass so vielleicht die Arbeitswelt, aber keine Gesellschaft funktionieren kann. Sie braucht eine Zeit, in der sie kollektiv ruht, der Betrieb für alle heruntergefahren wird. Konsequenterweise sogar der Freizeit- und Einkaufsbetrieb. Die kürzeste Definition von Religion lautet Unterbrechung, hat der große Theologe Johann Baptist Metz einmal gesagt. Dieses Innehalten gehört zum Menschen dazu. Es gründet sich letztlich darauf, dass er sich fragt, woher er kommt und wohin er geht. Kaum ein Tag ist dazu so geeignet wie der Karfreitag. Gerade auch deshalb, weil er so unbequem ist.

Karfreitag als Unterbrechung

Christen machen sich an diesem Tag einen unglaublichen Skandal deutlich: Dass ihr Gott gefoltert und umgebracht worden ist. Ein Moment zum Verstummen und zum Erschrecken. Wie nie zuvor, fordert er im 21. Jahrhundert die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf, innezuhalten. Um klar zu machen, wie sehr wir uns als pausenlose Betriebsnudeln oft kritik- und besinnungslos durch ein grelles Spaß- und Konsumleben jagen lassen. Der Karfreitag kann das unterbrechen. Es sind ein paar Stunden, in denen ich traurig sein darf, dass mein Leben nicht perfekt ist, dass ich Böses tue und in denen sogar Gott scheitert. Und dass ich gegen den Augenschein darauf vertrauen darf, dass Gott dieses im Tod endende Leben auffängt. Darum hänge ich am Karfreitag, ich würde mir dafür sogar Urlaub nehmen. Wer ihn aber als offiziellen Feiertag erhalten will, kann dafür auf ganz einfache Weise demonstrieren: Je mehr Menschen zur Karfreitagsliturgie gehen, desto deutlicher bringt die Gesellschaft zum Ausdruck, dass sie diese Stunden braucht. Und zwar nicht als Freizeitvergnügen.

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Zum Nachhören

Kommentar im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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