Vorsätze Treue ist besser als verbissenes Durchhalten

13.01.2019

Stichwort gute Vorsätze: Ist es überhaupt möglich, sich etwas für lange Zeit verbindlich vorzunehmen oder gar für ein ganzes Leben zu versprechen? Die Antwort gibt Pater Cornelius Bohl.

Was passiert da nicht alles zwischen dem ersten Verliebtsein in der Jugend und dem vielleicht stummen Füreinander-Dasein im Alter? Symbole für die Treue gibt es viele, wenn sie aber nicht gelebt wird, sind die alle nichts wert.
Was passiert da nicht alles zwischen dem ersten Verliebtsein in der Jugend und dem vielleicht stummen Füreinander-Dasein im Alter? Symbole für die Treue gibt es viele, wenn sie aber nicht gelebt wird, sind die alle nichts wert. © imago

Durchhalten – ist das für Sie ein positiver Wert? Die Frage stellt sich vielleicht gerade am Beginn eines neuen Jahres im Blick auf die berühmten guten Vorsätze, die meistens nicht besonders lange tragen. Sind der alte Schlendrian und der innere Schweinehund einfach zu stark?

Aber die Sache ist wohl komplexer. Diktatoren und ideologische Systeme haben mit fanatischen Durchhalteparolen Abertausende in den Untergang getrieben und tun es immer noch. Oft, so wird gerne Friedrich Hebbel zitiert, gehört mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

Beständigkeit und Verlässlichkeit

Ist es überhaupt möglich und dem Menschen angemessen ist, sich etwas für lange Zeit verbindlich vorzunehmen oder gar für ein ganzes Leben zu versprechen? Leben ist doch immer dynamisch. Nicht nur mein Umfeld, auch ich verändere mich (hoffentlich!), mache neue Erfahrungen, gewinne neue Einsichten, komme weiter.

Da kann ein starres Festhalten an einem bestimmten Punkt meiner Entwicklung Leben blockieren und verhindern. Einfach immer nur durchhalten, aushalten, Mund halten – nein danke!

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Leben braucht Beständigkeit, Beziehungen verlangen Verlässlichkeit. Wendehälse, die ihr Fähnchen immer nur nach dem Wind hängen, zeugen nicht von Charakter. Werte sind nur dann wirklich tragfähig, wenn ihre Halbwertszeit länger dauert als die augenblickliche Laune. Mit Strohfeuern und Eintagsfliegen lässt sich keine Zukunft gestalten. Sich nicht vom ersten Gegenwind umhauen lassen, Widerstände als positive Herausforderung annehmen, Krisen durchstehen, gerade darin zeigt sich die Größe eines Menschen. Also doch: Bitte durchhalten!?

Der Autor ist Provinzialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Der Autor ist Provinzialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © SMB

Viele Wege zu einem Ziel

Es müsste beides zugleich möglich sein, verlässliche Bindung und lebendiges Weiterkommen. Ein Durchhalten, das nicht zu ideologischer Erstarrung führt, sondern sich beweglich auf Veränderung einlässt und Entwicklung ermöglicht. So etwas gibt es durchaus. Etwa im Wachstum: Wie oft ändert ein Baum seine Gestalt, bis sich aus dem ersten Keim nach Jahren ein mächtiger Stamm und eine breite Krone entwickelt haben. Die Formen wechseln, aber immer ist es derselbe Baum, er hält sich selbst durch. Oder im Gehen eines Weges: Oft gibt es viele Wege zu einem Ziel. Selbst nach Um- und Irrwegen kann ich das Ziel noch erreichen. Ich darf Wege ausprobieren und auswählen, aber ich halte die große Richtung ein, bleibe meinem großen Ziel treu. Oder in der Beziehung zweier Menschen: Was passiert da nicht alles zwischen dem ersten Verliebtsein in der Jugend und dem vielleicht stummen Füreinander-Dasein im Alter? Dennoch kann sich durch alle Veränderungen, Krisen und Alltäglichkeiten eine Liebe durchhalten.

Durchhalten um des Durchhaltens willen, um jeden Preis? Das ist keine biblische Haltung. Die Heilige Schrift spricht lieber von Treue. Es geht darum, einem Menschen, mir selbst, Gott treu zu bleiben, ohne heute schon zu wissen, was das übermorgen von mir fordert. Treue aber ist etwas anderes als verbissenes Durchhalten, die Erfüllung eines Fünf-Jahres-Plans mit heraushängender Zunge.

Lebendige Beziehung zu einem Du

Bei echter Treue geht es nie um Selbstoptimierung durch eiserne Disziplin, sondern um die lebendige Beziehung zu einem Du. „Viel mehr als Ziele braucht man vor sich, um leben zu können, ein Gesicht“ (Elias Canetti). Natürlich, ein solches Durchhalten in Treue kann schwer werden und viel kosten. Aber es führt nicht zu versklavender Fremdbestimmung, sondern ist Erfahrung von Freiheit.

Und wenn ich das nicht schaffe? Es gibt eine Treue trotz vieler kleiner Untreuen. Ein Dranbleiben an meiner Berufung, auch wenn ich schuldig wurde. Das ist keine makellose, glatte, vollkommene Treue, eher eine verbeulte und zerkratzte Treue, aber dennoch ist sie echt. Eine Petrus-Treue: Herr, du weißt, was alles falsch gelaufen ist. Du weißt, dass ich dich manchmal verraten habe. Du weißt das alles. Aber du weißt auch, dass ich dich liebe.

Nochmals: Und wenn ich nicht treu durchhalte? Eines ist sicher: Gott hält auf jeden Fall durch. Auf seine Liebe ist Verlass. (Pater Cornelius Bohl ofm)


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