Interview mit Caritasdirektor Georg Falterbaum Trotz „Social Distancing“ nah am Nächsten bleiben

24.07.2020

Herausfordernde Wochen liegen hinter dem Caritasverband der Erzdiözese München und Freising. Die Corona-Krise erforderte in allen Arbeitsbereichen rasches, entschlossenes und mitunter auch unkonventionelles Handeln.

Florian Ertl im Gespräch mit Georg Falterbaum
Florian Ertl, stv. Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung, im Gespräch mit Caritasdirektor Georg Falterbaum (rechts) © Kiderle

mk online: Als am Freitag, 13. März, der Corona-Lockdown eintrat, wo waren Sie da gerade?

Georg Falterbaum: Das weiß ich noch ganz genau: Ich saß in einer Task Force, die sich genau mit diesem Thema beschäftigte, und wir berieten gerade, was wir tun würden, wenn der Lockdown eintreten würde. Da erhielten wir die Nachricht, dass es nun tatsächlich so weit war. Dass der Lockdown letztlich in dieser Geschwindigkeit und Radikalität kam, hat uns alle überrascht.

mk online: Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Falterbaum: Ich dachte: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott, was mag das alles bedeuten?“ Es hatte ja Auswirkungen auf alle unsere Dienste und Einrichtungen und es gab hierfür keine Blaupause. Wir hatten keinerlei Erfahrung, wie man in einer solchen Situation agieren kann. So setzten wir uns also wieder zusammen und sagten: „Was tun wir jetzt konkret?“ Es wurde eine hochspannende Sitzung.

mk online: Was waren die ersten Sofortmaßnahmen, die von Ihnen eingeleitet wurden?

Falterbaum: Wir haben die amtlichen Vorschriften, die erlassen worden sind, selbstverständlich umgesetzt. Das ging alles sehr kurzfristig und war mitunter hochproblematisch, insbesondere die Besuchseinschränkungen in den stationären Einrichtungen und den Kindertagesstätten machten uns zu schaffen.

mk online: Wie sah von da an das Tagesgeschäft im Verband und im Vorstand aus?

Falterbaum: Unsere Task Force wurde institutionalisiert, wir haben uns ab diesem 13. März zunächst täglich getroffen. In diesem Kreis waren Einrichtungsvertreter, Mitarbeiter aus der Verwaltung, Juristen und Personalvertreter mit dabei. Wir haben täglich gemeinsam die Situation analysiert, die notwendigen Maßnahmen beschlossen und dann zur Umsetzung freigegeben. In der Regel kamen wir tatsächlich unter Einhaltung der Abstandsgebote physisch hier im Verwaltungsgebäude an der Hirtenstraße zusammen. Wenn jemand nicht live mit dabei sein konnte, haben wir ihn online dazugeschaltet. Später brauchten wir uns dann nur noch einmal pro Woche zu treffen, mittlerweile kommen wir einmal alle zwei Wochen zusammen, weil wir inzwischen auch zu einer gewissen Routine gelangt sind. Im Vorstand hatten wir uns in der Hochphase darauf geeinigt, dass von uns dreien abwechselnd immer zwei vor Ort sind und einer im Homeoffice ist. Weil in unseren Büro-Räumen die Abstandsgebote sonst nicht aufrechtzuerhalten gewesen wären, wurde auch von unseren Mitarbeitern viel Homeoffice praktiziert – dies zu ermöglichen war ebenfalls eine riesige Herausforderung. Aber ich war überrascht, wie relativ unkompliziert es letztlich trotz aller Schwierigkeiten geklappt hat. Da gehen mein Lob und Kompliment an unsere Mitarbeitenden.

mk online: Lassen Sie uns den Blick auf einige Caritas-Bereiche werfen, die von den Corona-Maßnahmen in ganz besonderer Weise betroffen waren und immer noch sind, Stichwort Altenheime. Bereuen Sie hier im Nachhinein irgendeine Maßnahme?

Falterbaum: „Bereuen“ ist das falsche Wort. Wir bedauern es, dass wir die – zweifellos notwendigen – Abstandsgebote haben umsetzen müssen. Wenn es darum geht, Menschen zu begleiten, ist persönliche Nähe einfach sehr wichtig, wenn nicht unabdingbar, vor allem bei alten Menschen. „Social Distancing“ ist das genaue Gegenteil von unserem Credo „Nah. Am Nächsten“. Das war eine große Herausforderung für die Bewohner, die keinen Besuch in der gewohnten Form mehr empfangen durften. Aber auch für die Mitarbeiter, die für die Koordination und die Einhaltung aller Vorschriften sorgen und teilweise natürlich auch Besucher abweisen mussten. Darüber hinaus haben sie auch den fehlenden Kontakt, der sonst durch die Angehörigen gewährleistet wird, ausgeglichen. Dies führte zu einer deutlich höheren Arbeitsbelastung. Glücklicherweise meldeten sich Caritas-Mitarbeiter aus anderen Bereichen, in denen die Belastung zu dieser Phase nicht so hoch oder wo die Arbeit vorübergehend eingestellt worden war, wie etwa die Schulbegleiter. Diese und viele andere gingen in Altenheime, um dort Tätigkeiten zu übernehmen, wie die Begleitung der Bewohner oder die Information und Koordination von Besuchern und Angehörigen. mk online: Kamen Beschwerden von Angehörigen auf Ihren Schreibtisch? Falterbaum: Zum Glück relativ wenige. Das deutet darauf hin, dass bereits vor Ort mit viel Engagement Überzeugungsarbeit geleistet worden ist. Das war ja alles kein Wunsch von uns oder reiner Selbstzweck, dass die Besuche eingeschränkt werden mussten. Die allermeisten Besucher und Angehörigen haben Verständnis für die Maßnahmen gezeigt und die Regelungen akzeptiert.

mk online: Die Asyl- und Flüchtlingshilfe war ein weiterer Bereich, der sehr betroffen war.

Falterbaum: Die Unterbringung von Flüchtlingen findet auf äußerst beengtem Raum statt, was ein großes Problem hinsichtlich der Infektionsgefahr bedeutet. Dennoch haben wir die Begleitung dieser Menschen nie aufgegeben. Wir stellten, so es ging, auf telefonische oder Online-Beratung um. Die Voraussetzungen, unsere Mitarbeiter in den Normalbetrieb zu schicken, waren anfangs in einigen Einrichtungen einfach nicht mehr gegeben. In konstruktivem Austausch mit der Regierung von Oberbayern haben wir es hinbekommen, dass die Rahmenbedingungen für unsere Mitarbeitenden so verändert worden sind, dass ein durchgängiges Betreten und Beraten vor Ort wieder möglich geworden ist.

mk online: Ein weiterer Bereich ist die Wohnungslosen- und Obdachlosenhilfe.

Falterbaum: Wenn es plötzlich heißt: „Bleib zu Hause!“, wo bleibt dann derjenige, der kein Zuhause hat? Auch hier haben wir unsere Dienstleistungen aufrechterhalten. Während mehrere Tafeln aus nachvollziehbaren Gründen ihren Betrieb einstellen mussten, haben wir mit mobilen Einrichtungen, den sogenannten „Food-Trucks“, an zwei Standorten in München die Versorgung Obdachloser fortgesetzt. Dort konnte man auch zubereitete Speisen zu sich nehmen und erhielt Essenspakete zum Mitnehmen. Das war eine schnelle Adhoc-Lösung. Berechtigte für die Tafeln und Tische bekamen von uns rasch Lebensmittel-Gutscheine und Einkaufshilfen. Wir haben die Not gesehen und nicht lange gefackelt.

mk online: Das war eine große, vor allem auch logistische Herausforderung ...

Falterbaum: Sie sagen es. Es gab ja keinen vorgefertigten Masterplan, wir mussten alles improvisieren. Da sind Schnelligkeit und auch einmal ein beherztes Zugreifen erforderlich, ein „Wir machen das jetzt einfach mal und schauen dann, wie es funktioniert“. Wenn man in so einer Lage immer alle Eventualitäten abwägt, prüft und diskutiert, kommt man nicht zu Potte.  

mk online: Ein weiterer Punkt – heute beklatscht und morgen schon wieder vergessen – sind die Pflegekräfte, die Ihnen besonders am Herzen liegen.

Falterbaum: Ja, die Pflegekräfte, aber natürlich auch all die anderen Menschen, die im sozialen Bereich tätig sind. Denken Sie etwa an die Erzieherinnen und Erzieher oder an die Sozialpädagogen. Sie alle haben in der Krise in der Tat viel Applaus geerntet. Diese Anerkennung finde ich gut und positiv. Schade ist nur, dass es erst einer solchen Krise bedurfte, damit diese Anerkennung öffentlich wird und in den Fokus rückt. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass die Begeisterung für Tätigkeiten im sozialen Bereich, die bei Jugendlichen ja durchaus da ist, nicht zu sehr abebbt. Um Sozialberufe attraktiv und zukunftsfähig zu gestalten, bedarf es einiger Veränderungen. Stichwort Vergütung: Wir als Caritas zahlen nach Tarif, aber es gibt eben viele Anbieter, die das nicht tun. Unsere klare Forderung lautet daher: Eine Tarifbindung muss her. Auch eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung ist unabdingbar und sicherlich auch ein besserer Stellenschlüssel – sowohl in der Pflege als auch in den Erziehungsbereichen. Nur so kann diese Arbeit, die nicht nur mental, sondern auch körperlich sehr belastend ist, auf genügend Schultern verteilt werden.

mk online: Ein Wort zur finanziellen Situation: Wie viel Geld hat Corona den Caritasverband gekostet? Gab es Spenden?

Falterbaum: Wir haben in der Corona-Zeit eine ganze Reihe von großen, mittleren und kleinen Spenden erhalten, um schnell und unkompliziert helfen zu können, wie es die Situation gerade erforderte. Selbstverständlich hatten wir aber auch erhöhte Ausgaben, denken Sie nur an die notwendigen Schutzausrüstungen für all unsere Einrichtungen. Dazu kommt, dass wir in diesem Zeitraum deutlich weniger Erträge hatten. Der Aufnahmestopp, der für die Altenheime verfügt worden ist, führte zu einer geringeren Belegung der Einrichtungen. Auch die Auflagen für die Neu- oder Wiederaufnahme, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt, waren sehr kostenintensiv. In unseren Behinderteneinrichtungen musste die Produktion gestoppt werden, auch das führte zu Einnahmeausfällen. Das heißt also, wir haben höhere Kosten bei geringeren Erträgen, was nur schwerlich aufgeht. Zum Glück gibt es konkrete Aussagen seitens der öffentlichen Hand, dass diese Mehrkosten zumindest weitestgehend übernommen werden. Aber sicherlich werden auch Kosten bei uns selbst hängen bleiben, darauf müssen wir uns einstellen.

mk online: Unterm Strich: Wie würden Sie das Handeln des Caritasverbands während der Corona-Pandemie in Schlagworten beschreiben?

Falterbaum: Wir haben alles getan, um trotz „Social Distancing“ nah am Nächsten zu bleiben. Das wird nicht überall hundertprozentig funktioniert haben, aber ich denke, zum großen Teil schon. Wir haben beherzt und schnell agiert, teilweise auch reagiert, und wir haben auf große Flexibilität und große Einsatzfreude unserer Mitarbeitenden bauen können, die die erforderlichen Maßnahmen kreativ und engagiert umgesetzt haben. mk online: Welche Schulnote würden Sie dem Caritasverband für seine Leistungen in der Corona-Krise vergeben? Falterbaum: Ach, wenn ich das früher schon gedurft hätte, mir selbst Schulnoten zu erteilen! Unseren Mitarbeitenden in den einzelnen Diensten und Einrichtungen sowie in der Verwaltung, die das Ganze unkompliziert über die Verantwortungsbereiche hinweg ermöglicht haben, würde ich auf jeden Fall eine glatte 1 geben. Wie das alles funktioniert hat, das war schon beispiellos und beispielhaft. (Das Interview führte Florian Ertl, stv. Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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