Eucharistie als Akt des Erinnerns „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

22.11.2020

Katholiken erinnern sich bei jedem Gottesdienst an den Tod und die Auferstehung Christi. Diese Gedächtnisskultur wird durch die Rituale bei der Feier der Eucharistie gestärkt.

Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci
Das Abendmahl des italienischen Malers Leonardo da Vinci ist eines der berühmtesten Wandgemälde der Welt. © Michelangelo Artwork - stock.adobe.com

„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Das ist einer der ganz starken Sätze des christlichen Gottesdienstes. Wem auch nur ein Rest katholischer Sozialisation durch die Adern fließt, der spürt sofort die sakrale Aura dieser Worte, hat Bilder, Klänge und Gerüche im Kopf und weiß sich verbunden mit unzählbaren Momenten der eigenen Lebensjahrzehnte und der Jahrtausende.

Seit Jesus selbst Brot und Wein zu seinem Leib und Blut erklärte und seinem drohenden Tod in diesen Zeichen ein lebendiges Denkmal setzte, gilt sein Auftrag: „Tut dies!“ Die Behauptung der Liturgie, diesen Auftrag Jesu bis heute zu erfüllen, gehört über Konfessionsgrenzen hinweg zu den erfolgreichsten Konzepten christlichen Betens. Wie ist das gelungen?

Rituale, die sich wiederholen

Die gelingende Gedächtniskultur einer Gemeinschaft setzt voraus, dass die Erinnerung nicht bloß in Köpfen oder Büchern steckt, sondern durch ein erleb- und wiederholbares Ritual vollzogen wird: Das beginnt mit dem Ruf der Glocken, dem Gang zur Kirche, dem Zusammenkommen. Es wird gerahmt vom Kirchenraum mit seiner besonderen Weite und Architektur, seiner Akustik, seinem Geruch, seinem Licht. Und wird getragen vom Handeln aller im Gesang, in der Haltung, im Hören und Antworten, im eigenen Gebet.

Das ganze Setting ist ein Tun, ein „heiliges Spiel“, kein bloßes Glauben. Dem Abendmahl Christi mit seinen Jüngern wird schließlich ein – stark stilisiertes – Mahl der aktuell Versammelten gegenübergestellt: ein gedeckter Tisch, Brot und der Kelch mit Wein, der Empfang, das Kauen und Schmecken. Auch in das Leibgedächtnis brennen Rituale sich ein.

Das Eucharistiegebet hat die Aufgabe, dieses rituelle Tun zu deuten, und die Wandlung der Gaben in Leib und Blut Christi zum Ausdruck zu bringen. Es verklammert dabei kunstvoll die Ebenen und schlägt die Brücke vom Letzten Abendmahl zur heutigen Liturgie: Auf den Auftrag Christi an seine damals versammelten Jünger lässt es die heute versammelte Gemeinde direkt antworten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Dadurch identifizieren sich die heutigen Gläubigen als diejenigen, für die der damalige Auftrag Jesu gilt.

Danke und Bitte

Der inhaltliche Zusammenhang ist übrigens im originalen Kontext dieses Verses ungleich deutlicher als im Römischen Messbuch: Die Akklamation wurde im Zuge der letzten Liturgiereform aus der ägyptischen Liturgie in den römischen Ritus übernommen. Das Eucharistiegebet („Anaphora“) der koptischen Basilius-Liturgie wäre damals um ein Haar komplett ins römische Messbuch aufgenommen worden, weil es zu den ältesten Hochgebeten zählt, weltweite Verbreitung genießt und eine so schlichte, narrativ-biblische Sprache hat. Getraut hat man sich das damals nicht – aus Gründen, auf die wir noch eingehen werden. Aber unser viertes Hochgebet ist auf breiter Front von dort inspiriert und zeigt die grammatikalische und kompositorische Grundstruktur östlicher Anaphoren: Auf Preis und Dank für die Taten Gottes in der Vergangenheit („anamnetischer“, gedenkender Teil) fußt die Bitte um Gottes Tun „auch jetzt“ („epikletischer“, bittender Teil).

Dieses seit alttestamentlicher Zeit (vgl. Neh 9) belegte Schema jüdisch-christlichen Betens wird dann inhaltlich auf das Mahlgeschehen hin konkretisiert: Der dankenden Erinnerung an das Letzte Abendmahl folgt die Bitte um die Heiligung der aktuell bereitgestellten Gaben Brot und Wein durch den Heiligen Geist. Exakt diesen Übergang – vom Gedächtnis des Vergangenen zum aktuellen Tun – vollzieht die versammelte Gemeinde mit ihrem von allen gesprochenen Ruf „Deinen Tod verkünden wir.“

Erinnerung lebendig halten

Der kompositorische Kunstgriff des Ursprungstextes ist die kreative Übernahme des paulinischen Verses 1 Kor 11,26 in die Logik des Gebets: Was dort eine Interpretation des Paulus über Jesu Tod war („verkündet ihr seinen Tod“), wird nun Jesus selbst in den Mund gelegt. Er selbst erklärt den Seinen: „Sooft ihr dies tut, verkündet ihr meinen Tod und bekennt ihr meine Auferstehung, bis ich wiederkomme.“ Und daran lässt sich die Antwort der Gemeinde unmittelbar und in wünschenswerter Direktheit anschließen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir …“

Die Verkündigung des Todes Jesu ist demnach der entscheidende sachliche Gehalt der eucharistischen Mahlhandlung: Zu zeigen, warum sein Tod – und sein Leben – unsere Erlösung ist, das geht am besten, indem man wie er zu Tisch kommt, über Brot und Wein danksagt, teilt und gemeinsam isst und trinkt und so die Erinnerung lebendig werden lässt. Wenn wir dies tun, verkünden wir das Heilswerk Christi, feiern wir seine Hingabe, erleben seine Gegenwart, empfangen ihn leiblich in unserer Mitte und in unserem Inneren und bilden zugleich miteinander seinen Leib.

An seinen Auftrag erinnern

Christus – so formuliert es die Basilius-Anaphora – hat uns, als sein irdisches Leben zu Ende ging, die Eucharistie hinterlassen als Modus seiner bleibenden leiblichen Gegenwart für die Zeit zwischen seiner Himmelfahrt und seiner Wiederkehr zum Jüngstem Gericht, die Heilszeit der Kirche: Bis er selbst
wiederkommt in Herrlichkeit, sollen wir seinen Tod verkünden, indem wir uns an seinen Auftrag erinnern, um ihn dann zu befolgen.

Die Akklamation der Gemeinde bereitet also vor, dass der Auftrag Jesu dann im Anschluss gleich auch umgesetzt wird: „Eingedenk seines Todes und seiner Auferstehung bringen wir dir nun Brot und Wein und bitten dich: Sende deinen Geist auf diese Gaben, damit er sie heilige und zu Jesu Leib und seinem Blut mache“ – so das Grundgerüst der folgenden Verse. Im ostkirchlichen Verständnis geschieht die Wandlung demnach nicht dadurch, dass der Priester während der Rezitation des Einsetzungsberichts in die Rolle Christi schlüpft und dessen Deuteworte „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“ nachspricht. Vielmehr ist hier der entscheidende Sprechakt die Bitte um Sendung des Heiligen Geistes, die der Priester nach der Erinnerung an das historische Letzte Abendmahl jetzt als Sprachrohr und Vorsteher der Gemeinde demütig Gott vorträgt.

Kontroverses Amtsverständnis

Nun sind wir über sprachliche Details plötzlich mitten in einer kontroverstheologischen Frage gelandet: beim Amtsverständnis. Steht der Priester bei der Wandlung der Gemeinde gegenüber, indem er „in persona Christi“ handelt? Oder steht er der Gemeinde voran, indem er ihre Bitte um Heiligung der Gaben durch den Heiligen Geist kraft seiner Beauftragung „in persona ecclesiae“ vor Gott trägt? In den östlichen Hochgebeten gilt eindeutig das letztere Verständnis, dessen Gültigkeit übrigens auch von Rom anerkannt ist – für alle östlichen Kirchen, aber auch für die Katholiken des östlichen Ritus.

In Zeiten, in denen viel über das kirchliche Amt diskutiert wird, könnte die eucharistische Überlieferung Anregungen geben, wie sich die Rolle des Priesters aus der eigenen Tradition heraus etwas bescheidener verstehen und damit vielleicht auch vor Fundamentalkritik schützen lässt. Exakt aufgrund jener amtstheologischen Implikationen hat es die Basilius-Anaphora seinerzeit nicht ins Römische Messbuch geschafft. Vielleicht klappt es ja bei der nächsten Liturgieform. (Achim Budde, Direktor der Katholischen Akademie in Bayern und habilitierter Liturgiewissenschaftler)


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