Impuls von Abt Johannes Eckert Über das Beten

09.09.2018

Gott braucht unser Gebet nicht, meint Abt Johannes Eckert. Aber vielleicht hilft es uns weiter, weil es der Lebensatem ist, der uns mit der Erfüllung all unserer Sehnsüchte verbindet.

Beten hat etwas mit der Sehnsucht von uns Menschen zu tun, dass wir unsere Freude und unsere Not, unseren Kummer und unser Glück, unsere Klage und unser Lob ins Wort bringen wollen, meint Abt Johannes Eckert.
Beten hat etwas mit der Sehnsucht von uns Menschen zu tun, dass wir unsere Freude und unsere Not, unseren Kummer und unser Glück, unsere Klage und unser Lob ins Wort bringen wollen, meint Abt Johannes Eckert. © Successo images – stock.adobe.com

„Da du alles schon weißt,
mag ich nicht beten.
Tief atme ich ein,
lange atme ich aus.
Und siehe: Du lächelst.“

So lautet ein Gedicht des Schweizer Pfarrers Kurt Marti mit dem Titel „Ungebet“. „Will Gott, dass wir beten, braucht er unser Gebet?“, werde ich manchmal gefragt. Bestimmt braucht er es nicht, sonst wäre Gott nicht souverän und das Gedicht bringt es ja humorvoll mit einem großen Gottvertrauen auf den Punkt. Beten hat etwas mit der Sehnsucht von uns Menschen zu tun, dass wir unsere Freude und unsere Not, unseren Kummer und unser Glück, unsere Klage und unser Lob ins Wort bringen wollen. Beten ist die Sehnsucht danach, alles, was uns bewegt, mit Gott zu besprechen, alles ihm anzuempfehlen im Wissen, dass er alles schon weiß.

Freilich bringen wir im Gebet auch unseren Zweifel, unser Unverständnis und unseren Zorn vor Gott: „Warum musste das jetzt so kommen? Warum schweigst Du? Warum lässt Du Leid, Not und Tod zu? Wo bist Du, Gott?“ Im Beten artikulieren wir unsere Begrenztheit auf ein Du hin, das grenzenlos und geheimnisvoll ist, dessen Pläne wir oft nicht verstehen, aber dem wir in unserer Aussichtslosigkeit dennoch vertrauen. Beten ist somit auch die Sehnsucht, trotz aller Verzweiflung an das Gute zu glauben.

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Abt Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs.
Abt Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs. © privat

Sehnsucht, einer größeren Macht zu danken

Ebenso kann sich im Gebet das tiefe Bedürfnis spiegeln, unseren Dank für alles Schöne und Gute vor Gott zu bringen. Ich erinnere mich an einen Manager, der in seinem Berufsleben sehr erfolgreich war und sich im Gespräch mit mir als bekennender Atheist outete. Er verbrachte einige Tage in unserer Klostergemeinschaft und nahm auch regelmäßig an unseren Gebetszeiten teil. Bei der Verabschiedung schließlich brach er in Tränen aus. „Wissen Sie“, sagte er, „ich war in meinem Leben sehr erfolgreich. Alles, was ich bin, habe ich selbst aufgebaut. Aber ich bin arm, weil ich niemandem dafür danken kann!“

Mich berührt diese Begegnung heute noch. Beten ist die Sehnsucht, einer größeren Macht zu danken im Wissen, dass vieles, ja alles in unserem Leben letztlich Geschenk ist. So spiegeln Gebete die ganze Bandbreite menschlichen Lebens und werden zu einem kostbaren Schatz, den wir immer wieder heben dürfen.

Daher finde ich es sehr anregend, die Psalmen oder auch Gebete von geistlichen Schriftstellern zu meditieren und in meine Sprache zu fassen. Dies mag anregen, sich seinen eigenen Gebetsschatz mit unterschiedlichen Texten anzusammeln, um so das eigene Leben mit Gott ins Gespräch zu bringen, stets im Wissen, dass Gott unser Gebet nicht braucht. Aber vielleicht hilft das Beten uns weiter, weil es der Lebensatem ist, der uns mit der Erfüllung all unserer Sehnsüchte verbindet.


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