Vortrag in Freising Über die Vereinbarkeit von Biologie und Glaube

12.03.2018

Mensch, Orang-Utan oder Seegurke?! Es gibt kein Kriterium, das den Menschen trennscharf vom Tier unterscheidet.

Wie stehen Glaube und Wissenschaft zueinander?
Wie stehen Glaube und Wissenschaft zueinander? © fotolia/BillionPhotos.com

Freising – „Der Mensch unterscheidet sich irgendwie vom Orang-Utan und von der Seegurke, aber warum eigentlich?“ Mit sprechenden Bildern bringt Patrick Becker bei seinem Vortrag im Bildungszentrum im Kardinal-Döpfner-Haus in Freising das ganze Problem der Evolutionsbiologie auf den Punkt. In einem früheren, statischen Weltbild sei man davon ausgegangen, dass der Mensch die Krönung der Schöpfung ist. In unserem heutigen Verständnis, das von Entwicklungen und damit fließenden Übergängen ausgeht, sei es dagegen nicht mehr so einfach, auszumachen, was den Menschen besonders macht.

Kein Kriterium, das den Menschen vom Tier unterscheidet

Der Theologe, der sich auf das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie spezialisiert hat, erinnert daran, dass man früher die Fähigkeit des Menschen nannte, Werkzeuge zu benutzen – bis man herausfand, dass auch Tiere das tun. Dann habe man auf die Moral verwiesen, zu der nur der Mensch fähig sei – bis auch bei Tieren Ansätze moralischen Verhaltens entdeckt wurden. Schließlich bleibe nur noch Religiosität. Der Mensch gelte als „Wesen der Transzendenz“. Becker macht jedoch darauf aufmerksam, dass viele Menschen gerade heute nicht an Gott glauben. „Wir müssen damit leben, dass es vielleicht überhaupt kein Kriterium gibt, das den Menschen trennscharf vom Tier unterscheidet“, so die Schlussfolgerung des Aachener Fundamentaltheologen.

Wandel an Überzeugungen

Aber das ist nicht alles. Die Evolutionsbiologie lehre, dass auch kulturelle Phänomene der Entwicklung unterworfen sind. Dazu gehört auch Religion. Religion existiere laut dieser Auffassung nicht, weil der Mensch ein Wesen der Transzendenz ist, sondern weil religiöse Menschen im Durchschnitt gesünder und stressresistenter leben – und so ihre Gene besser verbreiten können. Was aber bleibt von Freiheit, Kreativität, Liebe, wenn alles nur durch die jeweilige Nützlichkeit erklärt wird?

Becker macht deutlich, dass er an sich nichts dagegen hat, Phänomene auf ihre Funktionalität hin zu befragen und auch in dieser Perspektive zu deuten. Schwierig wird es aber, wenn dies ausschließlich geschieht: „Das, was wir gerade wahrnehmen in unserer Gesellschaft, ist ein Wandel an Überzeugungen hin zu einer Verdiesseitigung und Materialisierung“, erläutert der Theologe.

Wie ist Barmherzigkeit erfahrbar?

Wenn er sich nun dafür einsetzt, mehr als das Funktionale und empirisch Beschreibbare der Welt wahrzunehmen, geschehe das nicht, um die eigene Glaubenstradition zu retten: „Es geht nicht um die Verteidigung des Christentums, es geht um ein gesellschaftliches Setting: Wie wollen wir unsere Gesellschaft? Funktional oder wollen wir ein Mehr haben, eine Sinnperspektive?“

Eine solche Sinnperspektive eröffnet eigentlich die Kirche. Sie setzt der Diagnose des Biologen Richard Dawkins, hinter dem Universum stehe nichts als blinde, erbarmungslose Gleichgültigkeit, Barmherzigkeit entgegen. Wie der gesellschaftliche Trend zeigt, kommt das aktuell allerdings nicht bei den Menschen an. Daher gilt es laut Becker nicht nur, theologisch über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft nachzudenken, sondern auch praktisch aktiv zu werden. Eine Impulsfrage an die Kirche könnte etwa sein: „Inwieweit ist Barmherzigkeit erfahrbar?“ Aber auch die Gläubigen selbst sollten sich bemühen, glaubwürdig zu sein. Vielleicht ist dann auch wieder Platz für Gott. (Theresia Lipp)


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