Jesuit Mertes zu Anti-Missbrauchsgipfel "Über Machtstrukturen sprechen"

18.02.2019

2010 brachte Pater Klaus Mertes Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland an die Öffentlichkeit. Im Interview spricht er über die aktuelle Situation in der Kirche und seine Erwartungen an das anstehende Bischofstreffen zu Missbrauch und Kinderschutz.

Pater Klaus Mertes, Jesuit und Direktor des katholischen Kolleg Sankt Blasien
Pater Klaus Mertes, Jesuit und Direktor des katholischen Kolleg Sankt Blasien © Julia Steinbrecht/kna

Sankt Blasien – Pater Klaus Mertes (64) brachte 2010 sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland ans Licht. Er ging mit zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg an die Öffentlichkeit. Auf den Schritt des Rektors der Jesuitenschule folgten weitere Aufdeckungen von Missbrauchsfällen, die die katholische Kirche in Deutschland erschütterten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht Mertes über die aktuelle Situation in der Kirche und seine Erwartungen an den am Donnerstag (21. bis 24. Februar) beginnenden internationalen Kirchengipfel im Vatikan.

KNA: Pater Mertes, was hat sich in der katholischen Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch verändert?

Mertes: Das Thema ist in der Kirche angekommen. Vor zehn Jahren hieß es noch, es sei ein Problem der angelsächsischen Länder. 2010 war es dann auch ein Problem der Deutschen. Inzwischen begreift die Kirchenspitze im Vatikan, dass es ein großes, weltweites gesellschaftliches Thema ist, das die ganze Kirche angeht.

KNA: Wie bewerten Sie die Missbrauchsstudie, die die deutschen Bischöfe im Herbst vorgelegt haben?

Mertes: Sie ist ganz ausgezeichnet. Sie leistet einen empirischen Befund dessen, was all jene, die in der Praxis damit zu tun haben, schon geahnt, gespürt oder gewusst haben. Und sie analysiert eben auch unterschiedliche Täter- und Opfertypen. Und, ganz wichtig: Sie weist explizit auf die systemischen Zusammenhänge hin. Dies ist auch ein Punkt, der sich durch die Studie in der Kirche definitiv herumgesprochen hat: dass es nicht nur um Einzeltäter geht und Versagen von Einzelpersonen in der Leitung, sondern dass dahinter auch begünstigende Faktoren stehen, die mit dem System selbst und den Strukturen in dem System zu tun haben.

KNA: Damit sprechen Sie das Thema Klerikalismus an.

Mertes: Ja. Wir müssen uns in der Kirche fragen, wie wir mit dem Thema Macht umgehen. Ist das monarchische Leitungsprinzip, das durch den Weihecharakter von Leitungsämtern theologisch besonders gewichtet ist, eigentlich in der Lage, wirklich Machtmissbrauch aufzuklären? Oder muss es nicht eine Machtteilung geben, eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit oder Disziplinargerichtsbarkeit, die eben auch Leitungsversagen in den Blick nimmt, weil die Leitung selbst das Problem gar nicht lösen kann?

KNA: Was erwarten Sie von dem bevorstehenden Vatikan-Gipfel zum Kampf gegen Missbrauch?

Mertes: Ich bin skeptisch. Man darf nicht zu viel erwarten. Es ist eine spontane Entscheidung des Papstes nach dem Schreckensjahr 2018 gewesen, nachdem sowohl in Chile, in Argentinien als auch in Irland und in den USA das Thema Missbrauch hochkam. Sogar mit Blick auf den Papst selbst kam der Verdacht auf, er könnte Dinge vertuscht haben.

KNA: Die Konferenz hat also eher ein Ventilfunktion?

Mertes: Es bleibt die Frage, ob die Erkenntnis, die sich in den amerikanischen und auch den westeuropäischen kirchlichen Kulturen langsam durchzusetzen beginnt - nämlich dass es systemische Hintergründe für Missbrauch gibt - wirklich ganz in Rom ankommt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn überhaupt über das Thema Machtstrukturen gesprochen würde, um zur Aufarbeitung fähig zu werden.

KNA: Was müsste folgen?

Mertes: Der Prozess wird Jahrzehnte dauern. Man muss bereit sein, geduldig über Jahre hinweg ganz dicke Bretter zu bohren. Das ist ein Kulturwandel und hat auch mit einer gesellschaftlichen Akzeptanz dieses Themas zu tun. Ein Bischof, der aus Afrika oder aus Indien kommt, steht ja in einer Kultur, in der die Gesellschaft selbst das Thema noch gar nicht angenommen hat.

KNA: Die deutschen Bischöfe setzen stark auf Präventionsmaßnahmen. Wie können die aber erfolgreich sein, wenn Pädophilie nicht heilbar ist?

Mertes: Es geht es ja nicht nur um Pädophilie, sondern - das sagt uns die Studie der Bischofskonferenz - in der Mehrzahl um Ersatzhandlungen, die nicht primär pädophil sind. Das fängt schon mit der Sprache an. In dem Moment, wo man immer nur von Pädophilie redet, hat man das Problem in seiner ganzen Dimension noch gar nicht zum Ausdruck gebracht. Die homosexuelle oder heterosexuelle Ersatzhandlung gegenüber 14-, 15-, 16-jährigen Jugendlichen ist keine pädophile Handlung. Dann gibt es das ganze Thema der Schutzbedürftigen, die sich in asymmetrischen Beziehungen befinden. Klerikale Gewalt gegen Frauen, vor allem gegen Ordensfrauen ist ein weiteres Thema.

KNA: Haben Sie die Hoffnung, dass es irgendwann eine Kirche geben wird, in der kein Missbrauch mehr stattfindet?

Mertes: Nein. Es wird niemals eine Gesellschaft ohne Missbrauch geben. Man muss auf der Präventionsebene alles tun, um das zu minimieren - aber muss sich auch die Frage stellen: Was tun wir, wenn es geschehen ist? Natürlich ist Prävention wichtig, aber noch wichtiger ist die Frage der Intervention. Was tun wir denn, wenn es geschieht?

KNA: Wie sieht Ihrer Meinung nach die bisherige Bilanz der katholischen Kirche in Deutschland zum Thema Missbrauch aus?

Mertes: Es gibt keine Institution, die das Thema auf der Ebene der Prävention so ernst genommen hat wie die katholische Kirche in Deutschland. Wenn ich mit Opferschutzorganisationen spreche, die ja alle mit der Sache etwas zu tun haben; die wissen: Wenn ich mich an eine katholische Schule mit dem Thema Missbrauch wenden will, öffnen sich Türen. Wenn ich an einer staatlichen Schule ankommen, dann gehen eher die Türen zu.

KNA: Aber?

Mertes: Wir sind noch nicht angemessen interventionsfähig. Man kann auf das Thema Prävention ausweichen, um sich den Fragestellungen zu Intervention zu entziehen. Da landen wir dann wieder bei der Strukturfrage. Wir brauchen Strukturen, die Intervention ermöglichen. Und das müssen die Bischöfe in Rom jetzt angehen. (Sabine Just/kna)


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