Moosburg an der Isar Überwältigende Hilfsbereitschaft beim „Corona-Notfalltelefon“

14.04.2020

Ob Einkaufshilfe oder Gassigeh-Service - in Moosburg ziehen Kirche und Stadt an einem Strang, um Menschen, die vom Coronavirus besonders gefährdet sind, schnell und unkompliziert Hilfe zu kommen zu lassen.

Pastoralreferentin Annemarie Fleischmann
Pastoralreferentin Annemarie Fleischmann vermittelt, mit Hilfe der farbig unterteilten Stadtkarte, Helfer aus der unmittelbaren Nachbarschaft. © Kiderle

„Gleich mal vorneweg: Ich bin so was von begeistert!“ Wenn Annemarie Fleischmann, Pastoralreferentin im Pfarrverband Moosburg-Pfrombach, vom „Corona-Notfalltelefon“ erzählt, wird schnell deutlich: Sie erzählt von einer Erfolgsgeschichte. Das „Notfalltelefon“ ist ein kostenloses Angebot für Menschen in und um Moosburg an der Isar, die sich in Zeiten der Corona-Pandemie nicht selbst versorgen können – etwa weil sie aufgrund ihres Alters oder einer Vorerkrankung besonders gefährdet sind und sich daher nicht mehr vor die Tür trauen. Wer das Angebot nutzt und anruft, bekommt umgehend einen ehrenamtlichen Helfer in seiner Nachbarschaft vermittelt, der sich mit einem in Verbindung setzt und dann wichtige Besorgungen erledigt. 

Alle an einem Tisch

Dass schnell und effektiv geholfen werden kann, geht auch darauf zurück, dass das Moosburger „Corona-Notfalltelefon“ von Anfang an professionell geplant und von mehreren Projektpartnern tatkräftig realisiert wurde. Johannes Becher, Vorsitzender des Sozialvereins Tante Emma e. V. und neben Annemarie Fleischmann die treibende Kraft hinter dem Projekt, erläutert, wie es dazu kam: „Wir haben uns die Frage gestellt, wie sich Personen aus der Risikogruppe versorgen können, wenn sie keine Angehörigen und Freunde haben. Daraus ist die Idee der Notfallnummer entstanden, und da haben wir einfach direkt ein Handy und eine SIM-Karte gekauft.“

Der 31-Jährige ist auch Abgeordneter der Grünen im Bayerischen Landtag sowie Stadtrat in Moosburg und weiß, wie wichtig es ist, Netzwerke zu bilden – und dann, wenn es darauf ankommt, Nägel mit Köpfen zu machen. „Nachdem ich davon gehört hatte, dass Frau Fleischmann Ähnliches plant, haben wir einfach gemeinsam bei mir am Frühstückstisch das Projekt besprochen. Die Vorsitzende des Seniorenbeirats in Moosburg, Dagmar Seghutera, wohnt in der Wohnung über mir, sie habe ich als Vertreterin der Hauptrisikogruppe mit dazugebeten. Und mit der Stadträtin und Seniorenreferentin Karin Linz saß die Stadt Moosburg auch gleich mit am Tisch.“ 

Welle der Hilfsbereitschaft 

Rasch war das Konzept ausgearbeitet und konnte noch in einer frühen Phase der Krise auf den Weg gebracht werden: In der Regionalpresse, auf Homepages und in Social-Media-Kanälen, per Rundmails und mit Aushängen in Apotheken und Supermärkten wurden Hilfsbedürftige informiert und Helfer gesucht, Jugendliche verteilten Flyer in Moosburger Arztpraxen.

Schon am 16. März ging die Notfallnummer in Betrieb – zeitgleich zur Schulschließung, dem Veranstaltungsverbot und der Ausrufung des Katastrophenfalls in Bayern. Als Widerhall kam in kürzester Zeit eine Welle der Hilfsbereitschaft zurück. „Nach knapp einer Woche hatten sich schon 120 Helfer gemeldet: jung und alt, Firmlinge, Kommunalpolitiker, türkische Mitbürger und sogar Asylbewerber“, erzählt Annemarie Fleischmann stolz. Sie verwaltet die Helferliste und bedient sich bei der Vermittlung von Helfern eines Stadtplans, der in farbige Sektoren eingeteilt ist. Von jedem Helfer weiß sie, in welchem Sektor er ansässig ist – sobald sich ein Hilfsbedürftiger meldet, kann sie sofort ermitteln, welche Helfer in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bereitstehen.  

Quarantäne und Humor 

Wie es sich anfühlt, das eigene Haus nicht mehr verlassen zu können, musste die Pastoralreferentin gleich zu Beginn der Notfalltelefon-Initiative am eigenen Leib erfahren: Bei ihrem 90-jährigen Schwiegervater stellte sich eine Coronavirus-Infektion heraus, ihr Mann hatte ihn kürzlich besucht – sofort standen alle Beteiligten unter Quarantäne. Das war zunächst ein Schock, doch eine Nachbarin bot umgehend Hilfe an: „Wenn du irgendetwas brauchst, ich schmeiß dir alles über den Gartenzaun: Kartoffeln, Klopapier, Zahnpasta!“

Zum Glück wurde bei Annemarie Fleischmann und ihrem Mann keine Infektion festgestellt, die Quarantäne war nach wenigen Tagen beendet, und sogar der betagte Schwiegervater ist mittlerweile wieder genesen. „Jetzt ist er wahrscheinlich der einzige, der immun ist!“, scherzt Fleischmann, und auch sonst begegnet sie dem Thema „Corona“ bei allem gebotenen Ernst mit viel Humor: „Wir haben auch unseren privaten Familienspaß, weil der Name Corona bei uns lustigerweise ein alter Familienname ist. Meine Urgroßmutter hieß so, meine Mutter heißt so, und meine Schwester auch.“ 

Von Einkauf bis Gassi gehen

Während Annemarie Fleischmann in Quarantäne war, übernahm Johannes Becher das Notfallhandy. Frisch am Knie operiert und in seinem Aktionsradius aufs Homeoffice beschränkt, erklärte er sich zum Telefondienst bereit und vermittelt nun Hilfseinsätze. Unter den Anrufern seien überwiegend Senioren, berichtet der Landtagsabgeordnete, aber es hätten sich auch schon Personen gemeldet, die normalerweise über die Tafel Lebensmittel bekommen und nach deren Schließung nichts mehr zu essen gehabt hätten.

Das bestätigt auch Stefanie Rautenberg, die für eine kranke alleinstehende Dame, die von der Tafel nicht mehr versorgt wird, einkauft und sich mit ihr bei der Übergabe unterhält. Auch ein Gassigeh-Dienst für einen Hund wurde bereits organisiert. Von einem anderen Fall berichtet Helferin Nadine Gmeinwieser: Sie versorgt eine Familie in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, die aufgrund von Vorerkrankungen besonders vorsichtig ist und das Haus nicht verlässt. Die Einkaufsliste lässt sie sich vorab aufs Handy schicken, gibt Bescheid, sobald sie die Einkäufe erledigt hat, und stellt den Karton mitsamt der Rechnung vor die Haustür. Die Familie überweist dann das Geld. Persönlich habe sie die Nachbarn, für die sie einkauft, noch gar nicht kennengelernt, die Kommunikation laufe nur übers Telefon. 

Gemeinschaftsgefühl das bleibt

Bislang wurde für 14 Personen oder Familien Hilfe organisiert, wobei es sich meist nicht um einmalige, sondern um wiederkehrende Besorgungsdienste handelt – eine Zahl, die im Vergleich zur zehnmal höheren Helferzahl niedrig klingt. Doch Annemarie Fleischmann ist überzeugt: „Besser so als andersrum. Und wer weiß: Wenn sich noch mehr Personen mit dem Virus infizieren, werden auch noch mehr private Hilfsnetzwerke zusammenbrechen – und dann sind wir froh, viele Helfer zur Hand zu haben.“

Dass sich der Erfolg des „Corona-Notfalltelefons“ nicht nur in absoluten Einsatzzahlen bemisst, sondern in einem größeren Rahmen zu verstehen ist, verraten die Äußerungen der Organisatoren wie auch der Helfer: Sie alle haben die Hoffnung, dass von der jetzt erlebten Hilfsbereitschaft und vom Gemeinschaftsgefühl auch nach der Krise etwas bleiben wird. „Jedes Elend hat ja auch das Potenzial, zu Verbesserungen in der Zukunft zu führen“, bekräftigt Seniorenbeirats-Vorsitzende Dagmar Seghutera. „Wir werden es auf jeden Fall nutzen!“ (Joachim Burghardt)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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