"Ehe für alle" aus Sicht der Moraltheologie Unehrlicher Weg

04.07.2017

Für den Münchner Moraltheologen Professor Konrad Hilpert werden bei der "Ehe für alle" mehrere unterschiedliche Anliegen miteinander vermischt.

Konrad Hilpert ist emeritierter Professor für Moraltheologe an der LMU München. © SMB

München – In der Forderung nach der „Ehe für alle“ geht es ethisch um mehrere Anliegen, die miteinander vermischt werden. Eines ist die Neubewertung der Homosexualität und der daraus folgende Abbau der traditionellen Diskriminierung von Menschen mit dieser Orientierung, ein zweites der Sinn der Institution Ehe und ein drittes schließlich die Frage nach der Gleichstellung.

Homosexuelle sind nicht Mitglieder einer besonderen Klasse andersartiger Menschen, sondern Personen wie alle anderen auch. Sie haben eine, wie man erst heute sicher weiß, nicht gewählte, sondern schicksalhafte geschlechtliche Orientierung, die sich von derjenigen der Mehrheit unterscheidet. Homosexualität ist weder eine Krankheit, noch ist sie durch irgendwelche Maßnahmen zu heterosexueller Orientierung veränderbar. Deshalb war die Abschaffung ihrer Strafbarkeit im staatlichen Strafrecht ebenso richtig wie die Anstrengungen konsequent gegen existierende Vorurteile, Pauschalunterstellungen und Benachteiligungen aufklärend tätig zu werden. Dass die Gleichberechtigung homosexueller Menschen im Recht prinzipiell und in der Gesellschaft weitestgehend anerkannt ist, muss als Errungenschaft gesehen werden. Der Einsicht, dass es Männer und Frauen mit gleichgeschlechtlicher Veranlagung gibt, und der Warnung davor, sie deshalb zurückzusetzen, hat sich auch die offizielle kirchliche Lehrmeinung nicht verschlossen, auch wenn sie in einer für Nichtspezialisten kaum verständlichen Wendung zugleich Wert darauf legt, dass homosexuelle Handlungen „in sich“ oder objektiv nicht in Ordnung seien, und daher zur Enthaltung rät.

Auch wenn Betroffene diesem Rat nicht folgen wollen und ihre Neigung praktizieren und zu einer Liebes- und Lebensgemeinschaft entwickeln, verdienen sie darin Respekt. Und selbstverständlich können sie – was auch zu wünschen ist – ihre Zuneigung verknüpfen mit Verantwortung füreinander und dem Versprechen eigener Verlässlichkeit für die Zukunft. Zuneigung, Verantwortung füreinander und Verlässlichkeit in der Zukunft sind auch substantielle Elemente der Ehe. Diese steht laut Grundgesetz „unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (Art.6). Dieser Schutz beinhaltet die Garantie, Einmischungen des Staates selbst wie auch anderer Mächte abzuhalten, ferner die Ermöglichung der Lebensgemeinschaft durch Förderung diverser Art und schließlich Wertschätzung des Potentials der Gatten, gemeinsam Kinder hervorzubringen und zu erziehen. Der wichtigste Grund dafür, dass die Lebensgemeinschaft Ehe unter besonderen Schutz gestellt ist, ist also nicht, die Liebe und auch nicht die Verantwortungsbereitschaft, sondern die prinzipielle Möglichkeit, zu einer Familie mit gemeinsamen Kindern zu werden. Weil Ehegatten durch Zeugung, Geburt und Erziehung zu Eltern werden können, sind sie auch die Grundlage dafür, dass die Gesellschaft fortexistieren kann. Die Ehe ist die einzige Institution, die strukturell für den Fortbestand menschlichen Lebens und damit auch der Gesellschaft und sogar der Menschheit bestimmt ist.

Zwei dieser Schutzgüter, nämlich Abwehr der Einmischung anderer und Unterstützung zur Realisierbarkeit der Verantwortungsgemeinschaft der Partner, können auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften beansprucht werden. Insofern war es konsequent, dass Gesetzgeber und Rechtsprechung eine weitgehende Angleichung der Rechte von hetero- und homosexuellen Lebensgemeinschaften betrieben und für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften ein eigenes Institut, die eingetragene Lebensgemeinschaft, geschaffen haben. Anders verhält es sich jedoch beim dritten Schutzgut: Denn gleichgeschlechtliche Partner sind nicht nur im Einzelfall, sondern prinzipiell nicht in der Lage, gemeinsame Kinder hervorzubringen. Ein Kind zu zeugen vermögen allein Frau und Mann in gegenseitigem Zusammenwirken. Und auch umgekehrt gilt, dass ausnahmslos jeder Mensch Kind einer bestimmten Mutter und eines bestimmten Vaters ist. Auch für Menschen, die nicht bei ihren biologischen Eltern aufgewachsen sind, ist diese Herkunft offensichtlich lebenslang von größter Bedeutung für die Frage, wer sie sind. Die Frage nach den eigenen Wurzeln ist auch dann wichtig, wenn die Eltern, die nicht die biologischen Eltern sind, liebevoll mit ihren Kindern umgegangen sind.

Wirksames Motiv der Modernität

Gegen die Behauptung, dass hier, nämlich im Kinderbekommen-Können, ein wesentlicher Unterschied zwischen Ehe und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften bestehe, wird gern eingewendet, dass Elternschaft nicht bloß sexuell, sondern auch durch einen Rechtsakt oder sogar mit medizinischer Hilfe im Labor zustande gebracht werden kann. Aber sowohl Adoption als auch Zeugung mithilfe medizinischer Assistenz setzen die Einbeziehung von anderen, geschlechtsverschiedenen Personen (bei homosexuellen Männern einer Leihmutter, bei lesbischen Frauen eines Samenspenders) voraus und bedürfen darüber hinaus aufwändiger und konfliktanfälliger Zustimmungserfordernisse. Die Ehe homosexueller Paare ist in diesem zentralen Punkt des Kinderbekommens also gerade nicht gleich mit der heterosexuellen Ehe und die Neudefinition des Begriffs Ehe, wie er jetzt – begründet meist nur mit dem einfältigen, aber wirksamen Motiv der Modernität – durch Mehrheitsbeschluss Holter die Polter vorgenommen wurde, kein ehrlicher Weg, um wirkliche Gleichheit herzustellen und den Rest an Diskriminierungen aus dem Umgang wegzubekommen.

Das bisher bestehende Institut der eingetragenen Partnerschaft, das der Ehe ja in allen anderen Merkmalen nachgebildet war, war dieser Gleichzeitigkeit von Gleichheit und Verschiedenheit angemessener. Es ist schwer nachzuvollziehen, weshalb es jetzt plötzlich selbst von seinen Erfindern nicht mehr als ein eigenständiger Typ anerkannter Verbindung gelten, sondern eine Diskriminierung sein soll. Freilich könnte sich auch die Kirche selbstkritisch die Frage stellen, warum sie dieses Institut der Lebenspartnerschaft von Beginn an scharf verurteilt hat und Mitarbeitern, die diese Lebensform eingegangen sind, die Missio entzogen hat. Und auch, warum sie es zugelassen hat, aus dem gesellschaftlichen Lernprozess über Homosexualität irgendwann auszusteigen und sich in die Rolle des geschmähten Horts der Homophobie drängen zu lassen. (Professor Konrad Hilpert)

Dieser Artikel gehört zum Thema Ehe für alle

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