Impuls von Pater Cornelius Bohl Unerfüllte Wünsche

15.12.2019

Ich bekomme oft nicht das, was ich will, weiß Pater Cornelius Bohl und ist zugleich gewiss: Manchmal überbietet Jesus unsere Erwartungen, indem er sie enttäuscht.

 „Nicht alles unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“, war Dietrich Bonhoeffer überzeugt – und: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“
„Nicht alles unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“, war Dietrich Bonhoeffer überzeugt – und: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ © GVS - stock.adobe.com

„Wenn Geschenke nicht gut ankommen, ist in den seltensten Fällen die Post schuld.“ Im witzigen Wortspiel der Schweizer Lyrikerin Brigitte Fuchs steckt eine gar nicht so witzige Erfahrung: Ich bekomme oft nicht das, was ich will und was ich brauche. Wünsche bleiben unerfüllt. Lange Gesichter gibt es aber nicht nur unter dem Weihnachtsbaum. Auch Lebensträume bleiben unerfüllt. Von meinem Beruf habe ich mehr erhofft, von einer Beziehung mir mehr versprochen. Es gibt viel unerfülltes Leben!

Das Schema von Sehnsucht und Erfüllung ist gerade im Advent sehr vertraut. Der Evangelist Matthäus präsentiert seinen judenchristlichen Adressaten immer wieder Jesus von Nazareth als den verheißenen Messias: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat“, heißt es bei der Verkündigung an Maria und ähnlich bei der Flucht nach Ägypten oder beim Kindermord von Bethlehem. Auch ich selbst erhoffe doch in der Beziehung zu Gott die Erfüllung meiner tiefsten Sehnsüchte. Die Formulierung von Augustinus bleibt klassisch: „Du hast uns, Herr, auf Dich hin erschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ Was aber, wenn ich diese Erfüllung nicht finde? Wenn in mir eine Sehnsucht lebt, die ich zwar nicht loswerde, die aber letztlich ins Leere läuft? Ich wäre existentiell betrogen. Einfach ausschließen kann ich das nicht.

Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © privat

Die Gnade der Enttäuschung

Ich darf es mir aber auch nicht zu einfach machen: In der Beziehung zu Gott passt die Erfüllung nicht unbedingt so haargenau zur Sehnsucht wie ein Stecker in die Steckdose, wie das berühmte Deckelchen auf den Topf. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott“, schreibt Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis. Und selbst dies geschieht oft anders als gedacht. Er erfüllt sie überraschend, manchmal auch verstörend, irritierend. Der verheißene Messias ist anders, als ihn viele erhofft haben, darum wird er abgelehnt. Die Weisen aus dem Morgenland suchen den neugeborenen König natürlich in Jerusalem. Sie finden ihn ganz woanders. Manchmal erfüllt Jesus unsere Erwartungen und überbietet sie, indem er sie zugleich enttäuscht. „Jesus ist die Erfüllung des Alten Bundes durch das Zerbrechen aller bisherigen Hoffnungen hindurch“ (Walter Kasper). Es gibt so etwas wie die Gnade der Enttäuschung.

Ich bin nicht so verrückt, Enttäuschungen zu suchen. Auch ich will an Weihnachten ehrlich singen können: „Christus, der Retter, ist da!“ Aber ich möchte offen bleiben für unerwartete Überraschungen Gottes in meinem Alltag. „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ Auch das hat Bonhoeffer gesagt. Ich kann Freude und Sinn erfahren, wo manches anders kommt als geplant. Und ich kann Gott da entdecken, wo ich ihn nie vermutet, geschweige denn gesucht hätte.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent & Weihnachten

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